Etliche Mitschüler waren für die IT nicht wirklich geeignet
➤ Seit acht Monaten bin ich arbeitslos und wollte zu Beginn meiner Arbeitslosigkeit eine IT-Weiterbildung beginnen. Die Agentur lehnte dies ab, da die Kosten von 15.000 Euro für sechs Monate als zu hoch angesehen wurden und ich als hochqualifiziert galt, schnell eine Stelle zu finden.
Ich habe im Projektmanagement gearbeitet, hauptsächlich in Digitalisierung und W-Commerce.
Aufgrund des schwierigen Marktes habe ich jedoch bisher nichts gefunden, und selbst die typischen Headhunter-Anfragen auf Linkedin sind ausgeblieben.
Ich bezweifle, dass die Weiterbildung in der aktuellen Situation eine Verbesserung gebracht hätte, da der Markt für Juniorstellen so begrenzt ist, dass Unternehmen mit einer großen Anzahl von Bewerbern zu kämpfen haben.
"Das Gros der Mitschüler wurde übernommen"
➤ Ja, Umschulung 2017 mit IHK-Abschluss. Offenbar hatten wir ein gutes Institut erwischt. Sofort nach der Maßnahme einen Job bekommen. Das Gros der Mitschüler wurde von den jeweiligen Praktikumsbetrieben übernommen. Aber: Etliche Mitschüler waren für die IT nicht wirklich geeignet, hatten kaum Interesse am Thema. Sahen nur die guten Jobaussichten.
➤ Ich habe meine Maßnahme abgebrochen, aber vielleicht wollt ihr meinen Erfahrungsbericht ja dennoch lesen.
Ich habe im Jahr 2022 eine Umschulung zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung bei der CBW in Hamburg begonnen. Mein Ziel war es, mich aus dem IT Customer Support heraus zu entwickeln, und auch die Arbeitsagentur wollte mich hierbei unterstützen. Unser Kurs begann mit 18 bunt zusammengewürfelten Leuten, von Altenpflegern über Studienabbrecher bis Langzeitarbeitslosen (keine Wertung!). Die angebotenen Zertifikate lasen sich recht gut: PHP Zend, Java, Scrum, AWS u. v. w. Der Kurs sollte zwei Jahre gehen, wobei 1,5 Jahre Unterricht waren, an die sich sechs Monate Betriebspraktikum anschlossen und mit einer IHK-Prüfung endeten.
Die Hamburger Handelskammer hat zu dieser Zeit nur eine Präsenzpflicht von 50 Prozent aller Kursinhalte vorgeschrieben. Also saßen wir alle erst einmal im Homeoffice. Die ersten Wochen hatten wir nur theoretische Inhalte wie Arbeitsrecht (nebst Besuch im Arbeitsgericht), Datenschutz am Arbeitsplatz und ähnliche Inhalte, immer in 2-Wochen-Blöcken. Erst nach sechs Wochen haben wir die ersten Zeile Code in Python schreiben dürfen. Die Inhalte bauten nicht aufeinander auf. Java folgte auf UML, C# auf Scrum, Netzwerkgrundlagen auf PHP und es änderten sich dadurch auch immer die Lehrer.
Die Qualität der Lehrer schwankte extrem. Es handelte sich ausschließlich um Honorarkräfte. Der Lehrer für Arbeitsrecht war ein netter Mann, bat uns aber öfters in die Eigenarbeit, da er Schlaf nachholen musste (leider kein Witz). Der HTML/CSS/JS-Lehrer hatte viel Erfahrung mit Projektmanagement, aber leider keine Ahnung vom Coding. Ein Kommilitone und ich haben dem Rest des Kurses (der noch mitmachen wollte) am Ende React beigebracht, was in zwei Wochen nicht möglich ist.
Der Scrum-Lehrer war uns aus Saudi-Arabien zugeschaltet. Er war ein älterer Herr, der dort für eine andere Firma arbeitete. Es stellte sich heraus, dass er keine Ahnung von Scrum hatte, so dass er ausgetauscht werden musste. Da wir keine Zeit mehr hatten, hat uns die neue, viel bessere Lehrerin nur noch zeigen können, wie man gut betrügen kann bei der Zertifizierung.
Für Python hatten wir leider zwei Lehrer, eine sehr guten und einen nicht so guten. Auch bei dieser Zertifizierung musste betrogen werden. Beim ersten Versuch sind alle Teilnehmer durchgefallen. Beim zweiten Versuch musste betrogen werden. Wir bekamen die Fragen und Antworten eines vorangehenden Kurses, denn die Fragen rotieren wohl nicht so oft. Die Kamera im Raum wurde zudem so ausgerichtet, dass man die Handys nutzen konnte.
Da die Python-Zertifizierung auf Kosten des Trägers wiederholt werden musste, wurde das AWS-Cloud-Engineer-Zertifikat herabgestuft (auf das erste der verfügbaren). Wir mussten drei Wochen Python wiederholen, so dass für AWS nicht mehr genug Zeit war. Das PHP-Zend-Zertifikat wurde ersatzlos gestrichen. Das Java-Zertifikat haben nur drei Teilnehmer bestanden.
Unser Kurs ist auf sieben Teilnehmer zusammengeschrumpft. Das Beste war: Die IHK hat den Homeoffice-Anteil gestrichen. Es herrschte sofortige Präsenzpflicht, was zum Chaos bei der CBW in Hamburg führte, denn in Berlin konnte 100 Prozent Homeoffice gemacht werden. Aber nur für die Umschüler, nicht für die Lehrer! So saßen wir alle in engen Räumen, in einem Teams-Meeting.
Das Ende vom Lied: Nur drei Teilnehmer haben eine Praktikumsstelle bekommen. Ich habe leider keines bekommen und habe mir wieder einen Support-Job gesucht. Ich programmiere privat aber sehr viel und sehr gerne. Ich habe dem Arbeitsamt meine Erfahrungen in einem umfangreichen Bericht geschildert, aber nie eine Rückmeldung erhalten.



