Jailbreaks für alle: Trump lässt Doctorow von freier Software träumen
Es erscheint ziemlich ungewöhnlich, aus dem Mund des Netzaktivisten und Bloggers Cory Doctorow ein ernstgemeintes Lob für US-Präsident Donald Trump zu hören. Doch auf dem 39. Chaos Communication Congress (39C3) in Hamburg sagte der Kanadier tatsächlich(öffnet im neuen Fenster), das postamerikanische Internet sei nun möglich geworden, "weil Trump neue Koalitionspartner mobilisiert hat, die auf unserer Seite kämpfen". Ob die von ihm beschworene Allianz die gewünschten Erfolge zeitigt, darf jedoch stark bezweifelt werden.
Als Mitarbeiter der Electronic Frontier Foundation (EFF) versucht Doctorow seit 25 Jahren, das Internet vor der völligen Kommerzialisierung durch IT-Konzerne wie Meta, Google oder Apple zu retten. Die Verschlechterung der digitalen Dienste, von ihm als Enshittification(öffnet im neuen Fenster) bezeichnet, schreitet dennoch voran. Nun sollen radikalere Methoden dazu führen, das Internet und digitale Dienste aus der Klauen der US-Konzerne zu befreien.
Umgehungsschutz aushebeln
Seine Überlegungen, die er in Hamburg vorstellte, entwickelte Doctorow in den vergangenen Monaten und fasste sie vor einigen Tagen auf seinem Blog zusammen(öffnet im neuen Fenster). Konkret strebt Doctorow an, den sogenannten Umgehungsschutz (Anti-circumvention) von proprietären Programmen und Verfahren auszuhebeln. Seiner Darstellung nach erfanden die USA diesen Schutz nicht nur, sondern können ihn aufgrund ihrer wirtschaftlichen Macht in allen Ländern der Welt durchsetzen. Auch in der EU.
Das trifft durchaus zu. Artikel 6 der überarbeiteten Urheberrechtsrichtlinie von 2001(öffnet im neuen Fenster) schreibt weiterhin "einen angemessenen Rechtsschutz gegen die Umgehung wirksamer technischer Maßnahmen" vor. Dieser Schutz soll Herstellung, Einfuhr, Verbreitung, Verkauf, Vermietung und Werbung für Tools zur Umgehung der technischen Maßnahmen verhindern. Das betrifft beispielsweise Jailbreaks wie bei iOS, um mehr Funktionen auf einem Apple-Gerät nutzen zu können.
Dieselgate als abschreckendes Beispiel
Als negatives Beispiel nannte Doctorow die Praxis von John Deere, bei dessen Traktoren neu eingebaute Ersatzteile erst für 200 US-Dollar aus der Ferne freigeschaltet werden müssen. "Das Modifizieren eines Traktors, um diese Aktivierung zu umgehen, verstößt gegen das Gesetz zur Umgehung von Schutzmaßnahmen, was bedeutet, dass Landwirte auf der ganzen Welt mit diesem überteuerten Müll leben müssen, weil ihre eigene Regierung jeden einsperrt, der einen Traktor-Mod herstellt, der diese Prüfung in diesem amerikanischen Produkt deaktiviert", kritisierte Doctorow. Wobei er verschwieg, dass die Praxis von Deere selbst der US-Regierung zu weit ging und die Handelsbehörde FTC Anfang 2025 eine Klage einreichte(öffnet im neuen Fenster) (PDF).
Zudem verwies Doctorow darauf, dass europäische Firmen sich den Umgehungsschutz ebenfalls zunutze machten. "Der Umgehungsschutz ist der Grund, warum Volkswagen mit dem Dieselgate davonkommen kann", sagte er. Die Haftungsregelungen für Reverse Engineering hätten eine abschreckende Wirkung erzielt, so dass die illegale Steuerungssoftware nicht aufgedeckt worden sei. Tausende Europäer seien deshalb gestorben(öffnet im neuen Fenster).
Der Hacker Felix Domke hatte die Software erst nach Bekanntwerden der Abgasmanipulationen analysiert. Auf dem diesjährigen Kongress will er einen finalen Blick auf den Dieselskandal werfen(öffnet im neuen Fenster).
Doctorow stört sich zudem daran, dass Autohersteller wie Mercedes-Benz oder BMW bestimmte Fahrfunktionen nur gegen ein Abo anbieten, obwohl die erforderliche Technik und Software bereits enthalten ist.
Das ist in der Tat der Fall, macht aber deutlich: Vom Umgehungsschutz profitieren nicht nur US-Firmen. Warum sollte Europa daher den besagten Artikel 6 der Urheberrechtsrichtlinie aufheben, wenn dadurch die eigenen Firmen geschädigt würden?
Doctorow: USA haben ihren Ruf verspielt
Doctorow argumentiert, dass die Aufhebung des Schutzes zwar einige Firmen benachteilige, aber viele andere Unternehmen und vor allem die Verbraucher davon profitierten: "Es sind nicht nur Menschen wie wir, die dieses ganze verdammte Jahrhundert schon darum kämpfen, sondern auch Länder, die Amerikas Milliarden aus dem Techsektor in Treibstoff für eine Einwegrakete umwandeln wollen, um ihren nationalen Technologiesektor in eine stabile Umlaufbahn zu bringen. Und es sind die Falken der nationalen Sicherheit, die sich Sorgen machen, dass Trump ihre Ministerien oder Traktoren lahmlegt, aber die sich auch zu Recht Sorgen machen, dass Xi Jinping ihre Solarzellen oder Batterien lahmlegt."
Durch Trump, aber auch die Vorgängerregierungen, hätten die USA ihren Ruf als sicherer Hafen für Finanzdienstleistungen und IT-Dienste verloren. Zudem habe Trump ohnehin schon Strafzölle verhängt, obwohl die übrigen Länder den USA beim Umgehungsschutz entgegengekommen seien. "Wenn jemand droht, dein Haus niederzubrennen, wenn du seinen Anweisungen nicht folgst, und er dein Haus dann trotzdem niederbrennt, musst du seinen Anweisungen nicht länger folgen", sagte Doctorow.
Nur die Reichen profitieren
Zudem verweist er auf die wirtschaftliche Entwicklung in den USA, von der nur die Reichen profitierten. Man dürfe niemals vergessen, "dass das postamerikanische Internet gut für die Amerikaner sein wird, denn in einem K-förmigen, gespaltenen, ungleichen Amerika(öffnet im neuen Fenster) kommen die Billionen, die amerikanische Technologieunternehmen aus der Welt plündern, nicht den normalen Amerikanern zugute". Der durchschnittliche US-Amerikaner sei kein Aktionär der großen IT-Konzerne, "sondern deren Opfer".
Es dürfte jedoch eher ein Wunschdenken bleiben, dass große Staaten das Jailbreaking legalisieren. Selbst wenn das in Ländern wie Kanada der Fall wäre, dürften die Produkte immer noch nicht in die EU eingeführt werden.
Doctorow setzt allerdings wenig Hoffnung in Bemühungen der EU, durch gesetzliche Regelungen wie das Gesetz über digitale Märkte (DMA) die monopolartigen Angebote der großen US-Konzerne zu brechen. "Jeder ernsthafte Versuch digitaler Souveränität braucht Migrationsinstrumente, die ohne die Zusammenarbeit mit großen amerikanischen Technologiekonzernen funktionieren", forderte er und fügte hinzu: "Andernfalls baut man in Ostberlin Wohnungen für Menschen, die in Westberlin leben. Egal wie gut diese Wohnungen sind, niemand wird einziehen, solange die Mauer besteht."
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