Jill of the Jungle: Epics (nicht ganz so episches) Dschungel-Jump-and-Run

In der dunklen Ecke eines Flurs der elterlichen Wohnung steht der 386er, der uns im Jahr 1993 den Zugriff auf Computerspiele ermöglichte. Über die Bestände von Restpostenläden wanderten immer mal wieder kleine Spieleperlen in unsere Hände und übten mehr oder weniger große Faszination aus.
Einer dieser Funde war die DOS - Spielebox 3, von der wir weder davor noch danach wieder etwas gehört hatten. Sie ist wie ein kleines Buch gebunden und enthielt ein Fünf-Einviertel-Zoll-Diskette mit Shareware-Versionen verschiedener Spiele. Shareware, für diejenigen, die den Begriff nicht mehr kennen, war Software zum Ausprobieren, die beliebig verbreitet werden konnte, aber häufig nur einen eingeschränkten Funktionsumfang bot.
Eine kleine Recherche zur Spielebox 3 offenbarte, dass es eine ganze Reihe dieser Bücher gab, die als "Shareberts Software Hits" von Spielen für DOS bis hin zu Astronomie- und Multimedia-Anwendungen für Windows 3.11 verschiedene Programme unter die Leute brachten.
Speichern wann und wo man wollte
Auf der Fünf-Einviertel-Zoll-Diskette der besagten Sharebert Spielebox befanden sich Cosmos Cosmic Adventure, der Pacman-Klon CD-Man, Chinese Checkers und Teil 1 von Jill of the Jungle. Jill hatte es uns ganz besonders angetan, weil die Amazone, zumindest in unserer Erinnerung, realistisch erschien und sich kühn durch den Dschungel schwang.
Jill of the Jungle wurde 1992 als Trilogie vom erst ein Jahr zuvor gegründeten Spielestudio Epic Megagames veröffentlicht, welches heute für Titel wie Fortnite und Rocket League bekannt ist, aber auch die Unreal-Spiele und Gears of War im Portfolio hat.
Eine Besonderheit von Jill of the Jungle war die Speichermöglichkeit. 1992 war es nicht üblich, dass ein Spielstand an jeder beliebigen Stelle im Spiel angelegt werden konnte. Viele Spiele sahen einfach vor, dass man, sollte man an einer Stelle scheitern, einfach von vorn anfangen musste. Die Unterstützung aller 256 Farben des VGA-Grafikmodus trug ihren Teil zur, in unseren Kinderaugen, realistischen Grafik bei.

Eine VGA-fähige Grafikkarte war allerdings nicht zum Spielen nötig, da die Systemanforderungen auch CGA 4 und EGA 16 angaben. Ein 80286-Prozessor, 512 Kilobyte Arbeitsspeicher und MS-DOS 3.0 oder höher reichten aus, um alle drei Teile, die 1993 nochmal als Jill of the Jungle: The Complete Trilogy veröffentlicht wurden, zu spielen.
Beherzter Sprung ins Abenteuer
Praktischerweise lieferte Sharebert eine deutschsprachige Beschreibung mit, wie sich Jill of the Jungle installieren und steuern lässt. Diese folgte zwar einfach den Angaben der englischsprachigen Beschreibung, die aber aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse damals nicht von uns beachtet wurde. Ohnehin installierten und spielten wir Spiele damals nach dem Trial-and-Error-Prinzip. Gab es irgendwo eine EXE-Datei, wurde diese einfach ausgeführt, um zu schauen, was passiert.
Die Steuerung von Spielen wurde ebenfalls einfach durch das Drücken der naheliegenden Tasten auf der Tastatur in Erfahrung gebracht und Anleitungen waren maximal dafür da, um den damit verbunden Kopierschutz zufrieden zu stellen.
Im Fall von Jill of the Jungle gab es ohnehin nicht viel zu beachten. Bewegen und Klettern mit den Pfeiltasten, Springen mit Strg und Alt, um die Waffe (anfangs ein Messer, später ein Schwert und zwischendurch auch mal ein Ninja-Stern) zu benutzen.
Beherzter Sprung ins Abenteuer
Auch heute noch zeitlos gut ist der beherzte Sprung, mit dem sich Jill in ihr Abenteuer stürzt. So entsteht gleich der Eindruck eines flotten Spiels, der uns direkt vorwärts und von einem Level zum nächsten treibt. Auf der Oberwelt geht es nur voran, wenn wir an den entsprechenden Punkten die durchnummerierten Level nacheinander spielen. Dabei geht es in ein Waldgebiet, in Dungeons und (wer hätte es gedacht) in den Dschungel.
Wasser mag Jill nur zum Duschen und ertrinkt direkt, wenn sie mit tieferen Tümpeln in Kontakt kommt. Dasselbe gilt für Stacheln, die aus dem Boden ragen. Mit anderen Hindernissen und Gegnern nimmt Jill es hingegen solange auf, wie ihr Lebensbalken es zulässt. Dieser lässt sich durch das Einsammeln von großzügig platzierten Äpfeln wieder auffüllen und generell ist das Spiel recht simpel gehalten. Sterben wir, liegt es an unserem eigenen Ungeschick. Die Steuerung macht uns nur selten einen Strich durch die Rechnung.
Ist der Lebensbalken am Ende oder springen wir in eine fiese Falle, stirbt Jill in einer dramatischen Todesanimation, von denen es mehrere gibt. Im Gegensatz zu vielen anderen Titeln aus dieser Zeit gibt es aber keine begrenzten Leben und wir dürfen ausnahmslos an jeder Stelle im Spiel speichern. Vergessen wir das Speichern, starten wir am Anfang des Levels neu.
Pac-Man wir depressiv und Mario muss in Rente
Beim Wiederspielen fragen wir uns allerdings: Warum macht Jill das eigentlich? Ein kurzer Blick auf Wikipedia verrät, dass sie ihren verschollenen Lebensgefährten retten will. Vor wem oder was wissen wir nicht. Im Hauptmenü fällt uns der Menüpunkt "Story" auf. Dieser erklärt uns aber nur, dass Jill der "Tapfere und schön Stern" dieses Spiels ist und 16 "gigantische" Level auf uns warten.
Stellen im Spiel, die mit dem Einblenden einer Textbox eine Geschichte erzählen könnten, handeln nur davon wie die eine unbekannte Kraft namens Epic die Welt der Videospiele auf den Kopf stellt. Ein gewisser Mario musste deswegen angeblich sogar in den Ruhestand gehen. Ein geheimnisvoller P-Man wurde depressiv und der Charakter eines damals noch indizierten Spiels hängte seine noch kurze 3D-Shooter-Karriere wegen Jill direkt an den Nagel. Aber seien wir ehrlich, ein Spiel wie Jill of the Jungle braucht keine epische (Wortwitz) Hintergrundgeschichte.

Es lebt von der Spielwelt, den Rätseln und Hüpfpassagen sowie seinem treibenden Sound. Die Rätsel im Spiel lassen sich rückblickend kaum als solche bezeichnen und sowohl Gegner als auch das Design der Level stellen uns vor keine größeren Herausforderungen.
Die Teile zwei und drei von Jill of the Jungle bieten mehr vom Gleichen. Es gibt ein paar neue Gegner und die Farbe von Jills Kostüm ist in jedem Teil eine andere, aber große Überraschungen erwarten uns nicht. Deshalb stört es uns auch nicht, dass wir damals nicht mit den Fortsetzungen in Kontakt gekommen sind. Was bleibt, ist aber die Erkenntnis, dass wir auch heute noch nach dem Start von Jill of the Jungle immer weiterspielen wollen, obwohl der Titel bereits 32 Jahre alt ist.
Übersicht der vergangenen Staffeln von Golem retro_
In unserer Serie Golem retro_ nehmen wir Spieleklassiker ernst: Wir beleuchten im Video einflussreiche, wichtige oder immer noch sehr gute Spiele und die dafür nötige Hardware.
Die Nähe zu gigantischen Pixeln und quiekigen Midi-Klängen ist uns dabei genauso wichtig wie eine Auseinandersetzung mit den Spielmechaniken.
Wie immer wollen wir auf Wünsche aus der Community eingehen und die Spielepixel zeigen, die unsere Leser am liebsten sehen würden. Dafür bitten wir um reichlich Feedback in den Kommentaren, in denen auch ausdrücklich Spielevorschläge erwünscht sind.
Natürlich lesen wir auch gerne Erlebnisse, die unseren Lesern mit dem jeweils besprochenen Titel in Erinnerung geblieben sind.
Übersicht von Golem retro_ Staffel 11 (2024)
Folge 1 Spezial: Schneider CPC mit SymbOS: Multitasking im 8-Bit-Stil
Übersicht von Golem retro_ Staffel 10 (2023)
Folge 1: Doom (1993): Nicht irgendein Shooter, sondern der Shooter
Folge 2: Mega Man 2 (1988): Mega Man rockt
Folge 3: Super Mario 64 (1996): Als Mario die dritte Dimension eroberte
Folge 4: Commodore 64 (1982): Die Väter des C64
Übersicht von Golem retro_ Staffel 9 (2022)
Folge 1: Star Trek Voyager Elite Force (2000): Widerstand ist Zwecklos
Folge 2: Mass Effect (2007): Epische Schlachten und Sex mit Aliens
Folge 3: ATARI VCS (1977): Das Video Computer System
Übersicht von Golem retro_ Staffel 8 (2021)
Folge 1: Resident Evil (1996): Grauenhaft gut
Folge 2: Half Life (1998): Lange Halbwertszeit
Folge 3: Battlefield 1942 (2002): Flugzeuge, Chaos, Battlefield-Momente
Folge 4: Nintendo Gamecube (2001): Der gefloppte Würfel
Übersicht von Golem retro_ Staffel 7 (2020)
Folge 1: Turrican II (1991): Die letzte Schlacht
Folge 2: Knights of the Old Republic (2003): Auf zu neuen Horizonten
Folge 3: Mafia (2002): Don Salieri lässt grüßen
Folge 4: Sega Mega Drive (1990): Der 16-Bit-Krieg ist eröffnet
Übersicht von Golem retro_ Staffel 6 (2019)
Folge 1: Party like it's 1999: Die 510 letzten Tage von Sega
Folge 2 Spezial: Minikonsolen im Vergleichstest: Die sieben sinnlosen Zwerge
Folge 3: Silent Hill (1999): Horror in den stillen Hügeln
Folge 4: Halo (2001): Der Master Chief mit der Frau im Kopf
Folge 5: TES 3 Morrowind (2002): Im Auftrag des Kaisers nach Vvardenfell
Übersicht von Golem retro_ Staffel 5 (2018)
Folge 1 Spezial: Analogue Super Nt im Test
Folge 2: Need for Speed 3: Hot Pursuit (1998)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 3 Spezial: Playstation Classic im Vergleichstest(öffnet im neuen Fenster)
Folge 4: Command & Conquer (1995)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 5 Spezial: Commodore CDTV (1991)(öffnet im neuen Fenster)
Übersicht von Golem retro_ Staffel 4 (2017)
Folge 1: The Legend of Zelda (1986 und 1995)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 2 Spezial: SNES Classic Mini im Vergleichstest(öffnet im neuen Fenster)
Folge 3: Blade Runner (1997)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 4: King's Field 1 (1994)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 5: Age of Empires (1997)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 6 Spezial: xRGB Mini alias Framemeister(öffnet im neuen Fenster)
Übersicht von Golem retro_ Staffel 3 (2016)
Folge 1 Spezial: NES Classic Mini im Vergleichstest(öffnet im neuen Fenster)
Folge 2: Quake (1996)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 3: Super Mario Bros. (1985)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 4: Syndicate (1993)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 5: (Jack) Alone in the Dark (1992)(öffnet im neuen Fenster)
Übersicht von Golem retro_ Staffel 2 (2015)
Folge 1: Super Metroid (1994)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 2: Anno 1602 (1998)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 3: Star Wars Jedi Knight (1997)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 4: The Secret of Monkey Island (1990)(öffnet im neuen Fenster)
Übersicht von Golem retro_ Staffel 1 (2014)
Folge 1: Star Wars: X-Wing (1993)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 2: Sid Meier's Colonization (1994)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 3: Ultima Underworld (1992)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 4: Rock n' Roll Racing (1993)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 5: Day of the Tentacle (1993)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 6: Speedball 2 Brutal Deluxe (1990)(öffnet im neuen Fenster)



