IT-Dienstleister: Streit bei Materna

Der IT-Dienstleister Materna berät als Kommunikations- und IT-Dienstleister Bundesministerien und Firmen. Doch offenbar gibt es im eigenen Unternehmen massive Kommunikationsprobleme und Auseinandersetzungen zwischen Geschäftsführung und Arbeitnehmern. Golem.de hat von einem mehrere Monate dauernden internen Streit erfahren, bei dem es unter anderem um die Gründung eines Betriebsrates und Prämienzahlungen für Mitarbeiter ging. Von denen sollen viele das Unternehmen verlassen wollen.
Mitarbeiter und eine weitere Quelle werfen der Geschäftsleitung des Unternehmens vor, dass sie die Gründung eines Betriebsrates am Standort Dortmund habe verhindern wollen. Außerdem hätten Mitarbeiter durch ein neues Prämienmodell finanziell benachteiligt werden sollen, weil das Unternehmen seinen Gewinn habe erhöhen wollen.
Unsere Informationen stammen von einer Quelle, die nach eigenen Angaben noch bei Materna arbeitet und über Führungserfahrung verfügt. Wir konnten außerdem mit einer weiteren Person sprechen, die die Vorwürfe bestätigt hat. Die Auseinandersetzung lässt sich auch durch mehrere Gerichtsentscheidungen belegen, bei denen es um die Modalitäten für die Wahl eines Betriebsrates geht.
Ein aus den Nähten geplatzter Mittelständler
Ein Mitarbeiter beklagt im Gespräch mit Golem.de, dass bei Materna keine Strukturen für eine zeitgemäße Beteiligung der Mitarbeiter an Entscheidungen existierten. Dies belaste das Arbeitsklima. Außerdem werde seit Jahren immer wieder über einen Betriebsrat diskutiert, dieses Jahr habe die Geschäftsleitung die Gründung eines solchen Betriebsrates verhindern wollen. Aufgrund eines neu aufgelegten Sparprogrammes befürchten Mitarbeiter außerdem, dass ihre variablen Gehaltsanteile sinken werden.
Materna ist ein IT-und Kommunikations-Dienstleister, der für zahlreiche Ministerien arbeitet, unter anderem für das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, aber auch für Unternehmen wie DHL und den Landmaschinenhersteller Claas. Der Umsatz im Jahr 2015 betrug 210 Millionen Euro, das Unternehmen hat derzeit etwa 1.700 Mitarbeiter.
Das Unternehmen ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen, doch die internen Strukturen sind offenbar nicht entsprechend umgestaltet worden. Dies führte wohl zu einer Entfremdung zwischen der Belegschaft und der Management-Ebene im Unternehmen. Immer wieder ist, auch auf Jobbewertungsportalen wie Kununu, von einem "Wasserkopf" im Management und in der Verwaltung die Rede. Materna selbst sieht offenbar ebenfalls Handlungsbedarf. Gereon Wolff, Senior Vice President Marketing & Communications bei Materna, bezeichnet das Unternehmen im Gespräch mit Golem.de als einen "aufgrund des Wachstums der letzten Jahre aus den Nähten geplatzten Mittelständler."
Gewinn soll um 140 Prozent gesteigert werden
Seit dem Jahr 2015 läuft daher unseren Informationen zufolge ein internes Umstrukturierungsprogramm, das von der Geschäftsleitung unter Vorsitz von Helmut Binder und Ralph Hartwig angestoßen wurde. Die Leitungsebene gab offenbar das Ziel aus, den Gewinn des Unternehmens deutlich zu steigern: Unsere Quelle berichtet von einer angestrebten Erhöhung vor Steuern (EBIT) um 140 Prozent im Jahr 2016. Ziel ist es offenbar, die Marge an den Branchendurchschnitt anzupassen.
Um dies zu erreichen, sollen intern Kosten eingespart werden. Ein Mittel dazu: die Veränderung der variablen Gehaltsanteile der Mitarbeiter. Diese werden zum Teil bereits als Vorauszahlung mit dem monatlichen Gehalt ausgezahlt und am Ende des Jahres auf Basis der erreichten Ziele festgelegt. Werden diese nicht im vollen Umfang erreicht, könnten Mitarbeiter sogar in die Lage kommen, bereits erhaltene Gelder an das Unternehmen zurückzuzahlen.
Nach Informationen von Golem.de wurden einigen Mitarbeitern im Unternehmen aber erst Mitte des Jahres 2016 neue Zielvereinbarungen vorgelegt, die neue Ziele für das gesamte Jahr vorschreiben. "Die Ziele wurden im Vergleich zu den vergangenen Jahren deutlich hochgesetzt. Dieser Umstand war den betroffenen Mitarbeitern Anfang des Jahres noch nicht bekannt – die Vereinbarungen gelten aber trotzdem." Mitarbeiter mussten somit ein halbes Jahr lang Ziele erreichen, von denen sie noch gar nichts wussten. Daher sei zu befürchten, so unsere Quelle, dass sie Einbußen beim Gehalt hinnehmen müssten.
Sind 140 Prozent "moderat"?
Materna selbst kommentiert die Umstrukturierungen wie folgt: "Dass Wirtschaftsunternehmen regelmäßig die Ertrags- und Kostensituation ihres Handelns überprüfen, ist ein normaler Prozess. Dass Veränderungen in diesen Strukturen auch entsprechende Maßnahmen nach sich ziehen, um unternehmerisch gewissen Trends entgegensteuern zu können, ebenfalls." Deswegen strebe man eine "moderate Erhöhung des EBIT an" .
Die Befürchtungen, dass sich die neuen Zielvereinbarungen als Problem für die Mitarbeiter entpuppen könnten, bezeichnet das Unternehmen als "hypothetisch" und verweist darauf, dass die variablen Anteile in den vergangenen beiden Jahren unter Berücksichtigung der Beschäftigtenzahl "nahezu identisch" ausgefallen seien. Das ermöglicht aber natürlich keinen Rückschluss auf die in diesem Jahr zu erwartenden Prämien. Dass die neuen Zielvereinbarungen zu Einbußen führen können, bestreitet das Unternehmen nicht.
Unternehmen klagte gegen ersten Wahlvorstand
Als Reaktion auf die Veränderungen entschlossen sich einige Mitarbeiter im Mai 2015, die Gründung eines Betriebsrates an den Standorten Dortmund und Wolfsburg anzustoßen – mit Unterstützung der IG Metall(öffnet im neuen Fenster) . In Dortmund arbeiten etwa 900 Mitarbeiter, in Wolfsburg sind es nur vier – für einen eigenen Betriebsrat wäre das Unternehmen laut Betriebsverfassungsgesetz zu klein, daher würde ein Betriebsrat am Stammsitz ebenfalls in Wolfsburg aktiv werden.
Die Gründung dieses Betriebsrates soll nach Aussage verschiedener Quellen von der Unternehmensleitung sabotiert worden sein. Mitarbeiter aus der Verwaltung sollen angehalten gewesen sein, einen Betriebsrat schlechtzureden und auf die Nachteile hinzuweisen, etwa weniger Flexibilität und hohe Kosten. Außerdem seien Mitarbeiter, die das Anliegen eines Betriebsrates unterstützten, kurzfristig zu Personalgesprächen gebeten worden, bei denen sie sich für ihr Engagement hätten rechtfertigen müssen. Außerdem sollen einige Mitarbeiter, die der Geschäftsleitung eher freundlich gegenüberstehen, "mehr Freiheiten" gehabt haben, ihr Anliegen auf internen Kommunikationsplattformen zu bewerben als andere.
Kurz nachdem die Mitarbeiter die Gründung eines Wahlvorstandes zur Wahl eines Betriebsrates angekündigt hatten, gab es eine zweite Initiative, dieses Mal für einen unternehmensweiten Betriebsrat für alle elf Materna-Standorte in Deutschland. Ein unternehmensweiter Betriebsrat hätte für den Arbeitgeber Vorteilte – er müsste weniger Mitarbeiter für die Betriebsratsarbeit freistellen, als wenn an jedem Standort ein eigener Betriebsrat gegründet würde. Allerdings könnte ein unternehmensweiter Betriebsrat nicht ohne weiteres auf die Bedürfnisse aller Mitarbeiter eingehen, wenn diese an verschiedenen Orten in ganz Deutschland arbeiten.
Das Betriebsverfassungsgesetz lässt zwar durchaus zu, dass ein Betriebsrat unternehmensweit aktiv ist – dies gilt aber eher für Unternehmen, die in einer Stadt einen Hauptsitz und mehrere Filialen im unmittelbaren Umkreis haben – etwa Frisöre oder Bäcker. Die Standorte von Materna sind zum Teil mehrere hundert Kilometer voneinander entfernt.
Geschäftsleitung bestreitet Sabotage
Die Geschäftsleitung von Materna bestreitet, dass sie selbst die Gründung eines zweiten Betriebsrates angeregt habe – und verweist auf eine interne Abstimmung der Mitarbeiter im Intranet. Dort hätten sich etwa 60 Prozent der stimmberechtigten Mitarbeiter für die Gründung eines unternehmenseinheitlichen Betriebsrats an allen Standorten ausgesprochen.
Materna widerspricht auch der Aussage, dass das Management die Gründung eines Betriebsrates habe verhindern wollen: "Wir dürften die Gründung eines Betriebsrates gar nicht verhindern und wir haben das auch nicht versucht" , sagte Gerion Wolff im Gespräch mit Golem.de. "Wir haben sogar einen externen Veranstaltungsraum organisiert und die Mitarbeiter mit Bussen zu der etwa fünfstündigen Veranstaltung gefahren."
Gericht wies Eilbedürftigkeit ab
Allerdings versuchte die Geschäftsführung von Materna, die Gründung des Betriebsrates am Standort Dortmund mit einer Klage zu stoppen – die weitere Gründung des Betriebsrates sollte per einstweiliger Verfügung unterbunden werden. Das Arbeitsgericht in Dortmund und das Landesarbeitsgericht in Hamm sahen jedoch keine Eilbedürftigkeit der Klage und wiesen diese ab (Aktenzeichen 6 BVGa 15/16 sowie 8 BVGa 21/16 und 7 TaBVGa 3/16(öffnet im neuen Fenster) ). Da eine Entscheidung im Hauptsacheverfahren zwölf Monate oder länger gedauert hätte, entschloss die Leitungsebene sich, den Klageweg nicht weiter zu verfolgen.
Dabei verwarf das Gericht auch die Argumentation von Materna, dass ein Betriebsrat an nur einem Standort zu Problemen in gemischten Teams führen könnte, deren Mitarbeiter in verschiedenen Städten arbeiten.
Nach dem negativen Urteil wurde auch die Gründung des unternehmensweit einheitlichen Betriebsrates abgebrochen. Mittlerweile fanden am Standort Dortmund am 12. September 2016 die Wahlen für den dortigen Betriebsrat statt, der seine Arbeit aufgenommen hat und über 13 Mitglieder verfügt. Informationen über die geplante Gründung von Betriebsräten an anderen Standorten von Materna liegen dem Unternehmen nach Angabe von Wolff derzeit nicht vor.
Negative Bewertungen bei Jobportalen
Auffällig ist, dass die Bewertungen des Arbeitgebers Materna auf dem Jobportal Kununu(öffnet im neuen Fenster) oder Glassdoor(öffnet im neuen Fenster) sehr unterschiedlich sind. Zahlreichen sehr schlechten Bewertungen stehen hier auffällig gute entgegen. Meinungen aus dem Mittelfeld kommen hingegen eher selten vor. Unsere Quelle behauptet, dass hier auf Druck des Arbeitgebers Praktikanten verpflichtet worden seien, gute Zeugnisse für den Arbeitgeber abzugeben – eine Darstellung, die wir nicht unabhängig überprüfen können.
In den negativen Kommentaren(öffnet im neuen Fenster) finden sich jedoch zahlreiche Kritikpunkte, die auch unsere Quelle uns genannt hat. Immer wieder werden fehlende Möglichkeiten zur Mitbestimmung kritisiert, auch schlechtes Gehalt wird genannt. Besonders auffällig aber ist, dass immer wieder eine große Kluft zwischen den normalen Arbeitnehmern und dem Management genannt wird.
Am Standort Dortmund sollen trotz der im September erfolgten Gründung des Betriebsrates zahlreiche Kündigungen von Mitarbeitern vorliegen, die sich bei neuen Arbeitgebern vor allem bessere Verdienstmöglichkeiten und bessere interne Strukturen zur Mitbestimmung erhoffen. Bis der Betriebsfrieden nach den internen Auseinandersetzungen wiederhergestellt ist, dürfte es noch dauern.