Joseph Weizenbaum: Der Computer hat den Kapitalismus gerettet

"Hat sich die Welt wirklich wesentlich verändert mit diesem neuen Instrument?" , fragte der 2008 verstorbene Informatiker Joseph Weizenbaum in einem Interview bei Dreharbeiten zu dem preisgekrönten Dokumentarfilm "Rebel at work", in dem er über Computer und Globalisierung sprach. Er beantwortete die Frage mit "Ja, ja, ja" , setzte jedoch ein großes "Aber" dahinter. Bestimmte Veränderungen habe der Computer auch gebremst: "Wenn man an die sozialen Strukturen denkt in der Welt, (...) dann muss man sagen, dass der Computer gerade zur rechten Zeit kam, um die radikale Veränderung der Welt aufzuhalten."
Damit meinte Joseph Weizenbaum, dass sich keine andere Regierungsform gegen den Kapitalismus behaupten konnte. Denn der Computer stützte das kapitalistische System in einem Moment, als die Bevölkerungsexplosion einen strukturellen Wandel erforderte. "In einem gewissen Sinn hat der Computer die Welt vor einer radikaleren und vielleicht besseren 'Verwandlung' gerettet" , sagte Weizenbaum.

Weizenbaum, der im Laufe seines Lebens immer stärker zum Systemkritiker wurde, erklärte, dass die anderen Wirtschaftssysteme mit Aufkommen des Computers verdrängt worden seien. Die Konzentration der Macht im Kapitalismus sei durch ihn begünstigt worden.
Weizenbaum wertete diese Entwicklung nicht, er stellt lediglich fest, dass die Aufgaben der Regierungen so komplex geworden seien, dass diese neue Mechanismen finden mussten, um sie zu bewältigen. Der Computer kam da gerade recht. Logistik und Verkehr wären nicht zu organisieren ohne ihn. "Hätte es den Computer nicht gegeben, dann könnte es sein, dass wir gezwungen werden, ganz andere soziale Arrangements zu erfinden." Der Computer bewirke, dass das Lokale unwichtiger werde.
Globalisierung scheine zwar zu immer dezentraleren Strukturen zu führen, tatsächlich sei aber das Gegenteil der Fall: Das Lokale müsse zusehends einer Zentralisierung weichen: "Obwohl es so aussieht, als ob es eine Dezentralisierung ist, ist es doch tatsächlich eine Konzentration der Macht, des Managements und so weiter" .
Weizenbaums Denkanstöße
Golem.de veröffentlicht, zum Teil exklusiv, einige Denkanstöße - kurze Videos, in denen der Wissenschaftler Joseph Weizenbaum über Computer, Informatik, Wissenschaft oder Gesellschaft reflektiert. Sie sind im Rahmen des preisgekrönten Dokumentarfilms Weizenbaum. Rebel at Work entstanden.
Weizenbaum (1923 bis 2008) war einer der Pioniere der Informatik - er hat unter anderem am ersten Computersystem für Banken und am Arpanet, dem Vorgänger des Internets, mitgearbeitet. Außerdem hat er mit Eliza die Mutter aller Chatbots entwickelt. 2006 haben ihn die Filmemacher Silvia Holzinger und Peter Haas porträtiert(öffnet im neuen Fenster) . Der Film wurde 2007 mit dem Wolfgang von Kempelen Preis für Informatikgeschichte ausgezeichnet .
Holzinger und Haas haben das Filmprojekt(öffnet im neuen Fenster) ohne Filmförderung, Produzenten oder Unterstützung durch ein Studio umgesetzt und damit fünf Jahre lang ihren Lebensunterhalt bestritten. Ihre Erfahrungen mit der selbst organisierten Finanzierung und Vermarktung haben sie in ihrem 2011 erschienenen E-Book Kann man denn davon leben? beschrieben. Das vertreiben Holzinger und Haas konsequenterweise per Selbstvermarktung über ihre Website(öffnet im neuen Fenster) .



