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IT in der Schule: Die finnische Modellschule hat Tablets statt Schreibtische

Finnland steht weit oben im PISA-Ranking und ist für seine guten Schulen bekannt. Neue Konzepte wollen die Schulbildung noch freier gestalten und binden dabei auch Laptops und Tablets mit Lern-Apps in den Unterricht ein. Wie das funktioniert, haben wir uns an einer Schule in Helsinki angeschaut.
/ Tobias Költzsch
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Zwei Schüler spielen Big Bang Legends, ein naturwissenschaftliches Lernspiel. (Bild: Tobias Költzsch/Golem.de)
Zwei Schüler spielen Big Bang Legends, ein naturwissenschaftliches Lernspiel. Bild: Tobias Költzsch/Golem.de

Klingeling. Wenn Lehrer Perttu Kuronen mit der kleinen Glocke klingelt, ist das für seine Schüler das Zeichen, zu ihm zu kommen und ihm zuzuhören - und ihre iPads wegzulegen. In anderen Schulen würde eine Glocke möglicherweise bedeuten, dass die Schüler ihre Bücher hinlegen und sich an ihre Tische setzen sollen. Nicht so in der Grundschule von Kalasatama(öffnet im neuen Fenster) im Osten Helsinkis.

IT an finnischen Schulen - Bericht
IT an finnischen Schulen - Bericht (01:14)

Die Schule steht für einen neuen Schultyp in Finnland: Es gibt reichlich Technik wie etwa Computer, riesige Touchscreens und iPads, auf eine starre Raumordnung mit festen Sitzplätzen wird hingegen verzichtet. Überall wuseln Kinder herum, setzen sich mal an einen PC, um ein Lernprogramm zu starten, oder legen sich auf den Boden oder ein Sitzkissen, um in einem Buch zu blättern.

Finnische Schulen setzen bereits jetzt stark auf die Förderung sozialer Fähigkeiten und auf Freiheiten für Lehrer bei der Wahl des Stundenplans. In der Schule von Kalasatama gibt es jedoch kaum mehr Schreibtische und feste Sitzordnungen; die Kinder können und sollen überall da lernen, wo sie wollen.

Dabei werden neben traditionellen Lehrmitteln wie Büchern auch Computer, Tablets und verschiedene Apps verwendet. Mittlerweile hat sich eine neue Entwicklerindustrie in Finnland gebildet, die sich auf Lern- und Schul-Apps spezialisiert. Wir haben uns bei einem Besuch das Bildungskonzept erklären lassen und mit Lehrern sowie App-Entwicklern gesprochen.

Grundschule mit offenen Bereichen und Sitzkissen

Die Grundschule in Kalasatama wurde Ende 2016 eröffnet. Zurzeit lernen an der Schule 120 Schüler der Klassen 1 bis 4, bis 2020 sollen 700 Schüler der Klassen 1 bis 9 in Kalasatama zur Schule gehen. Die Schule ist von der Klassifizierung her eine herkömmliche finnische Elementarschule, in der Kinder bis zum 15. Lebensjahr unterrichtet werden. Anschließend können die Schüler auf einem Gymnasium ihr Abitur machen oder eine Berufsfachschule besuchen.

Eine Raumaufteilung wie in einer klassischen Schule gibt es in Kalasatama nicht: Alles ist sehr offen. Das uns gezeigte Stockwerk wird von zwei großen Räumen dominiert, in denen die Schüler den Unterricht verfolgen. Davon zweigen kleinere Räume ab, in denen es dann doch einige Tische und Stühle gibt. Der Unterricht findet im Grunde im gesamten Stockwerk statt, die Lehrer gehen zwischen den Schülergruppen umher und helfen bei den Übungen.

Ruhige Lernatmosphäre mit Büchern, PCs und iPads

Schüler liegen mit Büchern auf dem Boden, sitzen an Laptops oder arbeiten mit iPads - chaotisch ist es aber nicht. Die Lernsituation ist kontrolliert, die Schüler arbeiten konzentriert und machen keinen Quatsch. Elektronische Geräte wie PCs und Tablets sind so eingerichtet, dass damit keine Apps heruntergeladen werden können.

Mightifier sorgt für Komplimente

Lehrer Perttu Kuronen sitzt an einer Seite der großen roten Couchlandschaft in der Mitte des großen Raums. Er verwendet heute mit seiner dritten Klasse die App Mightifier(öffnet im neuen Fenster) , dafür hat er zahlreiche Zettel mit QR-Codes vor sich liegen. Mightifier soll die soziale Kompetenz der Schüler verbessern: Der Grundgedanke ist, dass die Kinder sich gegenseitig Nachrichten schicken, in denen sie sich sagen, was sie am jeweils anderen schätzen. So soll das Miteinander gefördert und sichergestellt werden, dass auch schüchterne Schüler in den Klassenverband integriert werden.

Mit den Nachrichten sollen Schüler eigene Fähigkeiten erkennen können, die sie von sich aus womöglich gar nicht bei sich vermutet hätten. Die App wird in Finnland bereits in zahlreichen Schulen eingesetzt, auch in den USA wird das Programm verwendet, wie uns Kirsi Haapamäki von Mightifier erklärt.

Mightifier soll das Gruppenklima verbessern

Die Anwendung von Mightifier im Unterricht ist reglementiert, die Schüler schreiben nicht einfach drauflos. Vor Kuronen sitzen ungefähr zehn Kinder, jedes hat ein iPad vor sich liegen. Kuronen teilt QR-Codes aus, die den Schülern zeigen, wem sie eine Nachricht schreiben sollen. So wird sichergestellt, dass auch jeder eine Nachricht bekommt und die Kinder nicht nur Freunden etwas schicken. Routiniert scannen die Mädchen und Jungs den Code mit ihren iPads und der Mightifier-App ein und machen sich ans Werk.

Die Atmosphäre ist konzentriert; wir haben nicht das Gefühl, dass die Kinder die aktuelle Übung als Spaß oder Belohnung für anderweitiges, langweiliges Lernen empfinden. Sicherheitshalber werden alle verfassten Nachrichten vom Lehrer an seinem iPad kontrolliert, damit nicht doch einer der Schüler etwas Gemeines schreibt. Die Schüler können mit Mightifier Punkte verdienen, mit denen sie beispielsweise ihrer Avatar-Figur einen neuen Hut verpassen können. So gibt es neben dem Erhalt positiver Nachrichten noch eine weitere Langzeitmotivation.

Im Gespräch mit Kuronen zeigt sich der Pädagoge vom Konzept der App überzeugt: " Die Kinder freuen sich, wenn sie die positiven Nachrichten bekommen. Die App verbessert das Gruppenklima." Eine Gefahr, dass die Schüler zu lange vor Mightifier sitzen, sieht Kuronen nicht: "Ich benutze die App mit den Kindern im Unterricht nur zwischendurch, vielleicht fünf Minuten lang." Dann geht der normale Unterricht weiter.

In einem kleineren Nachbarraum beschäftigen sich Kinder mit einer weiteren finnischen Lern-App: Big Bang Legends.

Mit Big Bang Legends spielend das Periodensystem lernen

Big Bang Legends stammt vom Entwicklerstudio Lightneer(öffnet im neuen Fenster) . Deren Gründer ist Peter Vesterbacka, einst Mitbegründer von Rovio und Schöpfer von Angry Birds. Versterbacka hat nach seinem Weggang von Rovio das Potential von Apps mit pädagogischem Hintergrund erkannt, Big Bang Legends soll entsprechend nicht das einzige Lernspiel von Lightneer bleiben.

Das Prinzip des Spiels erinnert an Angry Birds: Kleine Monster müssen durch einen Parcours geschossen werden, durch die korrekte Wahl des Winkels erzielt der Spieler mehr Punkte. Das Besondere sind die Monster selbst: Jedes entspricht einem chemischen Element des Periodensystems. Die Eigenschaften der Figuren entsprechen denen der Elemente selbst, also beispielsweise der Anzahl der Elektronen.

Spielfiguren entsprechen den Elementen und ihren Eigenschaften

Beschäftigen sich die Kinder mit den Monstern und deren Fähigkeiten, lernen sie automatisch die Eigenschaften der Elemente - so die Idee Vesterbackas. Und tatsächlich scheint das Konzept aufzugehen: Die von uns beobachteten Kinder schienen komplett vergessen zu haben, dass sie nebenbei etwas lernen. Stattdessen beschäftigten sie sich eingehend mit den Charakteren von Big Bang Legends, also den Elementen.

Auch Big Bang Legends wird in der Schule gezielt eingesetzt und bestimmt nicht den kompletten Schulalltag. Generell hatten wir den Eindruck, dass all die Computer und Tablets in der Schule den Alltag der Schüler begleiten, aber nicht bestimmen. Möglicherweise ist dies auch eine Generationenfrage: Heutige Grundschüler sind mit technischen Geräten wie Smartphones, Tablets und Computern aufgewachsen und sehen sie eher als normalen Teil des Alltags an als ältere Menschen.

Die Kinder gehen vorurteilsfreier mit derartiger Technik um. Ein Tablet im Unterricht zu benutzen ist für Kinder weniger problematisch als für Erwachsene. Dennoch ist es natürlich wichtig, die Balance zu erhalten und auch andere Unterrichtsmethoden zu verwenden. Den Leitern der Schule von Kalasatama ist dies bewusst: Sie versuchen, die verschiedenen Unterrichtselemente im Gleichgewicht zu halten. So setzt die Schulleitung sowohl Wert auf einen Umgang mit neuen Medien wie Computern und Tablets, aber auch auf klassischen Unterricht mit Büchern und anderen Methoden.

Auch Deutschland versucht, in Schul-IT zu investieren

Auch in Deutschland ist mittlerweile angekommen, dass die Digitalisierung der Schule kein Übel sein muss, sondern eine Chance sein kann. Ende 2016 stellte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka das Konzept DigitalPakt#D(öffnet im neuen Fenster) vor: Bis 2021 sollen die 40.000 Schulen in Deutschland vom Bund mit rund fünf Milliarden Euro unterstützt werden, um für Breitbandanschlüsse, WLAN und Geräte sorgen zu können. Die Länder sollen im Gegenzug für die entsprechende Ausbildung des Lehrpersonals sorgen. Einige erste Klassen(öffnet im neuen Fenster) nutzen mittlerweile Tablets in ausreichender Zahl.

Wie eine digitalisierte Schule funktionieren kann, zeigt das Beispiel Kalasatama. Allerdings ist das dort verfolgte Konzept der weitreichenden Digitalisierung und des schreibtischlosen Lernens auch in Finnland noch etwas Besonderes, da es sich um eine Modellschule handelt. Was wir bei unserem Besuch gesehen haben, scheint aber zu funktionieren - und könnte auch für Deutschland als Beispiel dienen.

Offenlegung: Golem.de war auf Einladung der finnischen Regierungsbehörde Finpro in Helsinki. Unsere Berichterstattung ist davon nicht beeinflusst und bleibt gewohnt neutral und kritisch. Der Artikel ist, wie alle anderen auf unserem Portal, unabhängig verfasst und unterliegt keinerlei Vorgaben Dritter; diese Offenlegung dient der Transparenz.


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