Realität und Science-Fiction

Golem.de: Gibt es Dinge, die sie sich in jungen Jahren vorgestellt haben und die nun Wirklichkeit sind? Wie unterscheiden sie sich - positiv wie negativ - von ihren damaligen Ideen?

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Franke: Wissen Sie, ich kann die Frage gar nicht richtig beantworten, da müsste ich erst wieder in meine alten Geschichten hineinschauen. Sie ist mir letztlich auch nicht so wichtig - neue technologische Gadgets wie Mobiltelefone oder so etwas zu ersinnen.

Natürlich, für einen Roman oder eine Geschichte braucht man das als "Spielerei", und ja, solche Sachen habe ich mir ausgedacht, aber wichtig waren sie mir nicht. Was mir dabei aber oft aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass sich Autoren und wahrscheinlich auch ich bei solchen Gadgets meist in der Zeitschiene erheblich geirrt haben. Manche Sachen kamen früher, manche erst viel später als gedacht. Für mich ging es stets um die größeren Zusammenhänge: Da möchte ich beispielsweise ein wichtiges Thema nennen, das ich in vielen Romanen ganz unterschiedlich "dekliniert" habe: Informationstechnologie und Überwachung.

Da gibt es interessante Perspektiven sinnvoller Anwendungen, denken Sie nur an die Remote-Überwachung von Häusern oder des Klimas, genauso können diese Technologien aber auch den Überwachungsstaat perfektionieren oder Menschen manipulieren. Das sind die grundsätzlichen Themen, die mich bewegen.

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Golem.de: Sie schrieben einmal, dass Science-Fiction in einem komplementären Verhältnis zur Futurologie stehe, was meinen Sie damit?

Franke: Ich meine das in dem Sinn, dass die Qualität utopischer Literatur nicht daran zu messen ist, wie gut ihre Vorhersagen eintreffen. SF darauf zu fokussieren, halte ich für falsch. Das ist das Terrain der Futurologie. Es ist ein netter Seiteneffekt, wenn das eintritt, was SF-Autoren fabuliert haben, aber ich glaube, die Bedeutung der utopischen Literatur liegt nicht darin, die Zukunft vorherzusehen. Für mich soll sie unterschiedliche Modellentwürfe bieten, die im Jetzt begründbar sind: Trends und Entwicklungen fortzuschreiben in eine mögliche Zukunft.

Die in spannende Handlungen verpackten Zukunftsmodelle sollen den Leser auch anregen, über unsere mögliche Zukunft nachzudenken - und im besten Fall dazu führen, diese aktiv mitzugestalten, statt sie nur geschehen zu lassen. Ich habe mich oft gefragt, ob das nicht eine fast schon zu große Aufgabe für einen Geschichtenerzähler ist. Aber ich habe jedenfalls immer versucht, diese Aufgabe zu erfüllen.

Deshalb freut es mich auch, dass sich bei mir immer wieder Leser gemeldet haben - auf Veranstaltungen oder in Briefen und Mails -, die mir sagten, dass meine Geschichten ihren Lebensweg in jungen Jahren beeinflusst haben und sie durch diese maßgeblich zum Studium von Naturwissenschaft oder Technik angeregt wurden.

Golem.de: Welche aktuellen Werke haben Sie beeindruckt? Welche klassischen würden Sie empfehlen?

Franke: Wissen Sie, leider hatte ich in den letzten Jahrzehnten viel zu wenig Zeit, Bücher zu lesen. Während meiner Herausgebertätigkeit für Goldmann und dann für Heyne in den sechziger und siebziger Jahren war das natürlich anders. Da habe ich sehr viel gelesen und war auf dem Laufenden. Heute kann ich nur sagen, dass mich Bücher von Dietmar Dath oder Andreas Eschbach beeindruckt haben, in ganz unterschiedlicher Weise natürlich. Klassisch gibt es zuerst einmal Stanislaw Lem zu nennen. Aber auch Alfred Bester, Robert Heinlein oder John Brunner gehören zu meinen Lieblingsautoren.

Golem.de: Sie sagten einmal: "Die Hoffnung auf eine bessere Welt erscheint mir aus mehreren Gründen unerfüllbar." Gibt es auch Gründe, trotzdem darauf zu hoffen?

Franke: Nein - die Welt wird anders, aber nicht besser. Ich halte den Ansatz einer Suche nach einer besseren Welt sowieso für einigermaßen fragwürdig. Die Vorstellungen einer "besseren" Welt von Steinzeitmenschen, griechischen Philosophen oder der klerikalen Welt des Mittelalters weichen erheblich voneinander ab. Warum soll das in Zukunft anders sein? Das bedeutet jedoch nicht, im Hier und Jetzt nicht nach den derzeitigen Wertvorstellungen nach dem Optimum zu suchen.

Golem.de: Ihre aktuelle Ausstellung zeigt Werke, die mit dem Computer entstanden sind und für die Sie mitunter selbst programmieren mussten. Wie kann Programmierung Ihrer Meinung nach künstlerisches Ausdrucksmittel werden?

Franke: Ich sehe das andersherum: Jedem künstlerischen Werk liegt ein Code zugrunde. In der Musik ist das schon offensichtlich. Da nennt man es Komposition. In der Bildenden Kunst dagegen fand die Codierung bisher unbewusst im Gehirn statt. Wenn ich programmiere, bringe ich diese unbewusste Ebene ins Bewusstsein, ich mache sie analytisch zugänglich. Was kann es Schöneres geben, als Bildende Kunst programmierbar und damit analytisch gezielt gestaltbar machen zu können?

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Bildende Kunst wie die Musik auf die formalisierte Sprache der Mathematik zurückzuführen ist. Die Mathematik ist die Grundlage unserer Gedankenwelt und damit auch die Grundlage sowohl von Wissenschaft wie von Kunst. Ordnungsprinzipien zu erkennen und mathematisch zu erfassen, das kann einerseits wissenschaftlich dem Erkenntnisgewinn dienen - oder aber künstlerisch genutzt werden, um ästhetische Werke zu schaffen.

Golem.de: Vielen Dank für das Interview.

Die Arbeiten von Herbert W. Franke zur Computergrafik sind bis zum 12. Juni 2022 im Francisco Carolinum Linz zu besichtigen.

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 Interview mit Herbert W. Franke: "Die Welt wird anders, aber nicht besser"
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Lachser 10. Mai 2022 / Themenstart

Bin voll einverstanden. Gerade wenn man mit älteren Menschen spricht, kommt das zum...

friedruhm 09. Mai 2022 / Themenstart

Habe Herbert W. Franke schon als Kind und Jugendlicher mit Begeisterung gelesen, einige...

ufo70 09. Mai 2022 / Themenstart

Eben, Du willst Deinen eigenen Weg gehen und das tun worauf Du Lust hast. Dabei soll es...

SirJayJay 08. Mai 2022 / Themenstart

Was Herbert Franke damit ausdrücken will, geht über das hinaus, Soad. Der Mann ist 95...

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