Ein hibbeliges Kind im Zentrum der Milchstraße

Golem.de: Wann wird die nächste Messkampagne sein, was werden Sie anschauen?

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Falcke: Wir müssen zunächst neue Anträge schreiben, damit wir Messzeit bekommen. Wenn das gelingt, werden wir im nächsten Jahr wieder beobachten - erneut die Riesengalaxie M 87 und Sagittarius A*, das Zentrum unserer Milchstraße. Für M 87 haben wir zum Glück jetzt mehr Teleskope. Noema in Frankreich kommt dazu und das Grönland-Teleskop, damit werden wir deutlich bessere Bilder machen können und vielleicht auch die Breite des Rings bestimmen. Wir schauen nach Veränderungen, hat es sich bewegt oder ist es größer geworden? Das sollte es eigentlich nicht tun, aber wer weiß. Hoffentlich können wir den Spin eingrenzen, das gelang bislang nicht. Und wir erwarten mehr Informationen über die magnetischen Felder in der Umgebung des schwarzen Lochs. Ich mache mir allerdings Sorgen, ob wir das Teleskop in Mexiko wieder nutzen können.

Golem.de: Sie meinen das Large Millimeter Telescope im Bundesstaat Puebla. Was ist passiert?

Falcke: Es gibt dort wie in vielen anderen Teilen Mexikos Probleme mit Kriminalität. In der Nähe des Teleskops verlaufen Pipelines, die von den Drogenkartellen angezapft werden. Im vergangen Jahr haben wir die Beobachtungen abgebrochen, nachdem einer meiner Studenten auf dem Weg zum Teleskop mit Maschinengewehren bedroht worden war. Es waren wohl keine Angehörigen eines Kartells, sondern der Geheimdienst, der auf der Suche nach Verbrechern war.

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Golem.de: Das klingt dramatisch, wie geht es Ihrem Kollegen?

Falcke: Er hat das gut verkraftet. Ich habe ihm Unterstützung angeboten, doch für ihn ist das kein Thema mehr. Es ist aber klar, dass wir keinesfalls in die Schusslinie geraten möchten. Solange es gefährlich ist, werden wir nicht mit diesem Teleskop beobachten.

Golem.de: Kommen noch Teleskope auf der Südhalbkugel dazu?

Falcke: Die brauchen wir besonders, um das Zentrum unserer Galaxie zu beobachten. Wir versuchen, ein schwedisch-europäisches Teleskop (SEST), das derzeit in Chile steht, nach Namibia zu bringen. Das wäre ideal, um unser Beobachtungsprogramm um einen Standort in Afrika zu ergänzen. Wir haben dort den Gamsberg, der zu großen Teilen der Max-Planck-Gesellschaft gehört. Die Geschichte von Deutschland und Namibia ist eng verknüpft, da es früher einmal eine Kolonie war. Das Teleskop hat also nicht nur eine wissenschaftliche Bedeutung, sondern kann auch eine Symbolwirkung haben für eine Partnerschaft beider Länder. Es ist ausdrücklich vorgesehen, die Universitäten dort miteinzubinden.

Golem.de: Warum gibt es bisher kein Bild vom schwarzen Loch im Zentrum der Milchstraße, Sagittarius A*? Da haben die Radioteleskope doch auch hingelauscht.

Falcke: Weil es sehr variabel ist. Unsere Aufnahmen gehen immer über acht Stunden. Versuchen Sie das mal bei einem Kleinkind, das ständig hibbelt und sich bewegt, da kriegen Sie kein scharfes Bild. M 87 ist ein großer fetter Bär, kein Problem, aber Sagittarius A*, das Ding kann einfach nicht ruhig sitzen. Es gibt zwar Tricks, um diese Effekte rauszubekommen, aber dafür hatten wir noch keine Zeit. Was die wirklich bringen, wissen wir bisher nicht. Oder man muss über mehrere Messkampagnen Aufnahmen anfertigen und diese dann zusammenfügen. Aber ich hoffe natürlich, dass uns das gelingt.

Golem.de: Sie sprechen über schwarze Löcher wie über alltägliche Dinge. Kann man die extremen Eigenschaften wie ihre Masse wirklich begreifen?

Falcke: Als Physiker gewöhnt man sich daran, in einer anderen Welt zu leben. Viele sagen: Das ist ja verrückt - die Zeit verläuft anders, es herrscht Lichtgeschwindigkeit. Aber für uns ist das Alltag. So wie andere Klima- und Wettermodelle für die Erde machen, so machen wir Wettermodelle für schwarze Löcher. Wir berechnen, wie Gas sich darum bewegt, Magnetfelder und so weiter. Da bekommt man schon ein Gefühl dafür.

Golem.de: Wie entwickeln sich ihre Studienobjekte langfristig? Können sie uns einmal gefährlich werden oder verschlingen die sich am Ende gegenseitig, bis der Kosmos aufgefressen ist?

Falcke: Das ist die große Frage. Ein schwarzes Loch muss gefüttert werden. Von sich aus frisst es nichts, es muss etwas in die Nähe kommen und hineinfallen. Das allermeiste Material des Universums verschwindet nicht in schwarzen Löchern. Auf sehr, sehr langen Zeitskalen kann es sein, dass am Ende alles in einem schwarzen Loch endet. Aber das ist so weit in der Zukunft, dass wir gar nicht wissen, wie sich das Universum bis dahin entwickelt, vielleicht fließt es auch weiter auseinander.

Für uns auf der Erde besteht schon die Möglichkeit, dass ein kleines schwarzes Loch mal auf uns zugeflogen kommt. Aber das ist extrem unwahrscheinlich. Wir können sie also entspannt aus der Ferne beobachten und viel interessante Physik daran machen.

Golem.de: Wenn Sie Ihr Lebensende wählen könnten und Sie hätten die Gelegenheit, in so eine Schwerkraftfalle hineinzufliegen, sie vor Ort zu untersuchen - wohl wissend, dass es das Letzte ist, was Sie tun. Würden Sie das machen?

Falcke: Ich bin ein frommer Mensch, deshalb ist es nicht meine Aufgabe auszusuchen, wie mein Lebensende aussieht, das überlasse ich anderen. Klar würde ich gern wissen, wie es hinter dem Ereignishorizont aussieht. Doch wenn ich es niemandem erzählen kann? Das hat mir in den vergangenen Wochen schon gereicht: Wir hatten dieses fantastische Bild - und durften bis zur Veröffentlichung mit niemandem außerhalb des Teams darüber reden. Das will man doch erzählen, seine Begeisterung teilen! Viel größer wäre der innere Konflikt beim Besuch eines schwarzen Lochs. Was ist das für ein Wissen, das man nicht teilen kann? Vielleicht würde ich es dann doch lieber lassen.

Zur Person:

Der Radioastronom Heino Falcke (52) ist Professor an der Radboud-Universität Nijmegen (Niederlande). Als Vorsitzender des Wissenschaftsrates des Konsortiums Event Horizon Telescope präsentierte er am 10. April 2019 auf einer Pressekonferenz in Brüssel das erste Bild eines schwarzen Lochs. Die Idee, wie eine solche Aufnahme gelingen könnte, war in den 1990er Jahren von Falcke, Eric Agol und Fulvio Melia entwickelt worden. Er ist zudem Gastwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn und war Vorsitzender des Lofar-Radioteleskops. Falcke befasst sich neben schwarzen Löchern auch mit aktiven Galaxien und schnellen Radioblitzen (Fast Radio Bursts).

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 Interview Heino Falcke: "Wir machen Wettermodelle für schwarze Löcher"
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