ITler in der Finanzbranche: Alles, nur nicht streng und öde

Immer wieder höre ich im Freundes- und Bekanntenkreis diese Vorurteile: Die Arbeit bei einer Bank sei eintönig und langweilig, die Projekte träge und uninteressant. Ob man immer im Anzug arbeiten müsse und ob die Leute eingebildet seien, werde ich auch oft gefragt. Als jemand, der schon länger bei einer Bank arbeitet, kann ich da nur sagen: Diese Vorurteile stimmen überhaupt nicht (mehr).
Vorurteil 1: Verkrustete Strukturen
Eine Bank ist in der Regel ein großes Unternehmen und ein gängiges Vorurteil lautet: Je größer das Unternehmen, desto verstrickter ist dessen IT-Landschaft. Updates von Technologien oder das Migrieren alter Systeme wird so immer teurer und aufwendiger, die Risiken werden so groß, dass Software nicht mehr auf dem neuesten Stand gehalten wird. Die Folge sind jede Menge technische Schulden.
Wir setzen dagegen moderne Projekt-Methodologien wie Dev-Ops und SAFe(öffnet im neuen Fenster) ein. Durch das Zurückgeben der Verantwortung von Systemen an ihre Entwickler braucht man zudem kein dediziertes Wartungsteam mehr, das ohnehin unmöglich alle fachlichen und technischen Nuancen jeder Applikation kennen kann.
Die Verantwortung dafür, die eigene Arbeit zu pflegen und zu warten, hat sich bei meiner Firma bewährt, die Softwareentwicklung ist dadurch eindeutig nachhaltiger. Wir bieten für unsere Nutzer während der normalen Arbeitszeiten Support an. Funktioniert ein System nicht, können sie ein Ticket erstellen und das Problem wird gelöst.
Damit nicht immer nur eine Person diese Aufgabe hat, haben wir einen Plan, in dem steht, welche Mitarbeiter wann für Betriebsprobleme verantwortlich sind. Der oder die Zuständige muss dann zusehen, dass das Problem behoben wird. Allerdings geht es primär darum zu merken, dass ein Ticket angekommen ist. Es muss nicht zwingend von demjenigen gelöst werden, der gerade Schicht hat.
Für diese Arbeit werden neue Mitarbeiter vom Team geschult. Wenn man die Applikationen einigermaßen im Griff hat und weiß, wie Probleme gelöst werden, wird man in den Plan mit aufgenommen. Natürlich will man lieber Entwicklungsarbeit leisten und keinen Support. Dennoch ist diese Arbeit wichtig und unser Team führt sie gewissenhaft aus.
Vorurteil 2: Veraltete Technologien
Ein weiteres Vorurteil ist, dass Banken träge sind, nicht mit der Zeit gehen und auf veralteten Programmiersprachen und Technologien hängen bleiben. Auch das erlebe ich anders. Der Gebrauch neuer Technologien ist möglich, da die Entwickler bei der Wahl der einzusetzenden Programmiersprachen und Frameworks sehr frei sind.
Zum Beispiel bauen wir momentan ein neues System, für das wir Kotlin einsetzen, die Applikation deployen wir in die Cloud. Außerdem werden Postgres-Datenbanken verwendet.
In den letzten Jahren wurden Angular und Typescript im Frontend bei uns sehr beliebt, im Backend wird dagegen meist auf Java und bekannte Frameworks wie Spring und JPA in Kombination mit Oracle-Datenbanken gesetzt.
Hier und da finden sich auch exotische Ausnahmen. So sind einige Systeme im Einsatz, bei denen man auf die Vorteile von künstlicher Intelligenz angewiesen ist.
Diese werden weder mit Java noch mit Angular entwickelt, sondern mit anderen, für diese Aufgabe besser geeigneten Werkzeugen gebaut (auf die ich nicht genauer eingehen kann). Es gibt jedenfalls keine verbotenen oder verpönten Standards, die unter keinen Umständen eingesetzt werden dürfen.
Und wie sieht es mit den anderen Vorurteilen aus? Lange Arbeitszeiten, dröge Projekte, strikte Kleiderordnung?
Stimmt nicht. Stimmt nicht. Stimmt nicht.
Vorurteil 3: Lange, unflexible Arbeitszeiten
Wie bei vielen anderen Stellen für Softwareentwickler ist es auch in der Finanzindustrie mittlerweile üblich, ein Gleitzeitmodell anzubieten. Ich arbeite 80 Prozent. Dabei habe ich keinen fixen Tag frei, sondern nehme mir ab und an ein paar Tage für ein verlängertes Wochenende oder höre schon am Mittag auf zu arbeiten.
Natürlich gibt es Zeiten, in denen es wichtige Arbeit zu erledigen gibt und es nicht möglich ist, frei zu nehmen. Im Großen und Ganzen passiert dies aber eher selten und die unter uns jungen Menschen ach so wichtige Work-Life-Balance kommt nicht zu kurz.
Vorurteil 4: Nur eine Nummer unter vielen
Bei größeren Firmen mit mehreren Tausend Mitarbeitern fühlt man sich schnell wie eine Nummer in einem großen System. Man kennt die Vorgesetzten der Vorgesetzten kaum und hat den CEO höchstens mal im Vorbeigehen gesehen.
Meine jetzige Firma hat etwa 1.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im IT-Bereich. Trotzdem fühlt man sich wie in einer Familie. Man duzt jeden, auch das Business, und jeden, dem man auf dem Gang begegnet. Auf individuelle Bedürfnisse wird eingegangen.
Wenn man sich schlecht fühlt oder gerade eine schwere Zeit im privaten Leben durchmacht, wird man gehört und verstanden. Ich habe das erlebt: In einer für mich schwierigen Zeit nach einer Trennung wurde ich von meinem Vorgesetzten sehr ernst genommen, konnte mir Zeit nehmen, wieder zu mir zu finden und es wurde mir Verständnis entgegengebracht, dass ich gerade nicht so leistungsfähig war.
Und was den CEO angeht, den man nur im Vorgehen kennt: Ich kenne meinen. Er kommt zum Beispiel jedes Weihnachten in verschiedene Abteilungen und wünscht den Mitarbeitenden persönlich frohe Festtage.
Vorurteil 5: Dröge Projekte
Die Bank ist im Wandel, da kleinere Fintech und andere Finanzdienstleister sich schnell entwickeln und neue Produkte und Dienstleistungen anbieten. So entstehen auch bei uns viele neue, auch große Projekte, die Digitalisierung ist im Gange. Von neuen Bankenschnittstellen zu mobilen Bezahlsystemen und einfachen Vorsorgeeinzahlungen via App ist alles dabei.
Die zu entwickelnden Systeme müssen sicher, skalierbar und zuverlässig sein. Mein Team arbeitet für den Bereich Finanzierung und Rating. Von der Erstellung von Finanzierungsanträgen für Hypotheken über Frühwarnsysteme für Zahlungsunfähigkeit bis hin zu der Bewertung ausländischer Banken und ganzer Länder sind viele Systeme vertreten. Diese müssen sehr genau arbeiten und zuverlässig funktionieren.
Die Projekte sind dementsprechend anspruchsvoll und Fehler können zu Reputationsschäden sowie Ertragsausfällen führen. Es erstaunt also kaum, dass man als Mitarbeiter zuverlässig, fokussiert und technisch gut bewandert sein muss, um die Arbeit gut ausführen zu können.
Vorurteil 6: Strenge Kleiderordnung
In unserem Unternehmen kommt es nicht darauf an, wie man sich anzieht. Anzug und Krawatte sind auf keinen Fall ein Muss. Zugegeben: Ich musste schmunzeln, als ich zum ersten Mal einen Mitarbeiter in Birkenstock und kurzen Hosen sah. Offenbar hatte ich zum Thema Kleidung auch Vorurteile.