IT-Arbeit: Zwei Informatikstudien und immer noch kein Programmierer
Geht man nach den Freundschaftsbüchern von damals, dann wussten viele meiner Mitschüler ziemlich genau, was sie später einmal werden wollten. Die Antwort, die ich damals in die dafür vorgesehene Lücke füllte, fiel da unrealistischer aus. Auch wenn Störtebeker, Sir Francis Drake oder auch Edward Teach alias Blackbeard zu verklärten Helden in der Geschichte aufgestiegen sind, ist Pirat werden heutzutage wohl eher kein Berufszweig.
Die Frage, was ich einmal werden sollte, stand damit aber schon im Raum, bevor ich überhaupt realisierte, dass der Werdegang eines Menschen in unserer Gesellschaft auch eine Arbeitsphase durchläuft.
Pirat spielen – und nicht an später denken
Unbekümmert verbrachte ich meine Zeit mit Monkey Island und konnte mich so zumindest virtuell als angehender mächtiger Pirat ausleben. Auf diese Weise entwickelte ich ganz nebenbei eine Faszination für Computerspiele und allgemein für virtuelle Welten.
Während die Grafik neuer Spieletitel immer realistischer wurde, wuchs meine Begeisterung ähnlich exponentiell wie die Ausgaben für die dafür notwendige Hardware. Vielleicht habt ihr auch den Artikel zu meinem SFF PC gelesen. Die Geschichte lässt sich sicher auch auf Guybrush Threepwood zurückführen.
Der erste Informatikkurs
Alles, was sich zu neuen Grafikengines finden ließ, wurde nach revolutionären Features durchforstet und bei nächster Gelegenheit in der Schule mit meinen Freunden ausgiebig diskutiert. Ebenfalls in der Schule begegnete ich dann das erste Mal der vermeintlichen Möglichkeit, mich tiefer und professioneller in die Materie Computertechnologien einzuarbeiten. Ein Wahlpflichtkurs in der siebten Klasse ließ mich hoffen, die Grundlagen der Programmierung kennenzulernen und damit vielleicht den ersten Schritt zu gehen, um später meine eigenen digitalen Welten zu erschaffen.
Bevor ich jedoch eine Zeile Code programmieren durfte, musste ich mir – und das ziemlich ausführlich – die Grundlagen der Computerbedienung anhören. Es sollte nicht das einzige Mal bleiben, dass mir erklärt wurde, wie eine Kugelmaus aufgebaut ist und wie sie funktioniert. Nur wenige Jahre später in einem weiteren Wahlpflichtkurs bekam ich die gleichen Grundlagen zum zweiten Mal vermittelt – nur mit dem Unterschied, dass wir anschließend HTML "programmierten".
Meine Faszination für Computerspiele wuchs währenddessen ungehindert weiter, so dass mich die damalige Hochphase der Killerspieldebatte mit voller Härte traf. Auf der einen Seite diese wunderschönen Spiele, die ich immer öfter gemeinsam mit Freunden auf der ganzen Welt erleben durfte, und auf der anderen Seite eine Gesellschaft, die uns dank Frontal21 und der damaligen Politik als potenzielle Killer unter Generalverdacht stellte.
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Damals hielt ich ein Referat am Tag der offenen Tür meiner Schule, um mit einigen Missverständnissen unserer Eltern und der damaligen Berichterstattung aufzuräumen. Dieses Erlebnis sollte später noch Einfluss auf meine Berufswahl haben. Doch bis dahin sollte es noch einige Zeit dauern.
Ein paar eigene Domains, Webspaces und einfache HTML-Webseiten später wechselte ich die Schule, um ein Abitur mit Informatik zu machen. Dort würde ich doch endlich die Chance bekommen, eine vernünftige Programmiersprache zu erlernen?
Quellcode auf einem Blatt Papier
Tatsächlich! Nur schnell noch einmal eine Einführung in die Grundlagen der Computerbedienung und dann war es so weit: C++ gewährte mir den ersten echten Einblick in die Welt der Programmiersprachen. Auch wenn die Klausuren merkwürdigerweise aus Lückentexten bestanden und Quellcode mit dem Stift auf ein Blatt Papier geschrieben werden musste, war ich überzeugt, dass ich der Sache endlich näherkam.
Unterbewusst spürte ich aber, dass ich mich fürs Programmieren nicht wirklich begeistern konnte. Das soll nicht heißen, dass ich schlecht war oder der Logik nicht folgen konnte. Ich merkte vielmehr, wie einige meiner Mitschüler selbst in ihrer Freizeit begeistert an ihren ersten Programmen bastelten, während ich meine Zeit viel lieber in den Spielen als in ihrem Quellcode verbrachte.
Meine letzten Jahre in der Schule vergingen im wahrsten Sinne des Wortes spielend und damit schneller als gedacht. Als am Ende eine recht ordentliche Abiturnote auf meinem Zeugnis prangte, kam mir die alte Frage aus den Freundschaftsbüchern erschreckend real zurück ins Gedächtnis. Doch zum Glück gab es damals Zivildienst, was dafür sorgte, dass ich eine hektische Entscheidung über meine Zukunft erst neun Monate später treffen musste.
Wirtschaftsinformatik – mehr Wirtschaft als Informatik
Ich hätte die Zeit wahrscheinlich sinnvoller nutzen können. Vielleicht wäre ich sogar auf die Idee gekommen, etwas in Richtung Gamedesign oder zumindest Medien zu studieren, wenn ich mir nur etwas mehr Gedanken gemacht hätte. Immerhin konnte ich nach nur einer Handvoll Bewerbungen einen Platz für ein duales Studium Wirtschaftsinformatik ergattern und das in der Kleinstadt, in der ich ohnehin schon lebte. Ich musste also noch nicht einmal ausziehen.
Damals hatte ich nur eine grobe Vorstellung von dem Fachbereich Wirtschaftsinformatik. Meine bestechend einfache Logik, dass die Themengebiete zu gleichen Teilen Betrachtung finden würden, weil das Wort Wirtschaftsinformatik aus den zwei exakt gleichlangen Wörtern Wirtschaft und Informatik besteht, erwies sich als fehlerhaft. Der Schwerpunkt des Studiums hieß Wirtschaft. Zwar gab es auch hier mal wieder eine Einführung in die Grundlagen der Computerbedienung, aber abgesehen von zwei Modulen Java war da nicht viel, das mich dem Erstellen eigener virtueller Welten näherbrachte.
In den praktischen Phasen des dualen Studiums arbeitete ich alle drei Monate als Auszubildender Informatikkaufmann in der IT-Abteilung des Unternehmens, das mir das Studium finanzierte. Dort konnte ich dann immerhin meine mittlerweile reichhaltigen Expertenkenntnisse über Computerperipherie praktisch zur Anwendung bringen. Auf fast schon magische Weise half ich dort Anwendern mit ihren Computerproblemen und sorgte dafür, dass neue Rechner mit SSDs ausgestattet wurden, während sich der Drucker als Erzfeind in meinem Weltbild manifestierte.
All das hat offensichtlich herzlich wenig mit Computerspielen zu tun. Auch wenn ich mittlerweile die unterschiedlichen Evolutionsstufen der Computermaus und ihre jeweiligen Bestandteile samt Funktion in- und auswendig kannte, alles was über das Programmieren einfacher Anwendungen hinausging, entzog sich meinen Fähigkeiten. Aber das war auch nicht weiter schlimm, da mich das Studium ohnehin eher auf einen Job als IT-Manager vorbereitete. Und so verstrichen drei Jahre, ohne dass ich mir tiefere Gedanken über meine Zukunft machen musste.
Doch auch drei Jahre sind schnell vorbei und so fand ich mich erneut vor ebenjener Frage wieder, welcher Weg nun der richtige für mich war.
Bloß nicht ins Berufsleben!
Diesmal kam hinzu, dass das Ende eines Studiums im Allgemeinen auch den Start ins Berufsleben bedeutet. Klar hätte ich als studierter Wirtschaftsinformatiker und ausgebildeter Informatikkaufmann sehr gut irgendeinen Job finden können – über meinem Kopf schwebte geradezu ein Wegweiser in Richtung Digitalisierung von Geschäftsprozessen. Aber begeistern konnte ich mich dafür nicht.
Damit wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich mich bisher nie damit beschäftigt hatte, was ich gerne machte. Ich ging tief in mich und tat, was getan werden musste: Ich bewarb mich als Pilot bei der Lufthansa, an verschiedenen Kunsthochschulen und für den internationalen Studiengang Medieninformatik. Das mag verzweifelt wirken, aber ich wollte die wahrscheinlich letzte Chance nutzen, etwas vollkommen anderes auszuprobieren, bevor ich in die Fänge des elendigen Berufslebens mit seiner tristen Welt voller Routine und Alltag geriet.
Irgendwas mit Medien
Nach einer erneuten Einführung in die Grundlagen der Computerbedienung fand ich mich Java programmierend im Studium der Medieninformatik wieder. Böse Zungen würden jetzt sicherlich behaupten, dass das ja gar nichts vollkommen anderes war, und sie hätten damit auch recht. Aber ich hatte damit immerhin erneut sieben Semester lang einen Aufschub bis zur endgültigen Berufswahl und studierte zudem endlich irgendwas mit Medien.
Und das war besser als erhofft. Nicht nur war der Informatikanteil diesmal höher, auch waren viele Module wie Gestaltung, Medientheorie oder Mensch-Computer-Interaktion ernsthaft spannend. Mein Highlight war das Auslandssemester in Los Angeles. Dort gab es mit Game Design, 3D-Computer-Animation und Gastdozenten von Disney und Pixar spannende Einblicke hinter die Kulissen von Animationsfilmen und Spieleentwicklung. Damit war ich meiner Faszination für Computerspiele tatsächlich sehr nahegekommen.
Doch im Gegensatz zu meinem ersten Studium musste ich dieses genauso wie meinen Lebensunterhalt selbst finanzieren und damit lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Die 77 Euro Bafög, die ich im Monat bekam, nahm ich zwar dankend an, aber ohne Studentenjob war weder ein Studium noch ein Leben in Bremen und erst recht kein Auslandssemester in LA möglich.
Vorstoß in unbekannte Weiten der Informatik
Gerade über diese Studentenjobs erhielt ich Einblicke in mir bis dahin unbekannte Berufsfelder der Informatik. Als Frontendentwickler kam ich in Kontakt mit einer zweigeteilten Arbeitswelt aus Programmierern auf der einen und Beratern auf der anderen Seite. Zum Ende des Studiums wurde aus dem Studentenjob eine Vollzeitbeschäftigung – und ohne es wirklich zu realisieren, hatte ich meinen Einstieg ins Berufsleben endlich geschafft.
Also Ende gut alles gut? Nicht so schnell! Mit dem Berufsleben kam die Routine und mit der Routine kamen alte Ängste zurück. Ich fand mich nach einer Zeit voller neuer Erfahrungen in einer Stagnation wieder. Jeden Tag immer das Gleiche zu machen, ohne einen Fortschritt zu erkennen oder die Möglichkeit zu haben sich selbst weiterzuentwickeln, das war genau das, was ich nicht wollte. Zudem wurde mir endgültig bewusst, dass ich einfach kein Programmierer war und meine Stärke eher in der Kommunikation zwischen den Welten der Entwickler und Anwender lag.
Ohne aktiv danach zu suchen, erhielt ich dank einer enormen Portion Glück über Social Media ein Jobangebot als technischer Consultant bei einem Beratungsunternehmen, das sich in Bremen auf Marketingtechnologien spezialisiert hatte. Darin fand ich schließlich genau das: Als Vermittler zwischen erfahrenen Programmierern und wirren Kundenwünschen unterstützte ich das Finden realistischer Lösungen. In immer neuen Projekten verdiente ich so nicht nur ein Gehalt, sondern hatte durch die unterschiedlichen Kunden auch immer neue Erfahrungen. Hinzu kam ein moderner Arbeitsalltag. Den Mitarbeitern wurde die Entscheidung, wann, wie und wo sie arbeiten, schon lange vor Corona selbst überlassen, solange die Arbeit erledigt wurde und die Kunden zufrieden waren.
Ich beneide Menschen, die schon jung wissen, was sie später beruflich machen wollen. Ich hingegen habe mich treiben lassen und immer erst, wenn es sein musste, spontan entschieden, wie es als nächstes weitergehen sollte. Das war vielleicht etwas ungelenk, vielleicht aber auch notwendig.
Jetzt kann ich ruhigen Gewissens behaupten, gut im Berufsleben angekommen zu sein. Mich kontinuierlich weiterzuentwickeln und immer neue Erfahrungen zu sammeln, musste ich dabei nicht aufgegeben. Getreu den Worten von Captain Jack Sparrow: "Nimm, was du kriegen kannst! – Und gib nichts wieder zurück."
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