Interview Peridot: "Wird es knurren, bellen oder sich auf die Katze stürzen?"
Es dürfte viele Computerspieler geben, die mit Wehmut an ihr Tamagotchi aus der Jugendzeit denken. Was mag mit der kleinen Kreatur im Kunststoffgehäuse wohl passiert sein, nachdem man es gehegt und gepflegt und im Laufe der Tage und Wochen so etwas wie eine Beziehung aufgebaut hat?
Nun gibt es so etwas wie Super-Tamagotchi – dank neuer KI. Konkret: Das Entwicklerstudio Niantic (Pokémon Go) hat die Technologie in Peridot eingebaut, einem Mobile Game für Android(öffnet im neuen Fenster) und iOS(öffnet im neuen Fenster).
Das Free-to-Play-Spiel gibt es schon länger, es versetzt Tamagotchi-ähnliche Wesen namens Peridots (oder kurz: Dots) per Augmented Reality in unsere Umgebung.
Nun haben die Entwickler mit einem Update den Charakter und die Verhaltensweise dieser Dots grundlegend überarbeitet – mit einer generativen KI. Golem.de hat mit Executive Producer Alicia Berry von Niantic(öffnet im neuen Fenster) über ihre Erfahrungen bei der Umsetzung gesprochen.
Golem.de: Was ist das Neue in Peridot?
Alicia Berry: Wir glauben, dass Peridot eine der ersten Implementierungen – vielleicht sogar die erste Implementierung überhaupt – von generativer KI in einem Mobile Game ist. Konkret geht es uns darum, die liebenswerten Kreaturen im Spiel noch liebenswerter zu machen.
Bei der Verwendung früherer Technologien hätten unsere Teams eine bestimmte Anzahl von Reaktionen für die Dots programmieren müssen, wenn sie auf verschiedene Dinge in der Welt treffen. Mit generativer KI können wir die möglichen Verhaltensweisen drastisch erhöhen, wenn Peridots auf neue Reize treffen, zum Beispiel auf ein anderes Tier, einen Teller mit Essen oder einen Blumenstrauß.
Golem.de: Wie groß war der Aufwand für die Entwicklung der neuen Technik?
Berry: Der Proof of Concept war innerhalb von ein oder zwei Monaten fertig und lief. Die Produktion dauerte ein paar Monate, um sicherzustellen, dass alle Daten extrem sicher sind und unsere aktuellen Nutzungsbedingungen und Datenschutzrichtlinien eingehalten werden.
Golem.de: Welche generative KI verwenden Sie?
Berry: Wir verwenden Llama 2 von Meta. Die vom Smartphone aufgenommenen Bilder der echten Welt werden mit Hilfe der KI-Algorithmen von Niantic für Computer Vision in 3D-Umgebungen umgewandelt, damit die Peridots in ihrem virtuellen Raum herumtollen können. Gleichzeitig werden mit Niantic Lightship, unserem AR-Development Kit, auch Dinge wie Blumen, Lebensmittel, Haustiere und viele andere Objekte und Oberflächen in der realen Welt erkannt und Wörtern zugeordnet.
Diese Wörter werden dann an das große Sprachmodell weitergegeben, in diesem Fall eben eine angepasste Version von Llama 2. Dazu kommen Informationen über die Eigenschaften und die Persönlichkeit des Peridots, etwa ob es kontaktfreudig oder schüchtern ist, sein Alter und seine Geschichte. Das Backend fragt dann Llama, wie ein kleines flauschiges Wesen auf das reagieren könnte, was es gefunden hat.
Das Unvorhergesehene ist der eigentliche Spaß
Golem.de: Und woher kommen die passenden Animationen?
Berry: Bei Peridot hatten wir das Glück, mit der KI auch eine Bibliothek ungenutzter Animationen verwenden zu können, die nur schwer für präzise Umgebungsbedingungen eingesetzt werden konnten. Dank des neuen Systems, das die generative KI nutzt, sind diese Animationen nun Teil einer viel größeren Anzahl möglicher Reaktionen. Auf die Spieler wirkt das, als ob der Dot lernt, sich anpasst und Persönlichkeit zeigt – wie eine lebende Kreatur.
Golem.de: Können Sie uns ein oder zwei Beispiele dafür geben, was die Kreaturen jetzt im Vergleich zu vor dem Update tun können?
Berry: Die generative KI gibt den Dots die Fähigkeit, auf überraschende Weise auf Dinge zu reagieren, die sie in der realen Welt vorfinden – genau wie ein echtes Haustier es tun würde. So wie man nicht weiß, wie ein Welpe auf eine Katze reagieren würde, wird auch das Dot auf unvorhersehbare Weise reagieren. "Wird es knurren, bellen oder sich auf die Katze stürzen?"
Golem.de: Was waren die größten Herausforderungen bei der Entwicklung der neuen Kreaturen?
Berry: Unsere Peridots sind schon beim Schlüpfen einzigartig, sie erben einige der Fähigkeiten ihrer Eltern. Bevor die neue KI-Funktion eingeführt wurde, verhielten sich die Dots deshalb ähnlich, wenn sie mit verschiedenen Objekten und Szenen konfrontiert wurden. Nach dem KI-Update wurde die Vorhersehbarkeit durch die Reaktionen der Gen-AI-Instanz von Niantic ersetzt.
Unsere Befürchtung war, dass die Reaktionen nicht mit den Erwartungen der Spieler übereinstimmen würden. Deshalb haben wir eigentlich erwartet, das Modell trainieren zu müssen. Allerdings hat sich dann herausgestellt, dass dies nur in geringem Umfang nötig war, weil gerade die Unvorhersehbarkeit der Reaktionen den eigentlichen Spaß ausmacht.
Golem.de: Haben Sie Beispiele für unerwartete Verhaltensweisen?
Berry: Wir hatten bei den internen Tests einen Fall, bei dem wir einem Dot mit einer verspielten und aktiven Persönlichkeit einen Teller mit Essen gezeigt haben. Wir hatten gedacht, dass es daran schnüffeln würde, aber stattdessen warf es einen kurzen Blick darauf und beschloss, sich in den Resten zu wälzen. Ich glaube dass jeder, der ein echtes Haustier besitzt, dieses Gefühl nachempfinden kann, wenn man einfach nur dasteht und denkt: "Warum tust du das?"
Und diese Art von Überraschung ist es, die dann das Gefühl vermittelt, dass es sich um ein Lebewesen mit eigenem Charakter handelt und nicht nur ein paar festgelegte Verhaltensmuster.
Golem.de: Wo würden Sie sich wünschen, dass die generative KI besser funktioniert?
Berry: Für unsere Zwecke funktioniert die generative KI fantastisch und sorgt für ein zusätzliches Gefühl der Freude beim Spielen und Erkunden der realen Welt. Es kommt zwar nicht oft vor, aber klar: Manchmal gibt das Large Language Model (LLM) eine Ausgabe zurück, die die Animationsbibliothek des Spiels nicht nachvollziehen kann.
In der Branche nennen wir das eine Halluzination, aber das kommt eher selten vor. Wir sind sehr gespannt darauf, wie wir das generative System weiter ausbauen können, um eine echte Möglichkeit zu haben, mit den Dots auf unterschiedlichste Weise zu interagieren und zu sprechen.
Für uns ist Peridot ein frühes Beispiel dafür, wie Entwickler eine generative KI nutzen können, um Spielfiguren lebensechter und interaktiver zu machen. Ganz allgemein werden Augmented-Reality-Charaktere bei ihrer Weiterentwicklung auf KI setzen müssen – nicht nur um die Welt zu verstehen, sondern auch um auf sie und auf andere Menschen zu reagieren.
Peridot sehen wir auch als Plattform für Experimente mit im Bereich KI und AR. Wir freuen uns darauf, die Grenzen weiter zu verschieben und die Kreaturen in unserer Welt auf mobilen Geräten zum Leben zu erwecken, mit Blick auf zukünftige Hardware.
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