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Raumfahrtblase und Raumfahrttradition

Nachdem Raumfahrt lange als rein staatliches Geschäft gegolten hatte, gab es im August 2019 weltweit 131 private Unternehmen, die eigene kleine Trägerraketen entwickeln. Der Erfolg von SpaceX machte es leichter, Investoren von solchen Geschäftsmodellen zu überzeugen, die bislang als aussichtslos galten. Es sind fast durchweg kleine Raketen, die nur um den Markt von kleinen Satelliten in niedrigen Orbits konkurrieren können. Wie in jeder Investitionsblase übersteigt das Angebot die mögliche Nachfrage jedoch bei weitem, und bislang war neben SpaceX nur ein weiteres Unternehmen erfolgreich.

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Einige aussichtsreiche Firmen mussten inzwischen Konkurs anmelden. Dazu gehört Vector Space Systems genauso wie Firefly Aerospace. Während Vector nach der Konkursanmeldung im Dezember die Zerschlagung droht, fand Firefly nach dem Konkurs von 2016 einen ukrainischen Investor, der die Entwicklung größtenteils in der Ukraine fortsetzte. Inzwischen kooperiert die Firma mit dem US-Unternehmen Aerojet Rocketdyne. Relativity Space verspricht, mit 3D-gedruckten Raketen die Raumfahrt zu revolutionieren und Arca Space will mit dubiosen Versprechungen von elektrischen Wasserraketen Investorengelder bekommen.

Ganz anders verhält es sich bei der neuseeländischen Firma Rocketlabs, die ihren Firmensitz inzwischen in die USA verlegt hat. Sie startete 2017 mit der Electron erstmals eine Rakete, die ein sehr ähnliches Konzept wie die Falcon 9 verfolgte. Allerdings hat sie bei einem Startpreis von fast sieben Millionen US-Dollar nur ein Hundertstel der Nutzlast.

Dennoch ist die Firma erfolgreich. Nach zehn Flügen gilt Rocketlabs als etablierte Firma. Sie arbeitet an der Wiederverwendung ihrer Raketen und bietet an, die Oberstufe der Electron direkt als Struktur, Antrieb und Stromversorgung eines Satelliten zu verwenden, wodurch mehr Nutzlast für Instrumente im Orbit übrig bliebe.

SpaceX bringt Arianespace und Roskomos unter Druck

Seit 2018 gibt es mit der Rocket Factory in Augsburg auch ein deutsches Unternehmen in diesem Markt, das von dem großen Satellitenbauer OHB über dessen Tochterfirma MT Aerospace finanziert wird. Firmen ohne finanzielle Unterstützung durch größere Investoren oder - siehe China - den Staat werden in den nächsten Jahren in Anbetracht des Überangebots sehr geringe Erfolgsaussichten haben.

Durch die niedrigen Startpreise von SpaceX kommen inzwischen aber auch die großen Anbieter in Bedrängnis. Die niedrigen Startkosten haben die russische Raumfahrt in eine tiefe Krise gestürzt. Bis dahin waren Raketen wie die Proton, die schon in den 1960er Jahren die Schwerlastrakete der Sowjetunion war, die preiswerteste Alternative ihrer Klasse und sehr beliebt, obwohl sie teilweise weniger zuverlässig war. Durch Korruption und Führungslosigkeit ist die Entwicklung der Angara-Rakete über Prototypen noch immer nicht hinaus, während immer neue Pläne für Nachfolger der Sojus und sogar Großraketen für Mondflüge angekündigt werden, wenn auch ohne Finanzierung.

In Europa nahm Arianespace, Hersteller der Ariane-Raketen, die Konkurrenz nicht ernst und entwickelte für 3,2 Milliarden Euro mit der Ariane 6 nur eine weiterentwickelte Ariane 5 statt eines grundlegend überarbeiteten Konzepts. Alle Starts werden stark von der europäischen Raumfahrtagentur Esa subventioniert und werden im nächsten Jahrzehnt selbst gegenüber der Ariane 5 keine Einsparungen bringen.

In den USA führte die Falcon 9 zur Einstellung der teuren Delta-IV-Raketen von der United Launch Alliance, dem alten Monopolisten für größere Trägerraketen in den USA. Deren Atlas-V-Rakete wird in den nächsten Jahren ebenso eingestellt und durch einen Nachfolger namens Vulcan ersetzt, die mit Preisen von wenigstens 90 Millionen US-Dollar pro Start aber nur bei staatlichen Aufträgen des Militärs und der Nasa konkurrenzfähig ist.

Nur wenige Raketen wie Delta IV Heavy oder die Ariane 5 haben eine deutlich größere Nutzlast als die Falcon 9. Um diese Lücke zu schließen, entwickelte SpaceX die Falcon Heavy, mit der etwa dreifachen Nutzlast der Falcon 9. Der Livestream vom ersten Flug der Falcon Heavy verzeichnete im Februar 2018 auf Youtube die zweitmeisten Zuschauer aller Zeiten.

Japanische Raketen können am ehesten mit SpaceX konkurrieren

Noch am ehesten hat die japanische Jaxa eine Antwort auf die Falcon 9 gefunden. Sie beauftragte Mitsubishi mit einem Nachfolger der H-II-Raketen, mit denen japanische Nachrichtensatelliten in hohe Orbits und Weltraumtransporter zur ISS gestartet werden. Die H-3 hat nicht nur eine arabische Ziffer in der Typenbezeichnung, sondern auch ein stark vereinfachtes Gesamtkonzept.

Das Haupttriebwerk orientiert sich nicht mehr am komplexen Aufbau der Spaceshuttle-Triebwerke, sondern wurde stark vereinfacht. Mit zwei von diesen Triebwerken ist es möglich, günstigere Feststoffbooster ohne schwenkbare Düsen zu bauen. Mitsubishis neuer Ansatz im Raketenbau lohnt sich: Bei vergleichbarer Leistung soll der Start einer H-3-Rakete mit 65 Millionen US-Dollar nur wenig teurer als der Start einer Falcon 9 sein.

Die Senkung der Kosten beim Start mit einer Falcon 9 kam vor allem den Kunden von SpaceX zugute. Niedrigere Preise machten mehr Projekte von Nachrichtensatelliten wirtschaftlich. Es wurden so viele davon in Auftrag gegeben, dass SpaceX erst 2018 die letzten verspäteten Altaufträge abarbeiten konnte. Seit dem Ende des Kalten Krieges im Jahr 1990 wurden nicht mehr so viele Raketen in einem Jahr gestartet wie 2018.

2019 war diese Entwicklung am Ende. Es wurden viel weniger Nachrichtensatelliten für den geostationären Orbit in Auftrag gegeben als in den Jahren zuvor. Der Grund war die Ankündigung der von SpaceX entwickelten Starlink-Satelliten und anderer großer Konstellationen wie der von Oneweb, die wegen der viel geringeren Latenz eine ernsthafte Konkurrenz zu Satelliten im geostationären Orbit sind. Der Aufbau dieser Konstellationen wird im Jahr 2020 wohl wieder zu einem deutlichen Wachstum der Weltraumstarts führen.

Fast keine Auswirkungen hatten die stark gesunkenen Startkosten dagegen auf die Weltraumforschung, die in viel längeren Zeiträumen geplant und finanziert wird. Trotz stark gestiegener Ausgaben lässt sich keine positive Entwicklung im Vergleich zum vorhergehenden Jahrzehnt feststellen und selbst vergleichbare Missionen sind deutlich teurer geworden.

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 Der Aufstieg von SpaceXEin fast verlorenes Jahrzehnt für die Astronomie 
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lucky_luke81 06. Jan 2020

dem schliesse ich mich an!.. Nach langer zeit der erste Artikel von Golem der nicht...

Balgam 27. Dez 2019

Dem kann ich mich anschließen und hoffentlich gibt's bald mal wieder etwas im Podcast zu...

GwhE 26. Dez 2019

Aber genau deswegen baut man ja große spiegel, damit man "kleinere" bzw weiter entfernte...


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