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iPhone SE im Test: Apple korrigiert seinen Fehler

Apple hat nach anderthalb Jahren Erbarmen mit den hartnäckigsten iPhone-5S -Nutzern und bringt einen neuen 4-Zöller auf den Markt: Technisch ist das iPhone SE fast identisch mit den 6S-Modellen - aber ist das neue Gerät jetzt ein Fort- oder ein Rückschritt?
/ Tobias Költzsch
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Das neue iPhone SE (Bild: Martin Wolf/Golem.de)
Das neue iPhone SE Bild: Martin Wolf/Golem.de

Das Leiden für alle Nutzer abgeschrabbelter iPhone 5S könnte beendet sein: Mit dem iPhone SE hat Apple ein neues, technisch hochwertiges 4-Zoll-Smartphone präsentiert, das die alten Geräte ablösen könnte. Mit Preisen von 490 und 590 Euro ist das iPhone SE zudem Apples günstigstes neues iPhone. Dafür erhalten Käufer fast die identische Technik der aktuellen 6S-Modelle , die merklich teurer sind.

Apple Iphone SE - Fazit
Apple Iphone SE - Fazit (01:04)

Für Apple könnte sich das Nachreichen eines neuen 4-Zöllers lohnen: Nach Unternehmensangaben verkauften sich im Jahr 2015 die kleinen Smartphones immer noch blendend - zahlreiche iPhone-Nutzer mögen das große iPhone 6 und das 6S mit ihrem 4,7-Zoll-Display offensichtlich nicht. Golem.de hat sich das neue iPhone genau angeschaut und sich gefragt, für wen es geeignet ist. Und ob die Wiederkehr des alten 5S-Designs als Fortschritt zu werten ist - oder als rückwirkendes Ausbessern eines hausgemachten Problems.


Rein äußerlich hat sich Apple offenbar gedacht: Wenn die iPhone-5S-Nutzer ihr Smartphone so lieben, lassen wir es doch einfach bei dem Design. Das iPhone SE sieht Apples vorigem 4-Zöller zum Verwechseln ähnlich: Anstelle der abgerundeten Ränder der 6er- und 6S-iPhones hat das SE wieder markante Kanten, nebeneinandergelegt sind das iPhone 5S und das iPhone SE nicht auseinanderzuhalten.

Die Ähnlichkeit setzt sich auch bei der Auflösung des 4-Zoll-Displays fort: Wie das iPhone 5S löst das iPhone SE mit 1.136 x 640 Pixeln auf, was zu einer Pixeldichte von 326 ppi führt. Das führt zu ausreichend scharfen Inhalten, Pixelränder sind mit bloßem Auge nicht auszumachen. Die Blickwinkelstabilität ist wie von Apple gewohnt sehr gut, die Helligkeit ist mit durchschnittlich 553 cd/qm hoch.

Der Daumen reicht überall hin

Wie beim iPhone 5S lassen sich alle Bildschirmbereiche bequem mit dem Daumen erreichen, ohne dass die Position des Smartphones in der haltenden Hand verändert werden muss. Bei größeren Displays muss der Nutzer das auf die Finger auflegen, um jede Ecke mit dem Daumen zu erreichen. Bequemer ist für Menschen mit kleinen Händen die Bedienung eines kleinen Smartphones wie dem SE. Und auch manche großhändige Menschen nutzen lieber ein kleines Mobiltelefon, etwa weil es sich besser in der Hosentasche verstauen lässt.

Kleinstes Top-Smartphone der Welt

Das SE ist das kleinste Smartphone mit einer Topausstattung, andere Geräte in der Größe sind deutlich schlechter ausgestattet. Das nächstgrößere Gerät mit Topausstattung, Sonys Xperia Z5 Compact, ist mit seiner Bildschirmdiagonalen von 4,6 Zoll deutlich größer.


Anders als das iPhone 6S und das iPhone 6S Plus beherrscht das iPhone SE kein 3D Touch, das Display ist also nicht druckempfindlich. Daher sind Funktionen wie Peek and Pop oder die Zusatzmenüs bei Icons bestimmter Apps mit dem neuen kleinen iPhone nicht möglich. Wir finden das ein wenig schade, haben uns die 3D-Touch-Funktionen doch gut gefallen - unser Eindruck ist aber gleichzeitig, dass viele iPhone-Nutzer wohl auf diese Technik am ehesten verzichten können. Der Preis mag hier auch eine Rolle gespielt haben.

Manche Inhalte machen auf dem kleinen Display wenig Spaß

Obwohl das kleine iPhone SE sicher viele Liebhaber finden wird, möchten wir nicht mehr zu einem so kleinen Bildschirm zurückgehen. Das ist sicher Geschmackssache. Wir finden einen größeren Bildschirm angenehmer - nicht nur bei Inhalten, die offensichtlich von einem größeren Display profitieren wie Videos oder Spiele, sondern auch bei den ganz normalen Tätigkeiten wie Browsen oder E-Mails schreiben.

Wie oft wir uns auf der Tastatur des kleinen SE verschrieben haben, können wir nicht zählen. Dass wir beim Beantworten von E-Mails oder Chat-Nachrichten im Grunde nichts mehr vom bisher geschriebenen Text sehen können, empfinden wir als nervig. Auch dass uns auf Internetseiten schlicht weniger Text als auf unserem großen Smartphone angezeigt wird, stört uns - zumal dieser Text sehr klein ist.

4 Zoll finden wir einfach zu klein. Eine Displaygröße von 4,3 Zoll wäre unserer Ansicht nach besser dazu geeignet, die Liebhaber kleiner Smartphones anzusprechen, denen der Sprung auf 4,7 Zoll zu groß war, und ihnen gleichzeitig ein sinnvoll nutzbares Smartphone anzubieten.

Starkes A9-SoC der 6S-Modelle

Als Prozessor verwendet Apple im iPhone SE das gleiche SoC wie im iPhone 6S: Der A9 bringt auch im neuen kleinen iPhone Benchmark-Höchstwerte, die wenig überraschend auf dem Niveau des iPhone 6S und 6S Plus liegen. Im Geekbench 3 kommt das iPhone SE auf einen Single-Wert von 2.563 Punkten, der Multi-Wert liegt bei 4.455 Zählern - beides absolute Spitzenwerte.

Im Icestorm-Unlimited-Test des 3DMark erreicht das iPhone SE mit 29.531 Punkten ebenfalls einen mit den 6S-Modellen vergleichbaren Wert, der ebenso wie bei diesem auch ein Spitzenwert ist. Im Grafiktest GFX Bench schafft das Smartphone im Manhattan-Test einen Offscreen-Wert von 40 fps - wie die 6S-iPhones.

Mit dieser Prozessorausstattung und 2 GByte Arbeitsspeicher arbeitet das iPhone SE in unseren Tests stets flüssig und schnell. Apps starten ohne nennenswerte Wartezeiten, auch leistungshungrige Anwendungen sind für das kleine Smartphone kein Problem. Es ist löblich, dass Apple beim iPhone SE keine Kompromisse eingegangen ist und tatsächlich ein kleines Smartphone mit der Leistungsfähigkeit der 6S-Modelle gebaut hat.

Das iPhone SE ist mit dieser Prozessorausstattung nicht nur eines der leistungsstärksten Smartphones auf dem Markt, es ist zudem eines der wenigen wirklich leistungsstarken kleinen Smartphones. Im 4-Zoll-Bereich ist uns mit Abstand kein anderes Gerät bekannt, das auch nur annähernd an diese Werte heranreicht - das iPhone 5S mit seinem A7-SoC gehört mittlerweile ja auch eher zum alten Eisen.

Gleicher Kamerasensor wie in der 6S-Serie

Auch die restliche Hardware ist hochwertig: Das iPhone SE unterstützt LTE mit Übertragungsraten bis 150 MBit/s auf insgesamt 19 Frequenzbändern sowie Voice-over-LTE. WLAN läuft nach 802.11ac, Bluetooth in der Version 4.2. Ein NFC-Chip ist eingebaut, dieser kann aber wieder nur für Apple Pay genutzt werden. Der GPS-Empfänger unterstützt auch Glonass. Ein Touch-ID-Sensor im Menü-Button findet sich beim neuen kleinen iPhone ebenfalls, der schnell und zuverlässig reagiert. Die Speicherausstattung liegt wahlweise bei mageren 16 GByte oder 64 GByte - eine 128-GByte-Version gibt es ebenso wenig wie einen Steckplatz für Micro-SD-Karten.


Bei der Hauptkamera setzt Apple beim iPhone SE auf den gleichen Bildsensor der 6S-Modelle, der Kameraaufbau soll nahezu identisch sein - aufgrund der unterschiedlichen Platzverhältnisse soll es hier zu kleinen Unterschieden kommen, die sich im Bildergebnis jedoch nicht widerspiegeln sollen. Und tatsächlich können wir bei der Bildqualität keine Unterschiede ausmachen: Die mit dem iPhone SE gemachten Fotos sind von sehr guter Qualität, auch wenn uns die Ergebnisse der Galaxy-S6-Modelle immer noch ein Stück weit besser gefallen.

Kein Bildstabilisator an Bord

Gespart hat Apple beim Bildstabilisator, der dem iPhone SE fehlt - den hat aber auch nur das iPhone 6S Plus, nicht die Standardvariante. Dafür lassen sich mit der Kamera auch 4K-Videos und Zeitlupenaufnahmen mit 240 fps bei 720p aufnehmen. Auch Livefotos können mit dem iPhone SE aufgenommen werden, also Fotos, bei denen gleichzeitig einige Sekunden vor der Aufnahme als Video gespeichert werden. Anders als bei den 6S-Modellen werden diese beim iPhone SE nicht über einen 3D-Touch-Druck aufgerufen, sondern schlicht durch einen langen Tap auf das Display. Nach der Veröffentlichung der API unterstützt mittlerweile beispielsweise Facebook Livefotos.

Enttäuscht sind wir von der Frontkamera, die wieder zur alten Auflösung von 1,2 Megapixeln zurückgeht. In Zeiten, wo diese Kamera fast ausschließlich für Videotelefonie genutzt wurde, mag das okay gewesen sein - heutzutage wollen viele Nutzer aber, ob man es nun gut findet oder nicht, Selbstporträts machen. Besonders bei weniger guter Beleuchtung sehen die Bildergebnisse hier schnell matschig aus. Es scheint, als ob Apple mit dem iPhone SE die Badezimmerspiegel-Selbstporträts wiederbelebt.

Der Akku des iPhone SE hat mit 1.642 mAh nahezu die gleiche Nennladung wie der des iPhone 5S, soll aufgrund der niedrigeren Leistungsaufnahme des A9-Chipsets aber merklich länger durchhalten. Laut Apple soll das iPhone SE im Alltag sogar die Akkulaufzeit des iPhone 6S übertreffen. Einen 1080p-Film können wir auf dem iPhone SE über sechs Stunden lang anschauen - das geht bei dieser Akkugröße in Ordnung. Wie sich das Smartphone im Alltag schlägt, müssen wir erst noch genauer untersuchen.

Verfügbarkeit und Fazit

Das iPhone SE ist bei Apple(öffnet im neuen Fenster) in der 16-GByte-Version für 490 Euro erhältlich, die 64-GByte-Version kostet 590 Euro.

Fazit

Ist das iPhone SE jetzt ein Fortschritt für Apple oder ein Rückschritt? Letzten Endes tendieren wir zu: Auf-der-Stelle-treten. Apple bringt im Grunde kein neues Produkt auf den Markt.

Das Unternehmen korrigiert vielmehr einen Fehler, den es vor anderthalb Jahren gemacht hat, als es annahm, eine Displaygröße von 4,7 Zoll sei für seine 4 Zoll gewohnten Nutzer akzeptabel. Das iPhone SE ist für die Nutzer gedacht, die seither an ihrem gewohnten kleinen iPhone 5 oder 5S festhalten.

Gleichzeitig setzt Apple auf einen niedrigen Preis: Mit 490 Euro ist das iPhone SE der bisher günstigste Einstieg in die iPhone-Welt mit einem Neugerät. Angesichts der gebotenen Technik geht dieser Preis in Ordnung - mit nur 16 GByte hat das günstige SE-Modell aber für viele Nutzer zu wenig Speicher.

Schauen wir auf den Preis des 64-GByte-Modells, stellen wir fest, dass das iPhone SE dann nicht mehr so günstig ist. Dennoch ist es mit mindestens 255 Euro Differenz weitaus preiswerter als die 16-GByte-Version des iPhone 6S.

Ohne Frage ist das iPhone SE ein technisch hervorragendes, gut verarbeitetes Smartphone, das nur wenige Abstriche gegenüber dem iPhone 6S macht. Letztlich bleibt es für uns aber ein Lückenfüller, mit dem Apple endlich die Nutzer abholt, die seit Jahren auf ihren iPhone 5 und 5S sitzen.


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