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Veruntreuung aufgedeckt

➤ Es war zu meiner Ausbildungszeit (um 2001 herum) und passierte einem Klassenkollegen in der Berufsschule: Er erzählte uns, dass die Server in seiner Arbeitsstelle immer zu einer bestimmten Uhrzeit zusammenbrachen und etwa zehn Minuten später wieder hochfuhren. Alle hatten Skripte/Viren/Trojaner im Verdacht. Ich sagte scherzeshalber: "Guckt mal, wann eure Putzfrau unterwegs ist."

Er erzählte es den Kollegen und im nächsten Blockunterricht berichtete er, dass, als er das nächste Mal im Büro gewesen sei, die Steckdosen abgesperrt und mit Panzertape abgesichert worden seien. Seitdem gab es zu besagter Uhrzeit keinen Ausfall mehr.

➤ Ich habe meinen damaligen Chef erwischt, wie er Hunderttausende Euro veruntreut hat, unter anderem, um eine Geliebte und deren Sohn (seiner?) mit einem Haus zu versorgen. Er fälschte Eingangs- und Ausgangsrechnungen und hatte Vertraute bei einem Dienstleister, die mit ihm gemeinsame Sache gemacht haben.

Eigentlich bin ich nur durch Zufall draufgekommen: Ich wollte mehr Mitsprache im Einkauf haben, weil wir immer sehr teuer bei besagtem Dienstleister eingekauft haben. Das verstand ich nicht und dachte: "Die nehmen ihn aus!" . Ich bat ihn also, mich zukünftig einzubeziehen, um Geld einzusparen. Er wollte aber nicht und erinnerte mich daran, dass ich genug andere Sachen um die Ohren hätte. Er hatte da nicht unrecht und ich dachte mir nichts weiter dabei – das Budget war ja seine Aufgabe.

Als ich einige Monate später ein Vertragsdokument suchte, fiel mir eine seltsame Rechnung in seinem Ablagestapel in die Hände, von der ich wusste, dass wir solche IT-Produkte gar nicht eingekauft hatten. Das fand ich seltsam und meine Neugier war geweckt. Ich habe dann auf eigene Faust recherchiert und letztlich auch seine Datenablage durchforstet. Mir kam das Grauen: Rechnungsvorlagen, die er hat anpassen müssen; seltsame Korrespondenz mit dem Dienstleister; Rechnungen mit Produkten, die niemals bei uns gelandet sind und so weiter.

Mir wurde schlagartig klar, dass es sich um Betrug handeln musste. Ich war hin und hergerissen, weil ich wusste, dass er seinen Job verlieren würde, wenn ich das an die Geschäftsleitung trage – und ich möglicherweise auch, weil ich seine Daten durchsucht habe. Andererseits wusste ich nun von dem Betrug und nichts zu sagen wäre falsch gewesen. Das war irrsinnig schwer: Ich hatte die Angst, dass er sich vielleicht sogar etwas antut, weil es um sehr viel Geld ging. Zudem hat mein Vater etwas Ähnliches verbrochen, das hat bei mir böse Erinnerungen an eine katastrophale Phase meines Lebens geweckt.

Ich bin dann letztlich zum Betriebsrat und habe dort nochmal alles dargelegt. Ich konnte es ja selbst nicht glauben und dachte, ich habe etwas übersehen und das Ganze ist möglicherweise doch ganz normal. Dort hat man mich auch gut unterstützt und die Dokumente und Einschätzung anonymisiert an die Geschäftsleitung kommuniziert.

Die wusste aber relativ schnell Bescheid, dass ich das "Leak" war – es gab eigentlich kaum eine andere logische Möglichkeit. Da ich mir mit Lügen sehr schwer tue, habe ich, als ich die Aufforderung aus der Geschäftsleitung bekam, offiziell Beweise zu sichern, den Geschäftsführer über mein Tun informiert. Ich wollte und konnte nicht Unwissen und Verwunderung vortäuschen. Danach bin ich dann erst einmal zusammengebrochen, weil ich das Schlimmste sowohl für meinen Chef als auch für mich befürchtete.

Man hat mich nicht entlassen, aber das Versprechen, meinen Namen aus der Sache herauszuhalten, wurde gebrochen. Nach nur wenigen Tagen wusste die ganze Firma Bescheid (und so auch mein Chef). Das fand ich extrem enttäuschend und im Nachgang war es wohl auch ein Versuch, mich auf diesem Wege loszuwerden. Ich fand das extrem undankbar.

Mein Chef wurde sofort entlassen, machte aber einen Deal mit der Firma (Rückzahlung der Gelder, dafür keine Anzeige). Das mag angesichts meiner möglicherweise illegalen Recherche doppelzüngig klingen, aber ich fand, dass er durchaus eine Strafe hätte bekommen müssen – alleine schon aus Präventionsgründen.

Er fand relativ schnell eine neue Stelle, als Finanz- und Controllingleiter, ausgerechnet. Ich selbst habe nach einiger Zeit schweren Herzens gekündigt. Ich habe dort sehr gerne gearbeitet, aber manche Kolleginnen und Kollegen haben mich danach anders behandelt – mein Chef war sehr beliebt, auch bei mir. Außerdem hat man mir von der Geschäftsleitung signalisiert, dass ich im Unternehmen keine Zukunft habe.

Im Nachgang denke ich mir: Hätte ich besser nichts gesagt.


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