Jordan Peeles Nope: Ein Titel, der alles sagt

Für sein Skript zum Horrorfilm Get Out(öffnet im neuen Fenster) erhielt Jordan Peele einen Oscar(öffnet im neuen Fenster) , auch in den Kategorien "Beste Regie" und "Bester Film" war er nominiert. Danach folgte sein ambitionierter Film Wir(öffnet im neuen Fenster) , mit dem er einmal mehr nicht nur schwarze Schauspieler in den Fokus rücken, sondern auch eine Botschaft transportieren wollte.
Peeles Filme haben etwas zu sagen, sie sind längst nicht einfach nur Horrorfilme. Sie arbeiten mit den Mitteln des Dramas und gelten als das, was man heute elevated horror nennt - also Horror für ein intelligentes Publikum(öffnet im neuen Fenster) .
Für seinen Science-Fiction-Film Nope(öffnet im neuen Fenster) gab Universal ihm 60 Millionen US-Dollar. Viele waren gespannt, was Peele auf das Publikum loslassen würde. Wie bei ihm üblich, war vorher nur wenig über die Geschichte bekannt. In den USA startete Nope bereits Ende Juli, in Deutschland kommt er am 11. August ins Kino.
Auffällig ist schon jetzt eine deutliche Diskrepanz zwischen etablierter Kritik und Meinung der Zuschauer(öffnet im neuen Fenster) . Letztere sind enttäuscht - und das durchaus zu Recht.
Die Ranch mitten im Nirgendwo
Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Otis (Daniel Kaaluya) und seine Schwester Em (Keke Palmer). Sie haben die Ranch und die Arbeit ihres Vaters übernommen. Er hat Pferde für Hollywood ausgebildet, was aber ein aussterbendes Gewerbe ist, da immer öfter auf CGI-Tiere gesetzt wird. Entsprechend ernst ist die finanzielle Lage, als zudem einige Tiere verschwinden. Otis lässt Überwachungskameras aufbauen und sie zeichnen eine Wolke auf, die sich nie bewegt oder die Form verändert.

Eigentlich ist Otis Pragmatiker. Jemand, der irgendwie alles hinnimmt und, wenn etwas nicht so läuft wie gedacht, das einfach mit einem "Nope" quittiert. Aber nun glaubt er, dass etwas in den Wolken ist. Dass das, was sich darin verbirgt, seine Tiere schnappt. Und dass man, wenn man es nur dokumentieren könnte, damit richtig absahnen könnte.
Der langsame Anfang
Nope hat viele Probleme, die im Grunde alle beim Drehbuch liegen. Wer weiß: Vielleicht hat Jordan Peele früher während der Entstehung einer neuen Geschichte mit anderen darüber gesprochen - und tut das jetzt nicht mehr. Jedenfalls lässt der Film die Kohärenz vermissen, die seine vorherigen Werke hatten.
Hier gibt es zwar gleich zu Anfang ein einigermaßen ungewöhnliches Ereignis, indem Münzen und anderes Material einfach vom Himmel fallen. Danach lässt sich der Film aber 40 Minuten Zeit, um in Gang zu kommen. Nichts, was in diesen 40 Minuten - immerhin ein Drittel des Films - erzählt wird, ist relevant. Es hätte sich auf fünf Minuten kondensieren lassen.
Dieser langsame und vor allem langwierige Anfang saugt dem Film das Leben aus. Als die Handlung endlich etwas vorankommt, ist man als Zuschauer kaum noch interessiert. Aber auch dann reißen die Schwächen von Nope nicht ab. Sie verändern sich nur.
Jede Menge Ballast
Der aus The Walking Dead bekannte Steven Yeun spielt einen ehemaligen Kinderstar, der nun eine Western-Stadt für Kids betreibt. Die Figur hat mit der Haupthandlung eigentlich nichts zu tun, selbst der Kontakt zu Otis und Em ist nur peripher. Trotzdem widmet Peele ihr viel Zeit. So viel sogar, dass es eine ganze Sequenz darüber gibt, was den Mann traumatisierte, als er noch ein Junge war.
Peele bringt einen kompletten Rückblick zur Show, in der das Kind als einziges überlebt, als ein Schimpanse in einen Blutrausch gerät. Das ist eine effektive und tatsächlich gruslig-stimmungsvolle Szene, aber sie hat keinen Bezug zur Handlung des Films. Das macht sie zu Ballast, den man loswerden sollte. Bezeichnend ist aber, dass dies die spannendste Szene ist, an die kein anderer Moment des Films heranreicht.
Der weiße Hai in den Lüften
Im Grunde setzt Peele das, was sich in den Wolken verbirgt, so ein, wie Steven Spielberg den Menschenfresser in Der weiße Hai genutzt hat. Nur, dass es nicht spannend ist. Denn Peele stellt Regeln auf, die sich nicht erschließen. So kann das Ding nur dann zuschlagen, wenn das Opfer es direkt ansieht. Sieht man weg, ist man sicher.
Peele zwingt die Figuren, irrational zu handeln. Es gibt jede Menge Momente, in denen man denkt: Kein echter Mensch würde das jetzt tun. Bei Peele tun sie es jedoch alle, weil die Figuren für ihn nur Mittel zum Zweck sind, um die Geschichte genauso zu erzählen, wie er sich das vorstellt.
Die Figuren müssen aber auch handeln, wie sie es tun, weil Peele Nope natürlich auch mit Botschaften auflädt. Wenn er das Trauma des ehemaligen Kinderdarstellers zeigt, ist das eine kaum verklausulierte Anklage, dass jede Menge Kinder in Hollywood durch den seelischen Fleischwolf gedreht wurden und als beschädigte Erwachsene daraus hervorgingen.
Wenn er von den Pferden spricht, die ersetzt werden, ist das ein Kommentar auf Minderheiten, die in Hollywood nicht so sehr zum Zuge kommen, wie sie sollten. Allerdings wirkt der Kommentar aufgesetzt - und geht an der Sache vorbei, schließlich hat Peele mit seinen Erfolgsfilmen doch dazu beigetragen, dass sich im amerikanischen Film mittlerweile mehr Diversität zeigt.
Mit der Figur des desillusionierten Regisseurs, der mit einer handbetriebenen Kamera das Ding in den Wolken dokumentieren will, möchte er auch etwas aussagen - aber was? Vielleicht etwas über den Mist, den das moderne Hollywood reihenweise raushaut?
Ist denn auch etwas gut an Nope?
Nope enttäuscht auf ganzer Linie, aber er ist nicht gänzlich frei von Qualitäten. Zwar fehlen ihm mehrheitlich Szenen, die Spannung aufbauen, allerdings hat Kameramann Hoyte van Hoytema vieles in grandiosen Bildern eingefangen. Als man das erste Mal das Ding aus den Wolken über Daniel Kaaluya schweben sieht, ist das eindrucksvoll, zumal das Sounddesign und der Score von Michael Abels hervorragend sind.
Kamera und Musik sind die einzigen Elemente, die dem Film ein wenig Klasse geben. Die Schauspieler sind gut, das Material, mit dem sie arbeiten müssen, lässt sie jedoch im Stich.
So ist Nope nicht nur der dritte Film von Jordan Peele, den er als Autor, Produzent und Regisseur verantwortet, sondern auch der erste, der zeigt, dass man ihn vielleicht weniger mit Steven Spielberg vergleichen sollte, der früh den Status eines Wunderkinds hatte.
Vielmehr sollte man ihn mit M. Night Shyamalan vergleichen, der nach seinem ersten Hit The Sixth Sense auch immer weiter versuchte zu beweisen, dass dieser nicht nur ein Zufallsprodukt war. Was Peeles Ausflug in die Science-Fiction betrifft, muss man jedoch sagen: Nope, das war nichts.



