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Jailbreaks für alle: Trump lässt Doctorow von freier Software träumen

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Mit dem Begriff Enshittification prägte Cory Doctorow die Digitaldebatte der vergangenen Jahre. Sein neuer Lösungsvorschlag klingt jedoch arg optimistisch.
/ Friedhelm Greis
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Cory Doctorow hofft auf ein postamerikanisches Internet. (Bild: Friedhelm Greis/Golem)
Cory Doctorow hofft auf ein postamerikanisches Internet. Bild: Friedhelm Greis/Golem
Inhalt
  1. Jailbreaks für alle: Trump lässt Doctorow von freier Software träumen
  2. Doctorow: USA haben ihren Ruf verspielt

Es erscheint ziemlich ungewöhnlich, aus dem Mund des Netzaktivisten und Bloggers Cory Doctorow ein ernstgemeintes Lob für US-Präsident Donald Trump zu hören. Doch auf dem 39. Chaos Communication Congress (39C3) in Hamburg sagte der Kanadier tatsächlich(öffnet im neuen Fenster) , das postamerikanische Internet sei nun möglich geworden, "weil Trump neue Koalitionspartner mobilisiert hat, die auf unserer Seite kämpfen" . Ob die von ihm beschworene Allianz die gewünschten Erfolge zeitigt, darf jedoch stark bezweifelt werden.

Als Mitarbeiter der Electronic Frontier Foundation (EFF) versucht Doctorow seit 25 Jahren, das Internet vor der völligen Kommerzialisierung durch IT-Konzerne wie Meta, Google oder Apple zu retten. Die Verschlechterung der digitalen Dienste, von ihm als Enshittification(öffnet im neuen Fenster) bezeichnet, schreitet dennoch voran. Nun sollen radikalere Methoden dazu führen, das Internet und digitale Dienste aus der Klauen der US-Konzerne zu befreien.

Umgehungsschutz aushebeln

Seine Überlegungen, die er in Hamburg vorstellte, entwickelte Doctorow in den vergangenen Monaten und fasste sie vor einigen Tagen auf seinem Blog zusammen(öffnet im neuen Fenster) . Konkret strebt Doctorow an, den sogenannten Umgehungsschutz (Anti-circumvention) von proprietären Programmen und Verfahren auszuhebeln. Seiner Darstellung nach erfanden die USA diesen Schutz nicht nur, sondern können ihn aufgrund ihrer wirtschaftlichen Macht in allen Ländern der Welt durchsetzen. Auch in der EU.

Das trifft durchaus zu. Artikel 6 der überarbeiteten Urheberrechtsrichtlinie von 2001(öffnet im neuen Fenster) schreibt weiterhin "einen angemessenen Rechtsschutz gegen die Umgehung wirksamer technischer Maßnahmen" vor. Dieser Schutz soll Herstellung, Einfuhr, Verbreitung, Verkauf, Vermietung und Werbung für Tools zur Umgehung der technischen Maßnahmen verhindern. Das betrifft beispielsweise Jailbreaks wie bei iOS, um mehr Funktionen auf einem Apple-Gerät nutzen zu können.

Dieselgate als abschreckendes Beispiel

Als negatives Beispiel nannte Doctorow die Praxis von John Deere, bei dessen Traktoren neu eingebaute Ersatzteile erst für 200 US-Dollar aus der Ferne freigeschaltet werden müssen . "Das Modifizieren eines Traktors, um diese Aktivierung zu umgehen, verstößt gegen das Gesetz zur Umgehung von Schutzmaßnahmen, was bedeutet, dass Landwirte auf der ganzen Welt mit diesem überteuerten Müll leben müssen, weil ihre eigene Regierung jeden einsperrt, der einen Traktor-Mod herstellt, der diese Prüfung in diesem amerikanischen Produkt deaktiviert" , kritisierte Doctorow. Wobei er verschwieg, dass die Praxis von Deere selbst der US-Regierung zu weit ging und die Handelsbehörde FTC Anfang 2025 eine Klage einreichte(öffnet im neuen Fenster) (PDF).

Zudem verwies Doctorow darauf, dass europäische Firmen sich den Umgehungsschutz ebenfalls zunutze machten. "Der Umgehungsschutz ist der Grund, warum Volkswagen mit dem Dieselgate davonkommen kann" , sagte er. Die Haftungsregelungen für Reverse Engineering hätten eine abschreckende Wirkung erzielt, so dass die illegale Steuerungssoftware nicht aufgedeckt worden sei. Tausende Europäer seien deshalb gestorben(öffnet im neuen Fenster) .

Der Hacker Felix Domke hatte die Software erst nach Bekanntwerden der Abgasmanipulationen analysiert . Auf dem diesjährigen Kongress will er einen finalen Blick auf den Dieselskandal werfen(öffnet im neuen Fenster) .

Doctorow stört sich zudem daran, dass Autohersteller wie Mercedes-Benz oder BMW bestimmte Fahrfunktionen nur gegen ein Abo anbieten, obwohl die erforderliche Technik und Software bereits enthalten ist.

Das ist in der Tat der Fall, macht aber deutlich: Vom Umgehungsschutz profitieren nicht nur US-Firmen. Warum sollte Europa daher den besagten Artikel 6 der Urheberrechtsrichtlinie aufheben, wenn dadurch die eigenen Firmen geschädigt würden?


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