Jeff Bezos: Amazons Union-Bashing zeigt die Angst vor den Arbeitern

Amazons Konzernführung twittert gegen linke US-Senatoren. Doch offenbar nicht aus einer Position der Stärke heraus.

Eine Analyse von veröffentlicht am
Solidaritätsaktion mit den Amazon-Arbeitern in Bessemer
Solidaritätsaktion mit den Amazon-Arbeitern in Bessemer (Bild: JASON REDMOND/AFP via Getty Images)

An diesem Montag endet die Abstimmung der Amazon-Arbeiter des Logistiklagers Bessemer im US-Bundesstaat Alabama darüber, ob sie für den Anschluss an die Retail, Wholesale and Department Store Union (RWDSU) sind. Seit zwei Monaten läuft die Briefwahl unter den rund 6.000 Beschäftigten in der Pandemie bereits, die meisten von ihnen sind Afroamerikaner, die in der Coronakrise oft gefährliche und schlecht bezahlte Jobs machen müssen.

Die Armutsrate in Bessemer ist fast doppelt so hoch wie in den gesamten USA, das Durchschnittseinkommen liegt bei monatlich 1.500 US-Dollar. Amazon versucht die Bildung einer Gewerkschaft zu verhindern, drohte mit Entlassungen und Standortverlagerung und versuchte die Abstimmung zu verzögern.

Auf Twitter wurde der offizielle PR-Account des Konzerns nervös und griff U.S. Senatorin Elizabeth Warren und den linksgerichteten Senator Bernie Sanders an. An Warren gerichtet hieß es dort: "Sie machen die Steuergesetze, Senatorin Warren; wir folgen ihnen einfach. Wenn Ihnen die Gesetze, die Sie selbst gemacht haben, nicht gefallen, ändern Sie sie doch endlich."

Warren antwortete: "Ich habe die Gesetzeslücken, die Sie ausnutzen, nicht geschrieben - Ihre Armeen von Anwälten und Lobbyisten haben das übernommen." Sie verbat sich zudem, dass "Amazon Senatoren mit rotzigen Tweets" belästige.

Amazon attackiert Bernie Sanders

Sanders hatte die Arbeiter bei ihren Plänen für eine Amazon-Gewerkschaft unterstützt, weswegen er über Amazons Twitterkonto attackiert wurde: "Es gibt einen großen Unterschied zwischen Reden und Handeln. Senator Sanders ist seit 30 Jahren ein mächtiger Politiker in Vermont" und der Monatslohn dort sei niedriger als bei Amazon. "Sanders hält lieber in Alabama Reden, als in Vermont zu handeln." Laut Informationen des angesehenen Technikmagazins Recode soll Amazon-Gründer Jeff Bezos persönlich sein Twitter-Team aufgefordert haben. Doch die Arbeiter direkt selbst öffentlich anzugreifen, wagte sich die Amazon-Geschäftsführung und ihr Twitter-Team nicht. Die Furcht, dass die Arbeiter sich radikalisieren und das ganze System in Frage stellen, wächst. Nach einer Gallup-Umfrage vom Sommer 2018 ist der Anteil der 18- bis 29-jährigen US-Amerikaner, die den Kapitalismus positiv sehen, seit 2010 von 68 auf 45 Prozent gefallen.

Die Auseinandersetzung um das Recht auf gewerkschaftliche Organisation am Amazon-Standort Bessemer hat Bedeutung für den gesamten Konzern und alle Arbeiter in den USA. Aktuell sind nur noch sechs Prozent der Beschäftigten in dem Land Mitglied in einer Gewerkschaft. Abschreckend wirken korrupte Gewerkschaftsführer, die staatliche Propaganda gegen Arbeiterorganisationen und das lahme Co-Management der Gewerkschaftsführer. Es geht darum, dass die Arbeiter sich Gewerkschaften als kämpferische Organisation für ihre Interessen aufbauen: Für höhere Löhne, Gesundheitsschutz, bessere Arbeitsbedingungen und freie gewerkschaftliche Betätigung am Arbeitsplatz.

Amazon: Kleine Gewerkschaftswahl mit großer Bedeutung

Die UNI-Global-Union-Generalsekretärin Christy Hoffman sagte Golem.de: "Wieder einmal sind die Arbeiter gezwungen zu handeln, um Amazon zu verstehen zu geben, dass sie keine Roboter sind. In Italien, Deutschland, Spanien, in Bessemer (Alabama) und anderswo fordern die Amazon-Beschäftigten Bedingungen, die ihre Würde als Menschen respektieren, und Arbeitsplätze, die ihre Sicherheit nicht gefährden."

Noch deutlicher wird Orhan Akman, Bundesfachgruppenleiter Einzel- und Versandhandel, der Golem.de erklärte: "Schon das Zustandekommen der Gewerkschaftswahl in Alabama ist ein großer Erfolg für die Kolleginnen und Kollegen in den USA. Es zeigt, dass Amazon selbst zu Hause kein ruhiges Hinterland hat, sondern die Beschäftigten selbstbewusst und stärker werdend ihre Rechte einfordern." Er verstehe das auch als eine wichtige Unterstützung für den Arbeitskampf, der in Deutschland seit acht Jahren um die Anerkennung der Flächentarifverträge des Einzel- und Versandhandels sowie um einen Tarifvertrag geführt werde. Das Beispiel in Alabama zeige aber auch, wie schwer den Beschäftigten in den USA eine gewerkschaftliche Organisierung gemacht werde. Die Biden-Regierung werde sich daran messen lassen, ob sie dieser "gewerkschaftsfeindlichen Gesetzgebung in den Vereinigten Staaten endlich" ein Ende setzt.

Auch laut dem Washingtoner Thinktank Brookings geht es bei der Abstimmung in Bessemer um sehr viel. Sie könnte "die Arbeiterbewegung wachrütteln und weit über Alabama hinaus inspirieren". Während die Lagerarbeiter in der Coronakrise ihre Leben riskierten, habe Amazon seinen Profit im Jahr 2020 um 84 Prozent und seinen Aktienkurs um 82 Prozent gesteigert, schreiben die Brookings-Forscher. Das Privatvermögen von Jeff Bezos sei im Coronajahr um 67,9 Milliarden US-Dollar gewachsen - das sei das 38-Fache der gesamten Gefahrenzulagen, die Amazon seinen Beschäftigten in der Pandemie gezahlt habe. Aktuell liegt das Gesamtvermögen des Firmengründers bei rund 181 Milliarden US-Dollar.

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markusl30@gmx.net 01. Apr 2021

sobald den hiesigen Angestellten den Einhandelstarif zahlen. Bis dahin bleibt die Amazon...

Trockenobst 30. Mär 2021

Das System dort ist systemisch kaputt. Es gibt Listen von Leuten wo man schon vorher...

mke2fs 30. Mär 2021

Tja, so ist das mit der Meinungsfreiheit bei den meisten Menschen. Die gilt immer für die...

Emulex 30. Mär 2021

Nein ich will sagen, dass Trump nur 4 Jahre regiert hat und jetzt schon einige Zeit...



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