CTO: Teamviewer will weg vom Bildschirm
Computer haben sich immer wieder verändert – und dann auch wieder nicht. Die klobigen Rechenmaschinen wurden zu Heimcomputern, heute tragen wir alle Smartphones in der Tasche. Gleich geblieben ist, dass wir immer noch auf Bildschirme schauen, sei es am Laptop, Tablet und iPhone.
Teamviewer hat darauf sein Geschäftsmodell aufgebaut, die gleichnamige Fernwartungssoftware des Göppinger Unternehmens erlaubt es, sich aus der Ferne mit einem Bildschirm zu verbinden und den Computer dahinter zu steuern. Pressemitteilungen, in denen das Unternehmen von Hololens-Headsets und dem Metaversum spricht , wirken deshalb etwas kurios.
Aber: "Das ist wichtig für uns, weil sehr viele Menschen ohne Bildschirm arbeiten" , sagt Mike Eissele. Der Informatiker ist als CTO bei Teamviewer auch für die Entwicklung dieser neuen Produkte für neue Zielgruppen verantwortlich. Im Gespräch mit Golem.de erklärt er, was hinter Teamviewers Zukunftsplänen und dem Vorstoß in das "industrielle Metaversum" steckt.
Fernwartung über den Bürobildschirm hinaus
Das große Schlagwort dieser Zusammenarbeit lautet dabei ausgerechnet Metaverse – VR-Headset und Hololens-Brillen inklusive. Immerhin hat sich das Versprechen vom Metaversum für Endkunden bislang eher als Vaporware herausgestellt (g+) . Dass hinter dem Marketingbegriff für viele Verbraucher bisher wenig Substanz steckt, weiß auch Teamviewer: Im September 2022 veröffentlichte das Unternehmen selbst eine Umfrage mit diesem Ergebnis.
Dennoch kam die Initialzündung für diese Entwicklung durch Kunden von Teamviewer, erklärt Eissele. Man habe beobachtet, wie die Fernwartungssoftware in der Praxis eingesetzt wird, etwa um auf bildschirmlos betriebene Computer zuzugreifen. Solche industriellen Maschinen "haben nicht immer einen Bildschirm, aber trotzdem ein Betriebssystem" , sagt Eissele.
Viele Kunden hätten Teamviewer bereits im Einsatz gehabt, allerdings eher im Büro als in der Werkhalle. "Da haben wir uns gesagt: Wir können viel mehr erreichen, auch für die Industrie und für große Firmen."
Frontline nennt Teamviewer seine neue Produktlinie, die statt auf Bildschirmzugriffe auf Augmented-Reality-Headsets setzt. "Da ist natürlich kein Bildschirm mehr, weil da gar kein Gerät mehr für die Verbindung ist" , sagt Eissele.
Eine Zukunft ohne Bildschirme
So eine Zukunft ohne Bildschirme konnte sich Eissele schon 2020 vorstellen. In einem Interview mit der Wirtschaftswoche(öffnet im neuen Fenster) sagte er, dass Teamviewer auch über den namensgebenden Bildschirm (view bedeutet immerhin anschauen) hinausgehen will.
Das Interview gab Eissele kurz nach der Übernahme des Bremer Augmented-Reality-Experten Ubimax(öffnet im neuen Fenster) . Seitdem ist klar, wie sich Teamviewer diese Zukunft vorstellt.
Damals zahlte man 136,5 Millionen Euro "für einen Technologiesprung. Es ergab keinen Sinn, fünf Jahre und hohe Entwicklungskapazitäten zu investieren, wenn andere die Technologie schon haben " , sagt Eissele.
Neue Zielgruppen statt Feature Creep
"Wir sind natürlich mit dem Fernsteuern von PCs groß geworden. Als ich bei Teamviewer angefangen habe, hatte die gesamte Firma etwa 40 Leute" , erinnert er sich. Das war 2009. "Allein in der Entwicklermannschaft sind wir zwischen 350 und 400 Personen."
Heute läuft Teamviewer, die Software, nach Unternehmensangaben(öffnet im neuen Fenster) auf 2,5 Milliarden Geräten. Und mittlerweile sind Hunderte Entwickler unter anderem damit beschäftigt, immer neue Funktionen in das Kernprodukt zu integrieren. Eine Entwicklung, der Golem.de-Leser in den Kommentaren hin und wieder den befürchteten Feature Creep unterstellen.
Für weiteres Wachstum blickt das Unternehmen über seine Bestandskunden hinaus. Wo die Fernwartung vor allem im IT-Support an Computerarbeitsplätzen Anwendung findet, richten sich die bildschirmlosen Produkte stärker auf die Industrie. So kündigten die Göppinger im Sommer 2022 unter anderem Kooperationen mit DB Netz und Siemens an , auch Kunden aus der Automobilindustrie setzen bereits Teamviewer-Produkte auf AR-Headsets ein.
Neukunden sind mehr Kunden
"Unser Ziel ist aber nicht, komplett in diese Richtung zu gehen, sondern wir haben den Bereich, den wir mit unseren Produkten abdecken, einfach viel breiter gemacht" , versichert Eissele. Man will also nicht komplett in eine neue Produktsparte umsiedeln, sondern mit den neuen Kunden vor allem mehr Kunden gewinnen.
Mit Frontline will Teamviewer allen, die ohne einen Bildschirm vor der Nase arbeiten, "eine moderne Unterstützung" bieten. Damit eröffnet sich das Unternehmen in einer wachstumsgetriebenen Wirtschaft natürlich auch eine schier endlose Zielgruppe, die nahezu jeden Arbeitnehmer in jedem Unternehmen umfasst.
Fortschritt nach zwei Jahrzehnten Forschung
Dass er auf einen Hype aufspringe, lässt sich Mike Eissele nicht vorwerfen. Er beschäftigt sich nicht erst seit der Übernahme von Ubimax mit den Möglichkeiten von Mixed-Reality-Technologie. Lange vor seiner Zeit bei Teamviewer forschte Eissele an der Universität Stuttgart am Übergang von Mixed, Virtual und Augmented Reality in smarten Produktionsumgebungen(öffnet im neuen Fenster) .
"Damals waren die Geräte in einem anderen Zustand" , sagt er, "klobig, niedrige Auflösung, wenig Kontrast, hohe Latenz und dauernd wird einem schwindlig." Dennoch sei schon damals für ihn klar gewesen, dass VR- und AR-Headsets nicht nur technisch machbar sind, sondern auch einen echten praktischen Nutzen haben können.
"Das war relativ offensichtlich" , sagt Eissele heute überzeugt. "Man muss an der Stelle mit den Kunden arbeiten und immer wieder schauen, wie weit die Industrie und der Markt sind." Und als Teamviewer die Möglichkeiten dieses Marktes sah, hat das Unternehmen nicht lange gezögert und sich die nötige Technologie mit Ubimax eingekauft.
Das Comeback der AR-Brille?
Vorhersagen über die Zukunft sind schwierig, dennoch nötigen wir Eissele eine ab. Er ist überzeugt, dass die Entwicklung von Smart Glasses auch "unabhängig davon, ob es einen Evolutionssprung gibt" weitergehen wird. Auch wenn erste Produkte wie Google Glass als Flop gelten oder Intels Vault längst eingestellt wurde , glaubt er noch an das Potenzial der Technologie.
"Ich glaube, dass sich dort in Echtzeit wichtige Informationen einblenden lassen, was das Arbeiten erleichtert, wobei gleichzeitig das Gerät, das hilft, in den Hintergrund tritt, damit ich meine Tätigkeit ohne Ablenkung machen kann" , sagt Eissele. Denn jemand, der in einer Werkshalle arbeite, wolle "nicht ständig ein Tablet in die Hand nehmen, scrollen, die richtige Zeile finden und etwas eintippen."
Mit seiner Einschätzung, dass Smart Glasses in Zukunft wieder eine wichtige Rolle spielen werden, ist Eissele nicht allein. Google arbeitet erneut an einer AR-Brille und seit Jahren halten sich Gerüchte über einen Markteinstieg von Apple . Auch Niantic-CEO John Hanke ist überzeugt, dass Augmented statt Virtual Reality die Zukunft gehört .
"Das wird sich schneller entwickeln, als wir denken"
Und woher nimmt man nun den langen Atem, bei der Entwicklung einer neuen Technologie nicht zu früh aufzugeben – oder zu spät und dabei einem hohlen Hype aufzusitzen? "Man muss eine Balance finden" , glaubt Mike Eissele. Ein pauschales Erfolgsrezept, das für jede Firma funktioniert, gebe es dafür allerdings nicht.
"Ich glaube, dass man einfach mehrere Themen parallel besetzen muss und nicht zu schnell aufgeben darf," sagt er und führt einen anderen Hype als Beispiel an: "Jeder hat gesagt, das Internet of Things sei das große Ding, da gebe es Millionen Geräte und riesige Umsätze. Viele glauben immer noch daran, aber es ist nicht in dieser Geschwindigkeit eingetroffen. Jetzt muss man sich fragen: Glaube ich noch daran oder war es das jetzt?"
Nur eine allgemeingültige Vorhersage wagt Eissele: "Das wird sich sicherlich schneller entwickeln, als wir alle denken." Der CTO geht davon aus, dass es immer wieder technologische Revolutionen geben kann, mit denen vorher niemand gerechnet hat. "Früher gab es Laptops ohne Kamera" , sagt er zum Ende des Gesprächs per Videokonferenz. "Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen."
Abonnenten von Golem Plus können das ausführliche Gespräch mit Teamviewer-CTO Mike Eissele in voller Länge nachlesen . Noch mehr exklusive Einblicke in die Arbeit von IT-Führungskräften gibt es alle zwei Wochen in unserem Newsletter Chefs von Devs .
- Anzeige Hier geht es zu Microsoft 365 Family bei Amazon Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.



