iOS 9 im Test: Nützliche Kleinigkeiten und ein Leistungsschub

Apples iOS 9 ist fertig und soll vieles vergessen lassen, was uns bei iOS 8 noch ärgerte, das wir nicht grundlos als das mittelmäßigste Release aller Zeiten bezeichnet haben – in Anlehnung an Apples Werbespruch, der viel versprach, aber wenig hielt. Vorweg lässt sich bereits eines sagen: Es gibt viele sinnvolle Neuerungen. Dabei handelt es sich mehrheitlich nicht um große Veränderungen, sondern um viele kleine praktische Helferlein: Mit iOS 9 wird weniger die Infrastruktur umgebaut als die Handhabung der Geräte grundsätzlich verbessert. Und das System selbst wurde zumindest auf neuen iOS-Geräten spürbar beschleunigt.

Wie schon bei vorherigen Tests von Apples mobilem Betriebssystem konzentrieren wir uns auf die beiden am weitesten verbreiteten Geräteklassen: das Tablet und das Smartphone. Viele unserer Beobachtungen lassen sich vom iPhone aber auch auf neuere iPod Touch übertragen, auf die iOS ebenfalls installiert werden kann. Für den Test haben wir den Goldmaster Build 13A340 auf dem iPhone 6, dem iPhone 5S, dem iPad Air und dem iPad Air 2 installiert. Für einzelne Betrachtungen, vor allem zum Gegencheck, haben wir uns iOS 9 auch auf einem iPad Mini 3 und einem der ältesten Geräte, dem iPhone 4S, angesehen.
Einiges Potenzial wird iOS 9 erst im Zusammenspiel mit den neuen Geräten, dem iPhone 6S und der Plus-Variante sowie dem iPad Pro, ausspielen können. Anderes wiederum erfordert zunächst Entwicklungsarbeit der Dritthersteller, die erst mit der finalen Version ihre Apps korrekt testen können. Nicht allen Entwicklern gelingt das zeitnah. Da wir uns in diesem Test auf das Nutzungserlebnis konzentrieren, das Anwender der vorherigen Gerätegeneration nach dem Umstieg auf iOS 9 in den nächsten Wochen zu erwarten haben, müssen wir diesen Aspekt weitgehend auslassen. Nach diesbezüglicher Kritik an unserem iOS-8-Test werden wir dieses Potenzial aber zumindest in Teilen betrachten – auch wenn der Nutzer davon mitunter noch nichts hat und das Ergebnis nicht in den Test einfließt.
Die geforderten Vorschusslorbeeren für noch nicht testbare Komponenten gibt es jedoch nicht. Dass eine Bewertung noch nicht testbarer Aspekte nicht ganz ungefährlich ist, zeigte bereits iOS 8 mit der Homekit-Integration. Die wird bis heute – obwohl sie fertig ist – noch nicht in der Breite unterstützt und bringt dem Anwender noch zu wenig. Zudem ändert iOS 9 einiges an Homekit, und die Hersteller der Hardware müssen sich erst anpassen – ein Prozess, der auch für Hersteller, die bereits Homekit-Hardware anbieten, Wochen bis Monate dauern kann. Derweil kann der Anwender allerdings auch ohne Homekit schon iOS 9 nutzen.
Das gilt auch für einige andere, für Entwickler bereits verfügbare, aber für Anwender noch nicht nutzbare Nettigkeiten von iOS 9. Manche sind von der Region oder gar der besonderen Ausstattung des Nutzers abhängig. Dazu gehören auch die zwei großen Apple-Projekte Apple Pay und Car Play. Apple Pay werden wir erst betrachten, wenn es in Deutschland startet. Car Play werden wir gegebenenfalls später betrachten.
Wir konzentrieren uns im Test also vor allem auf praktische Szenarien und schauen uns im Detail an, was mit iOS 9 möglich ist, welche Probleme behoben werden und wo es zu Verbesserungen kommt. Dabei sehen wir uns zunächst die offensichtlichen kleinen Änderungen an, dann die größeren, weniger auffälligen Neuerungen und beschäftigen uns abschließend mit dem Potenzial, das iOS 9 mit neuen Geräten entfalten könnte.
iOS 9 verlangt längere Passcodes
Wer iOS 9 neu installiert, bemerkt bereits zu Beginn kleinere Änderungen. Dazu gehört der Aufruf beim Setup, ein sechsstelliges Passwort einzutragen. Das ist aber weiterhin optional. Wer will, kann mit einem Klick auch weiterhin vierstellige Passwörter setzen oder es ganz lassen. Wer einem Nutzer über die Schulter schaut, kann sich einen vierstelligen Code allerdings leicht merken, einen sechsstelligen immerhin etwas schwerer.
Richtig sicher sind nur alphanumerische Passwörter sowie ein Systempasswort für besonders kritische Bereiche. Leider ist die Trennung zwischen administrativen Arbeiten und nichtadministrativen Arbeiten weiterhin so unkomfortabel, dass mancher Nutzer auf das separate Sperren etwa der E-Mail-Account-Verwaltung verzichten wird. Wer systemrelevante Einstellungen vornimmt, muss viel zu häufig beim Wechseln zwischen den Einstellungen das Passwort eingeben.
Akkulaufzeit gekoppelter Geräte kann angezeigt werden
Ebenfalls zu den augenscheinlichen kleinen Änderungen gehört ein Widget, das die Batterielaufzeit im Mitteilungszentrum anzeigt. Wer ein iPhone besitzt, mag sich fragen, wozu eine zusätzliche Akkuanzeige gut sein soll, wenn die Akkustandanzeige ohnehin immer in der oberen Ecke sichtbar ist. Sie wird tatsächlich erst sinnvoll, wenn mit dem iPhone verbundene Hardware dort gelistet wird. Bei uns zeigt sich dort etwa die Apple Watch, möglicherweise folgen später auch andere Geräte wie Headset oder Bluetooth-Lautsprecher. Unser Microsoft Band zeigt seine Akkulaufzeit allerdings nicht an.
Offensichtlich und doch subtil sind die Änderungen an der Tastatur. Zunächst bemerken wir gar nicht, warum wir plötzlich auffallende Schwierigkeiten mit der Tastatur des iPhone 6 hatten, obwohl sich die Tasten an sich mit iOS 9 nicht ändern. Erst nach einer Weile wird uns bewusst, dass sich das Schriftbild geändert hat und die neuen kleinen Buchstaben den auf iOS 8 konditionierten Anwender irritieren, der Großbuchstaben gewöhnt ist.
Für iPad-Nutzer gibt es jetzt zudem einen Knopf für das Einfügen von Texten sowie die Rückgängig-machen- und Wiederherstellen-Schaltflächen, die über der Tastatur angezeigt werden. Ganz interessant ist die Möglichkeit, mit zwei Fingern die Tastatur zum Touchpad zu machen. Damit wird vor allem der Auswahlprozess von Textstellen enorm erleichtert. Leider funktioniert es nicht überall. Texte in Webseiten so schnell zu markieren, ist uns zum Beispiel nicht gelungen. Ist ein editierbares Textfeld in einer Webseite vorhanden oder wird in einer Textverarbeitung gearbeitet, funktioniert das aber gut. Praktischerweise kann mit der Fingergeste auch der Cursor bewegt werden, was wir als enorme Erleichterung empfinden, denn das Hantieren mit der Lupe nervt doch etwas. Platzbedingt gibt es die Option jedoch nur für iPads, iPhone-Nutzer bleiben bei der Lupe.
Vorsicht beim Aktualisieren der Notizen!
Hier und da hat Apple auch an den Anwendungen gearbeitet. Diese Änderungen vollständig aufzulisten, würde den Rahmen des Artikels sprengen. Auch Apples Vorschauseite(öffnet im neuen Fenster) nennt nicht alle Funktionen und vor allem nicht die potenziellen Nachteile.
Zu den Problem-Apps gehört etwa die Notizen-Anwendung, die grundlegend überarbeitet wurde. Mit der App versuchen die Entwickler, ungefähr das zu ermöglichen, was Microsoft schon lange mit den Onenote-Apps bietet: Rich Content, also etwa das Einbinden von Bildern und kleinen Funktionen. Das Problem hierbei: Die Notizen müssen für die neuen Funktionen aktualisiert werden. Doch ein Upgrade kann für einige Anwender bedeuten, dass sie nicht mehr von überall auf die iCloud-Daten zugreifen können.
Denn Apple mahnt, dass OS-X-Nutzer unbedingt die neue Version 10.11 alias El Capitan installieren müssen. Das Dumme dabei: El Capitan ist offiziell noch nicht verfügbar. OS X 10.11 wird erst am 30. September 2015 freigegeben .
Mit der iCloud-Drive-App wird der Zugriff auf entfernte Dateien vereinfacht
Eine sinnvolle Ergänzung im Bereich der iCloud ist das iCloud Drive. Nach dem Update auf iOS 9 fragt das System, ob es die App hinterlegen kann. Die Frage klingt nett, soll aber vermutlich vor allem Aufmerksamkeit auf die App lenken. Bei anderen Apps hat Apple nämlich in der Vergangenheit auch nicht nachgefragt. Angenehmerweise lässt sich die iCloud-Drive-App in den Systemeinstellungen einfach deaktivieren und verschwindet so vom Bildschirm. Diese Option würden wir uns auch für andere Standard-Apps wünschen, die wir nie nutzen.
In der Liste der großen Neuerungen nennt Apple erneut die Mail-App. Das Mailprogramm wurde aus Marketinggründen in den vergangenen Jahren so häufig verbessert, dass man denken könnte, die App genüge nun allen Ansprüchen. Dem ist jedoch weiterhin nicht so. Die Suche ist zwar etwas übersichtlicher geworden und ermöglicht gezielteres Suchen auch in großen Postfächern. Doch einfachste IMAP-Funktionen beherrscht Mail immer noch nicht. In großen Postfächern muss mühsam gescrollt werden, da etwa weiterhin die Abonnementfunktion fehlt und sich Ordner- und Unterordner nicht zusammenklappen lassen.
Stattdessen setzt Apple hier weiterhin auf Blendeffekte, macht alles schöner, besser und toller. Das ist nicht schlimm, es wäre allerdings langsam mal Zeit, das Mailprogramm zumindest in den Grundfunktionen an seit Jahrzehnten existierende Mailprotokolle anzupassen. Vielleicht im nächsten Jahr.
Abseits dieser in der Masse interessanten und meist hilfreichen, im einzelnen aber kleinen Änderungen hat Apple mit iOS 9 auch an einigen spannenden Stellen Arbeiten geleistet, die nicht unbedingt sofort ersichtlich sind.
Umbau des Multitaskings und der Suche
Mit dem neuen Mobilbetriebssystem hat Apple seine Multitasking-Funktionen grundsätzlich umgebaut. Am offensichtlichsten ist das beim Wechsel zwischen den jeweiligen Anwendungen. Die obere Kontaktleiste, die noch gar nicht lange Teil von iOS ist, ist verschwunden, und die Apps werden überlappend in einer Übersicht dargestellt. Beim iPhone und iPad sieht der Anwender nun vier Apps statt zuvor drei, wobei die vierte App leicht unscharf und schmal dargestellt wird. Daher erkennt der Anwender nur schwer, welche App das ist.
Auch die Hauptübersicht der Suche wurde umgebaut. Wer nach links wischt, bekommt nun Kontaktvorschläge, App-Vorschläge und eine Liste von Nachrichtenvorschlägen zu sehen. Diese sind von der Sprache abhängig, die im System gesetzt wurde, und sollen auch vom Aufenthaltsort abhängig sein. Zumindest Letzteres konnten wir nicht nachvollziehen. Wir haben nur Nachrichten von überregionalen Angeboten wie Spiegel Online und Zeit Online gesehen, ein Angebot der Lokalpresse wurde nicht angezeigt. Dabei wäre dieser Service interessant – insbesondere auf Reisen, wo Anwender nicht unbedingt die lokale Presselandschaft kennen.
Personalisiert wird die Anzeige der Nachrichten derzeit nur geringfügig, wie wir auf unterschiedlichen Geräten nachvollziehen konnten. Möglicherweise bessert sich das noch. Interessant ist auch hier, dass der Multitasking-Teil benutzerfreundlicher wird. Wer eine von Siri vorgeschlagene Nachricht anklickt, wird zum Browser geleitet, bekommt aber oben links auch eine Schaltfläche "Zurück zu Suchen" (sic!) angezeigt. Das funktioniert auch zwischen anderen Apps, wenn etwa in einer E-Mail eine URL aufgerufen wird.
Facebook und Twitter könnten auf ihre integrierte Darstellung von Webseiten verzichten
Diese Änderung gehört allerdings zu denen, die von den App-Entwicklern eine Anpassung erfordern. Bisher rendern Apps wie beispielsweise Facebook oder Twitter bei einem Klick auf einen Link selbst die Inhalte und geben sie nicht an Safari ab. Wir haben so unsere Zweifel, dass diese beiden sozialen Netzwerke einfach die Kontrolle über die Anzeige der Inhalte abgeben werden. Sinnvoll wäre es, Links an einen Standardbrowser abzugeben, insbesondere, weil der Wechsel einer App zu Safari und zurück sehr schnell ist. Wir haben jedoch keine Umstellungsmöglichkeit des Browsers für diese Funktion gefunden, um Alternativen einzubinden. Apps können hingegen in der Regel Links auch an Chrome statt Safari abgeben.
Die App- und Kontaktvorschläge, die Apple Siri-Vorschläge nennt, sind personalisiert. Apps, die häufig verwendet werden, werden in dem Suchbereich praktisch platziert schnell angezeigt. Auch bei den Kontakten funktioniert das gut. Allerdings ist die neue Suche nicht ohne Fehler. Während wir unter iOS 8 die Währungsumrechnungs-App mit dem Namen XE noch mit der Zeichenkette XE im Suchfeld finden konnten, gelingt das mit iOS 9 nicht mehr. Stattdessen bekommen wir nun alte Nachrichten zu Intels Xeon, dem Spiel Xenoblade und dem Druckerhersteller Xerox vorgeschlagen.
Die Suche beschränkt sich aber nicht auf den Siri-Bereich. Gesucht werden kann jetzt auch in den Systemeinstellungen. Da Apple etwas umgebaut hat, ist das recht praktisch. Interessanterweise können auch App-Inhalte und Einstellungen der App gesucht werden. Das funktioniert selbst mit einigen alten Apps. Wer in den Systemeinstellungen etwa nach Google Analytics sucht, der wird als Ergebnis die Air-Berlin-App finden und kann die Option so schnell abschalten.
Das funktioniert aber noch nicht mit allen Apps und ist anscheinend von der Entwicklungsqualität abhängig. Selbst Apple schafft es nicht perfekt. Den neuen Stromsparmodus, den wir als Nächstes betrachten, kann der Anwender in der Suche nicht finden.
Besseres Stromsparen und weniger Arbeitsspeicherprobleme mit iOS 9
Für das neue iOS gibt es endlich einen Sparmodus, den Android-Nutzer schon lange gewöhnt sind, und er funktioniert. Der Anwender wird nicht gezwungen, ihn zu nutzen, allerdings schlägt iOS die Nutzung bei kritischem Batteriestand vor. Die Option gibt es aber nicht für iPads, sondern nur bei iPhones.
Auch wer einfach bewusst mit seiner Akkukapazität umgehen will, kann den Sparmodus nutzen. Selbst bei 100 Prozent Ladestand lässt er sich aktivieren, und die Akkuanzeige wechselt auf einen gelben Balken. Unseren Tests kurz vor der offiziellen Freigabe von iOS 9 zufolge lässt sich das iPhone 6 so locker über 48 Stunden betreiben. Das ist allerdings auch abhängig vom eigenen Nutzungsprofil. Normalerweise schaffen wir es nicht, das iPhone mehr als 30 Stunden zu betreiben, müssen also jeden Tag den Akku neu aufladen. Allerdings muss der Anwender prinzipbedingt einige Nachteile hinnehmen: Das Display wird sehr schnell bei Inaktivität gedimmt, und auch der Prozessor wird drastisch in der Leistung gedrosselt. Im Geekbench 3 haben wir im Multicore-Benchmark des iPhone 6 Werte um die 1.700 (Stromsparmodus) und 2.900 (volle Leistung) gemessen. Im Rahmen der Messtoleranzen erreichen wir die 2.900 Punkte auch mit iOS 8.
WLAN bleibt an
Funkverbindungen werden im Stromsparmodus nicht deaktiviert. Weder wechselt die Mobilfunkeinheit von LTE auf 3G oder 2G zurück, noch werden WLAN oder Bluetooth deaktiviert. Es ist allerdings bemerkbar, dass etwa Bluetooth- oder Bluetooth-Low-Energy-Verbindungen seltener genutzt werden. Benachrichtigungen zu neuen E-Mails an eine Apple Watch oder ein Microsoft Band werden im Stromsparmodus nicht mehr weitergegeben. Wer in die Akkustatistiken schaut, sieht auch sehr deutlich eine Verschiebung der Werte. Hintergrunddienste wie Mail verwenden deutlich weniger Energie, der Sperrbildschirm wird zum Hauptenergieverwender.
So gesehen ist der Stromsparmodus auch ein halber "Ich will meine Ruhe haben"-Modus, bei dem nicht zu viele Kompromisse eingegangen werden müssen. Anrufe und Kurznachrichten sind trotzdem möglich und werden an Wearables weitergeleitet. Das Display des iPhones bleibt aber bei Nachrichtenempfang dunkel. Insgesamt ist der Stromsparmodus ein guter Kompromiss aus dem Abschalten nicht so notwendiger Dinge und gleichzeitiger Erreichbarkeit. Er lässt sich allerdings nicht konfigurieren, was bei einigen Android-Geräten durchaus geht.
Eines der Grundprobleme von iOS 8 wurde beseitigt
Der grundlegende Vorwurf gegenüber iOS 8 war die mangelnde Effizienz des Systems. Viele Geräte fühlten sich langsam an. Selbst wer ein Gerät hatte, das zeitnah zur Veröffentlichung von iOS 8 produziert wurde, wie etwa das iPhone 6 und das iPad Air, ärgerte sich nach einiger Zeit ziemlich über die Leistung. Insbesondere beim Surfen stellte das nigelnagelneue Gerät den Nutzer auf die Geduldsprobe. Der Speicher des iPad Air reichte mit iOS 8 häufig nicht einmal, um zwischen den Tabs von zwei oder drei Webseiten zu wechseln. Es reichte bereits, Golem.de, die Neue Züricher Zeitung und den Berliner Tagesspiegel offen zu haben, um den Arbeitsspeicher des iPad Air zu überlasten.
IOS 9 soll diese Probleme zumindest teilweise beheben. In unseren Tests können wir mit modernen Geräten zum Teil tatsächlich Verbesserungen feststellen. Die mit nur 1 GByte RAM ausgestattete iOS-Geräte-Generation lässt sich beispielsweise erheblich besser zum Surfen nutzen. Wir können mit dem iPad Air immerhin zwischen vier Webseiten hin- und herwechseln. Das Öffnen von Links in weiteren Apps und die ein oder andere Wikipedia-Click-Orgie mit vielen Tabs ist so nicht mehr ganz so frustrierend.
Auch auf dem iPhone 6 haben wir in anderen Szenarien Verbesserungen entdeckt. Eine der Referenzwebseiten, die wir nutzen, ist die des Berliner Tagesspiegels – denn die Mobilseite hat einen enormen Ressourcenbedarf. Mit iOS 8 löst bereits das Zurückgehen auf die Startseite einen Nachladevorgang aus. Mit iOS 9 ist das glücklicherweise nicht mehr der Fall.
Safari ist stabiler
Ebenfalls seit der Umstellung auf iOS 9 nicht mehr aufgetreten ist die Safari-Eigenart, dass der Browser aufgrund eines Problems einzelne Tabs neu startet. Unter iOS 8 nervte uns das Abstürzen von Tabs alle paar Tage. Während der Testphase sind solche Tab-Abstürze mit iOS 9 nicht mehr aufgetreten.
Aber auch mit iOS 9 gibt es hier und da noch ein paar Leistungsprobleme. Nicht nachvollziehen können wir, warum das iPad Air etwa bei der Übersicht über die zuletzt genutzten Apps ruckelt. Eigentlich sollte das dank der Umstellung auf die Metal-API nicht mehr passieren, die deutlich weniger Overhead hat. Alle anderen Geräte haben hingegen keine Probleme. Aber auch hier gibt es selten kleine Wartezeiten. Insgesamt fühlen sich die Geräte meist, gerade beim Surfen, schneller an. Beim Wechseln von Apps wirkt iOS 9 ebenfalls etwas fixer und muss nicht so oft nachladen.
Das iPhone 4S lässt sich mit iOS 9 noch benutzen
Da wir bisher nur vergleichsweise moderne Geräte überprüft haben, interessierte uns noch die Nutzererfahrung auf dem iPhone 4S, dem ältesten und langsamsten Smartphone mit iOS-9-Unterstützung. Apples iOS 9 schlägt sich auf dem alten System gar nicht so schlecht. Überrascht sind wir, wie flüssig der Wechsel in der Task-Übersicht vonstatten geht. Er ist sogar erheblich flüssiger in der Bewegung als auf unserem iPad Air. In den meisten Fällen bemerkt man zwar ein leichtes Ruckeln auf dem iPhone 4S, aber das iPhone bleibt bedienbar.
Ab und an gibt es allerdings Verzögerungen. Besonders deutlich ist das leider beim Webbrowser. Sobald eine Webseite etwas mehr Daten lädt und Inhalte kompliziert darstellt, wird die Nutzung des Browsers zur Qual. Die Tastatur reagiert nicht und sekundenlang kann nicht gescrollt werden. Auch hier fällt wieder die mobile Webseite des Tagesspiegels auf. Diese überfordert das iPhone 4S komplett. Problematisch beim iPhone 4S ist mittlerweile zudem der kleine Bildschirm. App-Entwickler neigen seit einiger Zeit dazu mehr Platz verwenden zu können. Das merkt man besonders an Apples neuer Podcast-App.
Apple Maps Transit oder wie man den Nahverkehr ordentlich darstellt
Apples Kartendienst wurde für iOS 9 noch einmal grundlegend erweitert. Der Konzern sieht nun auch ein, dass der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) einen gewissen Fokus verdient. Bei US-Unternehmen ist das nicht unbedingt selbstverständlich, denn US-Bürger haben einen Hang zum motorisierten Individualverkehr.
Google Maps hat schon lange vor Apple verstanden, dass der ÖPNV in anderen Ländern wichtig ist. Seit 2013 gibt es etwa eine Kooperation zwischen Google und dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg . Die Kartenqualität ist aber bis heute miserabel. Anders bei Apple: Das Liniennetz mit S- und U-Bahnen in und um Berlin ist offenbar mit hoher Präzision handgezeichnet und auch die Liniennamen sind intelligent für die Zoom-Level platziert. Selbst aktuelle Entwicklungen, wie die aufgrund einer Baustelle nur temporär auf der Strecke fahrende U12, sind verzeichnet. Es gibt allerdings auch Fehler: So wird angezeigt, die S8 führe nach Tegel; die Linienführung wäre rein technisch parallel zu der dort verkehrenden S-Bahn nicht möglich. Ein paar Prüfungen ergaben, dass das ÖPNV-Netz anscheinend auf die Mitte dieses Jahres datiert ist.
Navigieren in Tunneln
Die Transit-Karten sind insgesamt sehr detailliert. Selbst die Tunnelstrukturen der Bahnhöfe und deren Ausgänge sind ersichtlich. In einem vergleichsweise übersichtlichen System wie Berlin ist das praktisch. In Städten wie New York oder Barcelona, das leider noch nicht integriert ist, ist es sogar wichtig, denn dort erspart man sich mit der richtigen Wahl eines Ein- oder Ausgangs zum Teil enorme Fußwege.
Zu den Bahnhofsstrukturen gehören auch Straßenbahnhaltestellen – auch die Berliner Straßenbahnlinien sind überwiegend korrekt eingezeichnet. Das gilt auch für Brandenburger Straßenbahnsysteme in Brandenburg an der Havel, Potsdam oder Frankfurt an der Oder.
Apple Maps Transit ist allerdings noch nicht fertig. Das erkennt der Anwender gut am Regionalnetz, das von Berlin und Brandenburg ausgeht. Soweit wir das überblicken, sind alle Regionallinien, die hier einen Endpunkt haben, vollständig eingezeichnet. Damit bietet die Kartenfunktion etwa auch einige Regional- und S-Bahn-Linien in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und sogar Polen. Es fehlen aber insbesondere Querverbindungen innerhalb dieser Bundesländer.
Münchner oder auch Hamburger müssen noch warten; bisher ist unklar, wann die Transit-Funktion auch für diese Städte angeboten wird. Die Qualität der bereits vorhandenen Angebote ist allerdings hervorragend. Eine so hohe Kartenqualität im ÖPNV-Bereich findet der Anwender sonst nur in Openstreetmap-Karten oder den klassischen handgezeichneten Stadtplänen. Wir hoffen, dass Google nun von seinen algorithmisch erzeugten Netzspinnen bald Abstand nimmt.
Nur zwei Städte in Europa
Zum Start ist Transit in Europa zunächst nur in London und Berlin verfügbar. In Nordamerika stehen zudem Mexiko Stadt (Mexiko), Toronto (Kanada) und vor allem die US-Städte New York, Philadelphia, Baltimore, Washington DC, Chicago sowie die dem Apple-Hauptquartier naheliegenden Städte San Francisco und San Jose zur Verfügung. Außerdem ist das Hochgeschwindigkeitsnetz in Japan eingezeichnet. Weitere Städte und Regionen dürften folgen, wurden aber noch nicht angekündigt.
Wer sich genauer dafür interessiert, welche regionalen Möglichkeiten in welchen Ländern geboten werden, findet eine Übersicht bei Apple in der Auflistung der Verfügbarkeit von iOS 9 Features(öffnet im neuen Fenster) .
Viel iOS-9-Potenzial: Einige Funktionen gibt es nur für neue Geräte
Den größten Teil des Umbaus von iOS 9 können wir auf den vorhandenen Geräten noch nicht testen. Apple hat offenbar enorme Ressourcen in den Umbau der Menüführung für den druckempfindlichen Touchscreen (3D Touch) gesteckt und eine Unterstützung für druckempfindliche Stifte gibt es jetzt ebenfalls. Die dafür notwendigen Geräte sind aber noch nicht auf dem Markt. Das iPhone 6S (Plus) wird ab dem 25. September 2015 verkauft , das iPad Pro wird für den November erwartet .

Mit diesen neuen Geräten wurde das Betriebssystem recht umfangreich umgebaut und das Bedienungsparadigma wird mit der Entwicklung von 3D Touch von einer zu mehreren Druckstufen analog zur Mausentwicklung von einer zu zwei Tasten deutlich erweitert. Das System erhält so etwas wie Kontextmenüs, die mit verstärktem Druck ausgelöst werden. Diese Menüs bieten zusätzliche Aktionen für Apps, ohne dass der Nutzer direkt eine App starten muss. Und sie werden nicht für Altgeräte nachgerüstet.
Ähnlich sieht es mit der Stiftbedienung aus, die mit dem iPad Pro kommt. Ausgerechnet diesen Geräten fehlt 3D Touch. Der druckempfindliche Teil ist dafür in dem Stift vorhanden, der vom Funktionsumfang möglicherweise sogar die Bedingungen für rechtssichere elektronische Unterschriften beinhaltet. Zumindest deutet das Marketingmaterial darauf hin, dass die erforderlichen Daten beim digitalen Unterschreiben auch erfasst werden können.
Split View nur beim iPad Air 2
Die gleichzeitige Darstellung mehrerer Apps ist eine Neuerung, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung immerhin auf einem Gerät vollständig zu finden sein wird: dem iPad Air 2. Besitzer eines iPad Air der ersten Generation bekommen nur einen Teil der neuen Multitasking-Funktionen. Dass nur das iPad Air 2 alle Funktionen bietet, liegt vermutlich an dem chronischen RAM-Mangel fast aller iOS-Geräte. Eine Entscheidung, die sich mittlerweile rächt – oder auch Strategie von Apple war, damit die Unterschiede zwischen den Generationen besser in Erscheinung treten.
Nur das iPad Air 2 hat 2 GByte RAM, der Rest der noch von iOS 9 unterstützten Geräte arbeitet mit der Hälfte oder noch weniger Arbeitsspeicher. Wer ein iPad Air 2 hat, der kann mit iOS 9 nun verschiedene Funktionen nutzen, die tatsächliches Multitasking ermöglichen und frappierend an Microsofts Window-8-Entwicklung erinnern, im Vollbildmodus verschiedene Apps darzustellen. Diese Side-by-Side-Ansicht von Windows 8 in der Modern UI hat Apple im Prinzip übernommen.
Aktiviert wird das Ganze durch einen Wisch von der rechten Seite in das Bild. Dann wird zunächst eine App im linken Teil verkleinert dargestellt. Das nennt sich Slide Over. Wischt der Anwender innerhalb des Slide Over von oben nach unten, gibt es eine bereits vom Start weg umfangreiche Auswahl von Apple-Apps, die Slide Over unterstützen. Wir haben auch schon einige Dritthersteller-Apps entdeckt, die Slide Over unterstützen, wie etwa die App von HRS.
Wer etwas weiter wischt, der kann sogar ein Split View aktivieren. Dann nutzen zwei Apps je die Hälfte des Bildschirms. Das erste iPad Air beherrscht den Split View nicht. Slide Over funktioniert aber, wenn auch merklich langsamer verglichen mit dem iPad Air 2.
Videos schauen beim Surfen und Arbeiten
Alternativ gibt es noch den Bild-in-Bild-Modus, der auch mit dem iPad Air der ersten Generation funktioniert. Ein Klick auf den Homebutton lässt ein Video weiter laufen, während der Anwender sich eine neue App aussucht. Es gibt zudem eine separate Videokontrollschaltfläche in dem Videoplayer. Jedoch funktioniert das nicht mit allen Apps: Weder die Youtube-App noch Apples iTunes Store oder Apples Trailer-App beherrschen diese Funktion. Für Youtube und Apples Trailer App gibt es die Chance, dass sich das noch ändert, dank App-Updates. Der iTunes Store hingegen wird nur über Betriebssystemaktualisierungen auf den aktuellen Stand gebracht. So schlimm ist das jedoch nicht, weil der Anwender im iTunes Store in der Regel nur kurze Clips schaut. Es zeigt aber: Dies ist keine native Funktion der Videoabspielmechanismen, die einfach jeder App ohne Anpassung bereitstehen. Denn das gilt nicht einmal für Apples eigene Apps.
Entwickler müssen sich anpassen
Die Unterstützung von Split View, Slide Over und Bild-in-Bild erfordert allerdings noch einigen Entwicklungsaufwand. Alte Apps, die das nicht kennen, lassen sich auch mit neuen Apps nicht im Split View nutzen. Dann geht eingeschränkt nur der Slide Over. Ein Beispiel ist Youtube oder auch Apples Musik-App: Wenn die App läuft, ist hier nur ein Slide Over möglich. Split View wird nicht angeboten. Wer also im Split View gleichzeitig ein Youtube-Video und an Notizen arbeiten will, muss sich das Video über den Browser anschauen, bis es ein Update gibt.
Wir hoffen, dass sich die App-Entwickler schnell an die neuen Funktionen anpassen, fürchten jedoch, dass dies dauern wird, da eben nur wenige iPads die neuen Multitasking-Funktionen unterstützen. Und besitzt der Entwickler kein iPad Air (2) oder das noch kommende iPad Pro, wird er nicht unbedingt die Vorteile in der Praxis erkennen.
Verfügbarkeit von iOS 9 und Fazit
Apples iOS 9 (13A344) ist über den Updatemechanismus für aktuelle iOS-Geräte kostenlos verfügbar. Die Downloadgröße variiert leicht von Gerät zu Gerät und ist auch abhängig vom gewählten Updatemechanismus. Rund 1,5 GByte muss der Anwender für den Updateprozess einplanen. Das ist deutlich weniger als noch mit iOS 8. Damals verlangte Apple stolze 4,6 GByte freien Speicher, was vor allem Besitzer von iPhones mit 8 GByte Speicher verärgerte. Unser iPhone 6 will über die integrierte iOS-Softwareaktualisierung rund 1 GByte herunterladen.
Apple unterstützt mit iOS 9 weiterhin viele ältere Geräte. Das 2011 getestete iPhone 4S gehört zu den ältesten noch unterstützten Smartphones. Das davor erschienene iPad 2 wird ebenfalls noch unterstützt. Allerdings gilt: Je älter das Gerät, desto weniger Funktionen werden unterstützt, und für die aktuellen Sicherheitspatches müssen Anwender Kompromisse bei der Geschwindigkeit eingehen.
Fazit
Die neunte Version von iOS bietet das, was wir eigentlich schon von iOS 8 erwartet hatten und was Apple trotz einer erheblichen Anzahl von Patches nicht liefern konnte. Auf unseren Geräten fühlt sich iOS 9 ziemlich gut an. Der Browser ist spürbar schneller und stabiler geworden. Der Wechsel zwischen den Apps läuft flüssig und gerade Besitzer eines iPad Air oder dessen Nachfolger können sich über schöne Zusatzfunktionen freuen, die die Produktivität verbessern.
Es ist vor allem die Masse an kleinen Veränderungen, die für iOS 9 spricht, sei es der Stromsparmodus (nur für Smartphones), der mit zwei Fingern verschiebbare Cursor (nur für Tablets) oder auch die erweitere Suche, die dem Anwender nun auch das richtige Werkzeug gibt, um in den Systemeinstellungen die richtigen Stellen zu finden.
Es gibt allerdings ein paar kleine Bugs. Besonders die ruckelnde App-Übersicht bei unserem iPad Air wundert uns, da das Ruckeln sonst keine so starken Auswirkungen auf die Leistung hat. Außerdem ist besagte Systemeinstellungssuche leider nicht vollständig, und so manches wird nur auf modernen Geräten unterstützt oder steht nicht überall zur Verfügung.
Das gilt derzeit auch für das Highlight für die Nichtautofahrer unter den Smartphone-Nutzern. Die schöne ÖPNV-Ansicht gibt es im deutschsprachigen Raum nur für Berlin und Brandenburg sowie mit Abstrichen für angrenzende Bundesländer. In anderen Regionen müssen Anwender auf Alternativen wie Openstreetmap oder Google Maps zurückgreifen.
Positiv ist Apple anzumerken, dass der Zeitraum für die Unterstützung von iOS-Geräten bei vielen Geräten noch immer sehr lang ist. Nur wenige Smartphone-Hersteller bieten schnell Sicherheitsupdates und pflegen ihre Geräte über ein halbes Jahrzehnt. Aus Sicherheitsgründen empfiehlt sich die Installation von iOS 9 ohnehin, denn typischerweise beendet Apple den Support des vorherigen Mobilbetriebssystems ziemlich abrupt.



