Interview mit Herbert W. Franke: "Die Welt wird anders, aber nicht besser"

Herbert W. Franke ist Autor, Wissenschaftler und Künstler. Golem.de hat den 95-Jährigen zu seiner Sicht auf aktuelle Entwicklungen befragt.

Ein Interview von Martin Wolf veröffentlicht am
Herbert W. Franke vor seinem Bild "Mondrian" von 1979
Herbert W. Franke vor seinem Bild "Mondrian" von 1979 (Bild: OÖ Landes-Kultur GmbH / Montage: Golem.de)

Der Lebenslauf von Herbert W. Franke zeichnet das Bild eines vielseitig interessierten Menschen, der einerseits immer an der technologischen Entwicklung teilnahm, aber ihre Folgen als Autor auch kritisch begleitete.

Inhalt:
  1. Interview mit Herbert W. Franke: "Die Welt wird anders, aber nicht besser"
  2. Realität und Science-Fiction

Ab den 1950er Jahren beschäftigte er sich mit den ästhetischen Aspekten von Computergrafik, eine Ausstellung dazu findet gerade in Linz statt.

Golem.de: Ihre künstlerischen und wissenschaftlichen Interessen überlappen sich auf vielen Gebieten. Was raten Sie jungen Menschen, die sich nicht auf die eine oder andere geistige Ausdrucksform festlegen wollen?

Herbert W. Franke: Ich persönlich plädiere immer dafür, sich eine wissenschaftliche Grundlage zu schaffen, mit der man dann analytisch und rational begründbar arbeiten kann - auch als Künstler. Denn nur in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung lässt sich Erkenntnis gewinnen, die uns auch in der Kunst weiterbringt. Wissenschaft und Kunst können sich gegenseitig befruchten - in unterschiedlicher Weise natürlich.

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Die Wissenschaft kann von der Kunst lernen, wie man Information so aufbereitet, dass die Öffentlichkeit deren Erkenntnisse versteht - und die Kunst kann von der Wissenschaft lernen, wie die Prinzipien der Ästhetik theoretisch erfassbar sind und wie sie im Menschen wirken.

Golem.de: Sie haben den Aufstieg der Computer- und Informationstechnologie von Anfang an erlebt. Wie ist ihre derzeitige Meinung zum technologischen Fortschritt auf diesen Gebieten?

Franke: Grundsätzlich hat sich an meiner Ansicht dazu über die Jahrzehnte eigentlich nichts geändert - und meine Vorstellungswelt ist auch längst noch nicht erreicht, selbst wenn wir eine merkbare Strecke schon zurückgelegt haben. Die Bedeutung der aufkommenden Computer- und Informationstechnologie war mir von Anfang an klar. Ich habe das in allen möglichen Publikationen literarisch oder auch populärwissenschaftlich veröffentlicht.

Schon damals war ich überzeugt, dass diese Technologie zwei wichtige Strömungen hat: die Schaffung Künstlicher Intelligenzen als alternativen Lebensentwurf - und die Perfektionierung von Traumwelten, die bisher wahrscheinlich nur ein einziges biologisches Wesen auf diesem Erdball entwickelt hat: der Mensch. Diese Entwicklungen bergen natürlich Chancen und Gefahren. Auf der Seite der Chancen liegt beispielsweise die Möglichkeiten in der Bildung - auf der anderen Seite, naja, da brauche ich nicht viel zu sagen: Kommerz und Militär sind meist die ersten, die Technologien für ihre Zwecke nicht nur brauchen, sondern auch missbrauchen.

Da hat sich im Lauf der Jahrzehnte meine Einstellung vielleicht etwas verschoben. Früher war ich wohl etwas optimistischer, dass die Vorteile überwiegen. Aber es ist viel einfacher, Technologien zur Zerstörung einzusetzen.

Golem.de: Sie haben, unter anderem, in "Sirius Transit" das Thema virtuelle Realität aufgegriffen und oft auch die Schwierigkeiten benannt, die mit den Grenzen der wahrnehmbaren und von uns Menschen verifizierbaren Realität zusammenhängen. Wie sind Ihre Gedanken zu aktuellen Entwicklungen wie den sozialen Netzwerken, die zwar keine alternative Realität in der Wirklichkeit vorspiegeln, aber in der Gedankenwelt erschaffen können?

Franke: Die sozialen Netzwerke sind die Vorstufe zu dem, was virtuelle Realität immer mehr werden wird. Allerdings gibt es zwischen ihnen und dem, was wir als Realität empfinden, einen Unterschied. Denn bisher sind die sozialen Netze auf die Aufnahme bestimmter Inputkanäle beschränkt. Wir sehen wie durch ein Fenster in die andere Welt der Netze. Für den gesunden Menschenverstand besteht daher keine Gefahr, die reale Welt zu "verlieren" - und ich meine hier die physikalische Welt. Allerdings zeigen die Wirkungen sozialer Netzwerke bereits, dass es möglich ist, virtuelle Welten im Gehirn aufzubauen und zu manipulieren.

Im schlimmsten Fall sind das gezielte Fake News, die es aber auch früher schon gab. Propaganda hat im Nazi-Regime bekanntlich ebenso gut funktioniert. Doch mit den neuen Technologien der Informationsverarbeitung und des Internets perfektioniert sich die Propagandamaschine. Noch gravierender werden solche Begleiterscheinungen, wenn wir uns vorstellen, dass man deutlich tiefer in diese Virtualität eindringen kann, dann nämlich, wenn nicht mehr nur Augen und Ohren, sondern alle Sinne von einer simulierten Welt bedient werden.

Man kann sich leicht vorstellen, dass unter dieser Voraussetzung die Unterscheidung schwierig werden kann. Und da der Mensch ein Wesen ist, dessen Handlungen weitgehend im Unbewussten von den Gefühlen gesteuert werden, ist die Gefahr natürlich groß, sich dem möglichen Rausch solcher virtuellen Welten hinzugeben und darin aufzugehen. Bleibt anzumerken: Leider geht die Evolution unseres kognitiven Apparates nicht so schnell voran wie unsere technologische Entwicklung.

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Realität und Science-Fiction 
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Lachser 10. Mai 2022

Bin voll einverstanden. Gerade wenn man mit älteren Menschen spricht, kommt das zum...

friedruhm 09. Mai 2022

Habe Herbert W. Franke schon als Kind und Jugendlicher mit Begeisterung gelesen, einige...

ufo70 09. Mai 2022

Eben, Du willst Deinen eigenen Weg gehen und das tun worauf Du Lust hast. Dabei soll es...

SirJayJay 08. Mai 2022

Was Herbert Franke damit ausdrücken will, geht über das hinaus, Soad. Der Mann ist 95...



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