Zum Hauptinhalt Zur Navigation Zur Suche

Interton VC 4000: Das deutsche Atari

Die Geschichte einer frühen Spielekonsole, die fast in Vergessenheit geriet.
/ Martin Wolf
1 Kommentare Auf Google folgen (öffnet im neuen Fenster)
Das Interton VC 4000 hatte eine überschaubare Spielebibliothek. (Bild: Martin Wolf/Golem.de)
Das Interton VC 4000 hatte eine überschaubare Spielebibliothek. Bild: Martin Wolf/Golem.de

In den 1970er Jahren drangen weltweit Firmen auf den noch jungen Videospielmarkt vor, die bis dahin gar nichts mit Unterhaltungselektronik zu tun hatten. Ein deutsches Beispiel war SHG; der volle Unternehmensname Süddeutsche Elektro-Hausgeräte GmbH & Co. KG lässt kaum vermuten, dass es sich zeitweise um einen Videospielehersteller(öffnet im neuen Fenster) handelte. Tatsächlich produzierte die Firma sonst eher Haartrockner.

Auch der Hörgeräteproduzent Interton(öffnet im neuen Fenster) kam auf die Idee, eigene Pong-Konsolen auf den Markt zu bringen. Das ist an sich nicht ungewöhnlich, denn selbst die DDR hatte irgendwann ihren Pong-Klon.

Intertons Pong schaffte es aber sogar ins bundesdeutsche Fernsehen – als zentrales Element einer Spielshow mit Thomas Gottschalk(öffnet im neuen Fenster). Ein Techniker beim Südwestdeutschen Rundfunk hatte das Gerät umgebaut, so dass es auf Töne reagierte; das Publikum steuerte die Schläger per Stimme.

Interton blieb im Gegensatz zu vielen anderen Unternehmen auch nach dem Pong-Hype am Ball und plante ab 1977 Großes: ein eigenes Spielsystem mit Wechselmodulen. Das 1962 von zwei Kölner Brüdern gegründete Unternehmen hatte eine Historie von Ausflügen in elektronische Trends: So gab es Taschenrechner(öffnet im neuen Fenster), einen Wählcomputer für Telefone und sogar einen Organizer der Marke.

Interton VC 4000 – Golem retro_
Interton VC 4000 – Golem retro_ (09:10)

1975 hatte man mit dem Video 2000 zwar schon eine Konsole(öffnet im neuen Fenster) mit wechselbaren Spielen veröffentlicht(öffnet im neuen Fenster), diese ließ aber nur sehr einfaches, auf Pong basierendes Gameplay zu.

Das neue System sollte hingegen neben Farbe und Ton auch vollkommene Freiheit bei der Spieleentwicklung bieten. Dazu lizenzierte man eine Plattform namens 1292 Advanced Programmable Video System.

Die rätselhafte Plattform

Deren Herkunft und Entwicklungsgeschichte ist etwas unklar. Die meisten Quellen geben den Hongkong-britischen Auftragsfertiger Radofin(öffnet im neuen Fenster) als Urheber an. Allerdings ist es wahrscheinlicher, dass der niederländische Konzern Philips das Projekt startete. Ein Blick auf die Spezifikationen mit dem zentralen Chip 2650(öffnet im neuen Fenster) von Signetics verdeutlicht das.

Die mit 1.2 MHz getaktete 8-Bit-CPU wurde 1975 auf den Markt gebracht. Philips hatte Signetics zu diesem Zeitpunkt übernommen und wollte den Prozessor offenbar nur für Hobby- und Spielzwecke vermarkten.

Das lag auch daran, dass das Chipdesign zu diesem Zeitpunkt bereits drei Jahre alt war und mit den sich schnell wandelnden technischen Anforderungen von richtigen Computersystemen nicht mehr mithalten konnte.

Signetics-Komponenten bestimmen das System

Auch der zweite wichtige Chip des Systems kam von Signetics. Das 2636 Programmable Video Interface(öffnet im neuen Fenster) vereinte alle damals relevanten Funktionen der Bild- und Tonausgabe. So konnte es beispielsweise vier bewegliche Objekte, einen Punktezähler, Vorder- und Hintergrund auf den Bildschirm zeichnen, las die analogen Joystickeingaben aus und hatte 37 Byte Speicher bei einer Auflösung von 128 mal 200 Pixeln.

Bereits im Sommer 1977 zeigte Interton auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin einen Prototyp seiner neuen Spielekonsole mit diesen Chips. Das Fachmagazin ELO berichtete unter der Überschrift "Glotzen-Spiele", dass eines der ehrgeizigen Ziele der Entwickler ein funktionsfähiges Computerschachmodul sei.

Das klingt heute nicht sonderlich spektakulär, aber auf der gleichen Ifa präsentierte ein US-Hersteller einen der ersten Schachcomputer überhaupt(öffnet im neuen Fenster) – für rund 700 Mark. Auch in anderer Hinsicht war Interton am Puls der Zeit.

Denn das sehnsüchtig erwartete Atari VCS hatte Europa noch nicht erreicht, das Rennen um die Vorherrschaft bei den Multi-Modul-Spielekonsolen war vollkommen offen.

Interton hatte also eine ziemlich gute Ausgangsposition. Die Hardware war solide verarbeitet und bot dank der zwei mitgelieferten Analogcontroller eine exzellente Steuerung, die durch jeweils 14 frei programmierbare Knöpfe ergänzt wurde. Für diese waren wechselbare Papp-Einschübe vorgesehen, die manchen Spielen beigelegt wurden.

Mit dem Slogan "Ihr Fernsehgerät kann mehr, als sie glauben" bewarb Interton die Videocomputer 4000 getaufte Konsole ab 1978. Viel mehr gab es anfangs auch nicht zu sagen, denn das erst 400, dann bald 300 Mark teure Spielzeug hatte ein Problem: es gab kaum Software.

Es hakt am Softwarenachschub

Die Verpackung zeigte aufregende Szenen aus Spielen, die es teilweise noch gar nicht gab.

Was veröffentlich wurde, war allerdings zeitgemäß: ein Space-Invaders-Klon, die üblichen Pong-Spiele und ein Autorennen. Wer diese Software damals entwickelte, ist heute größtenteils unbekannt. Neben Signetics selbst gab auch Radofin an, einige damals populäre Titel für das System umgesetzt zu haben.

Es existierten nämlich neben Interton auch noch etliche weitere Lizenzenten der Plattform, deren Konsolen nach und nach unter Namen wie Prinztronic, Hanimex und Audiosonic in ganz Europa und leicht abgewandelt als Emerson Arcadia in den USA erschienen.

So stieg der Druck, Nachschub für den Modulschacht zu produzieren.

Zumindest ein Programmierer für Interton ist namentlich bekannt – er wird hier von der Webseite Classic Consoles Center(öffnet im neuen Fenster) zitiert, der er in den frühen 2000er Jahren ein Interview gab.

Ein junger Programmierer hilft aus

Der junge Hans Heinz Bieling hatte sich aus den Signetics-Komponenten ein eigenes Computersystem(öffnet im neuen Fenster) zusammengebaut, mit dem er nativ Spiele entwickeln konnte. Da bei Interton Flaute herrschte, nahm man sein Angebot(öffnet im neuen Fenster) gern an und veröffentlichte Drag Race. Allerdings nicht unter diesem Namen.

Der Prospekt(öffnet im neuen Fenster) von Interton hatte nämlich schon länger für einen Titel namens Motocross geworben, der nie in Produktion gegangen war.

Also änderte Bieling kurzerhand den Schriftzug im Menü, die Verpackung wurde neu gestaltet und der Hinweis auf Motocross befand sich nur noch kaum erkennbar über dem Bild eines Rennautos.

Die Module fassten anfangs 2 KByte, was komplexere Spiele verhinderte. So galt das bereits erwähnte Schachspiel als eher schwach. Erst mit den fallenden Speicherpreisen wurden aufwendigere 4-KByte-Titel realisierbar, darunter das verbesserte Schach 2.

Die Bibliothek des VC 4000(öffnet im neuen Fenster) ist demzufolge qualitativ durchwachsen. Ein Spiel wie Solitär(öffnet im neuen Fenster) dürfte wohl kaum die bis zu 50 Mark wert gewesen sein, die ein Modul damals kostete. Der Pac-Man-Klon Monster Man(öffnet im neuen Fenster) hingegen ist nicht wesentlich schlechter als sein legal lizenzierter Verwandter auf dem VCS. Sowohl die Interton-Konsole als auch die Spiele waren preiswerter als beim Rivalen Atari, das half jedoch auf längere Sicht kaum.

Atari macht das Rennen

Der US-Konzern hatte nicht nur Zugriff auf eine wesentlich prestigeträchtigere Bibliothek an Spielen, sondern auch ein höheres Marketingbudget, einen weltweiten Vertrieb und einen spielhallenbekannten Namen. Interton hingegen orientierte sich(öffnet im neuen Fenster) mit wenig Erfolg auf die europäischen Absatzmärkte wie Österreich, Spanien und Frankreich.

Eine weitere Einnahmequelle sollten Sublizenzen für das System werden. Für Grundig entwarf man eine Superplay Computer getaufte Konsole. Sie funktionierte ausschließlich an Fernsehern des deutschen Herstellers und war voll kompatibel zum VC 4000. Der kurz vor der Insolvenz stehende Radiohersteller Körting(öffnet im neuen Fenster) brachte auch noch ein VC 4000 unter eigenem Namen heraus.

Interton schlingerte mit lediglich elf exklusiv für das System entwickelten Spielen in die 1980er Jahre. Auch der Rest der Bibliothek war mit insgesamt unter 40 Titeln nicht mehr konkurrenzfähig.

Interton zieht den Stecker

So klang es ein bisschen wie das Pfeifen im Walde, als Hellmuth Türk, Gründer und Firmenchef von Interton, in einem Gespräch mit der Videospielzeitschrift Telematch im Frühjahr 1983 optimistisch anmerkte, dass ein Nachfolger bereits fertiggestellt sei und man in Zukunft auch selbst Spiele für andere Systeme entwickeln wolle.

Beides passierte nie. Was hingegen geschah, war der Produktionsstopp der Spielekonsolen und eine Konzentration auf das Kerngeschäft mit den Hörgeräten.

Im Herbst 1983 schrieb Telematch: "Traurige Nachricht für Interton-Freunde: Die Kölner haben Schluß gemacht. Konkurs auf gut Deutsch. Der Ausverkauf des VC 4000 läuft."

Es war die Zeit der evolutionären Auslese auf dem Konsolenmarkt. Wer nicht mit Innovation und hochqualitativen Spielen punkten konnte, verlor gegen die immer populäreren und preiswerteren Heimcomputer.

In den folgenden Jahrzehnten geriet die Interton-Story in Vergessenheit, Tausende alte Spielekonsolen landeten auf bundesdeutschen Dachböden. Erst mit der aufkommenden Retro-Welle ab den 2000er Jahren interessierten sich alte und neue Fans wieder für dieses Stück deutscher Videospielgeschichte.

Interton VC 4000 – Golem retro_
Interton VC 4000 – Golem retro_ (09:10)

Inzwischen sind einige Homebrew-Titel erschienen. Der Programmierer Simon Augustin(öffnet im neuen Fenster) hat Flappy Bird, Canabalt, Kaboom und Tetris umgesetzt. Außerdem gibt es eine Demo(öffnet im neuen Fenster), die eindrucksvoll zeigt, was man aus den 37 Byte RAM herausholen kann.

Die meisten Originalspiele sind wie auch die Konsole sehr preiswert auf dem Gebrauchtmarkt erhältlich, es existiert inzwischen aber auch ein MultiROM-Modul(öffnet im neuen Fenster), von dem sich sämtliche Software per SD-Karte laden lässt.

Auf Windows-PC, Amiga, Smartphone und sogar dem Gameboy Advance kann die Konsole emuliert werden(öffnet im neuen Fenster). Eine Übersicht über alle Titel der miteinander verwandten Signetics-basierten Systeme ist auf der Webseite von Amigan Software(öffnet im neuen Fenster) zu finden.

Das VC 4000 wird wohl für immer eine Randnotiz der zweiten Videospielegeneration bleiben, aber es ist auch Zeuge der aufregenden Frühzeit des Mediums, als alles möglich schien – sogar, dass ein deutscher Hörgerätehersteller Atari die Stirn bietet.

Noch ein Wort zum Abschluss: Wir haben mit Simon Augustin eine Podcast-Folge zum VC 4000 gemacht. Der Golem-Podcast Besser Wissen kommt wöchentlich und ist auf den üblichen Plattformen zu finden(öffnet im neuen Fenster).

Übersicht der vergangenen Staffeln von Golem retro_

In unserer Serie Golem retro_ nehmen wir Spieleklassiker ernst: Wir beleuchten im Video einflussreiche, wichtige oder immer noch sehr gute Spiele und die dafür nötige Hardware.

Die Nähe zu gigantischen Pixeln und quiekigen Midi-Klängen ist uns dabei genauso wichtig wie eine Auseinandersetzung mit den Spielmechaniken.

Wie immer wollen wir auf Wünsche aus der Community eingehen und die Spielepixel zeigen, die unsere Leser am liebsten sehen würden. Dafür bitten wir um reichlich Feedback in den Kommentaren, in denen auch ausdrücklich Spielevorschläge erwünscht sind.

Natürlich lesen wir auch gerne Erlebnisse, die unseren Lesern mit dem jeweils besprochenen Titel in Erinnerung geblieben sind.

Übersicht von Golem retro_ Staffel 12 (2025)

Folge 1: Rise of the Triad: Als es der Nachfolger von Wolfenstein 3D krachen ließ

Folge 2: Wo World of Warcraft und League of Legends entsprungen sind

Übersicht von Golem retro_ Staffel 11 (2024)

Folge 1 Spezial: Schneider CPC mit SymbOS: Multitasking im 8-Bit-Stil

Folge 2: Jill of the Jungle: Epics (nicht ganz so episches) Dschungel-Jump-and-Run

Folge 3: Heroes of Might and Magic 3 (1999): Von Drachen, Medusen und Titanen

Folge 4: Spielkonsolen in den 90ern: Wie die Nintendo Playstation scheiterte

Übersicht von Golem retro_ Staffel 10 (2023)

Folge 1: Doom (1993): Nicht irgendein Shooter, sondern der Shooter

Folge 2: Mega Man 2 (1988): Mega Man rockt

Folge 3: Super Mario 64 (1996): Als Mario die dritte Dimension eroberte

Folge 4: Commodore 64 (1982): Die Väter des C64

Übersicht von Golem retro_ Staffel 9 (2022)

Folge 1: Star Trek Voyager Elite Force (2000): Widerstand ist Zwecklos

Folge 2: Mass Effect (2007): Epische Schlachten und Sex mit Aliens

Folge 3: ATARI VCS (1977): Das Video Computer System

Übersicht von Golem retro_ Staffel 8 (2021)

Folge 1: Resident Evil (1996): Grauenhaft gut

Folge 2: Half Life (1998): Lange Halbwertszeit

Folge 3: Battlefield 1942 (2002): Flugzeuge, Chaos, Battlefield-Momente

Folge 4: Nintendo Gamecube (2001): Der gefloppte Würfel

Übersicht von Golem retro_ Staffel 7 (2020)

Folge 1: Turrican II (1991): Die letzte Schlacht

Folge 2: Knights of the Old Republic (2003): Auf zu neuen Horizonten

Folge 3: Mafia (2002): Don Salieri lässt grüßen

Folge 4: Sega Mega Drive (1990): Der 16-Bit-Krieg ist eröffnet

Übersicht von Golem retro_ Staffel 6 (2019)

Folge 1: Party like it's 1999: Die 510 letzten Tage von Sega

Folge 2 Spezial: Minikonsolen im Vergleichstest: Die sieben sinnlosen Zwerge

Folge 3: Silent Hill (1999): Horror in den stillen Hügeln

Folge 4: Halo (2001): Der Master Chief mit der Frau im Kopf

Folge 5: TES 3 Morrowind (2002): Im Auftrag des Kaisers nach Vvardenfell

Übersicht von Golem retro_ Staffel 5 (2018)

Folge 1 Spezial: Analogue Super Nt im Test

Folge 2: Need for Speed 3: Hot Pursuit (1998)(öffnet im neuen Fenster)

Folge 3 Spezial: Playstation Classic im Vergleichstest(öffnet im neuen Fenster)

Folge 4: Command & Conquer (1995)(öffnet im neuen Fenster)

Folge 5 Spezial: Commodore CDTV (1991)(öffnet im neuen Fenster)

Übersicht von Golem retro_ Staffel 4 (2017)

Folge 1: The Legend of Zelda (1986 und 1995)(öffnet im neuen Fenster)

Folge 2 Spezial: SNES Classic Mini im Vergleichstest(öffnet im neuen Fenster)

Folge 3: Blade Runner (1997)(öffnet im neuen Fenster)

Folge 4: King's Field 1 (1994)(öffnet im neuen Fenster)

Folge 5: Age of Empires (1997)(öffnet im neuen Fenster)

Folge 6 Spezial: xRGB Mini alias Framemeister(öffnet im neuen Fenster)

Übersicht von Golem retro_ Staffel 3 (2016)

Folge 1 Spezial: NES Classic Mini im Vergleichstest(öffnet im neuen Fenster)

Folge 2: Quake (1996)(öffnet im neuen Fenster)

Folge 3: Super Mario Bros. (1985)(öffnet im neuen Fenster)

Folge 4: Syndicate (1993)(öffnet im neuen Fenster)

Folge 5: (Jack) Alone in the Dark (1992)(öffnet im neuen Fenster)

Übersicht von Golem retro_ Staffel 2 (2015)

Folge 1: Super Metroid (1994)(öffnet im neuen Fenster)

Folge 2: Anno 1602 (1998)(öffnet im neuen Fenster)

Folge 3: Star Wars Jedi Knight (1997)(öffnet im neuen Fenster)

Folge 4: The Secret of Monkey Island (1990)(öffnet im neuen Fenster)

Übersicht von Golem retro_ Staffel 1 (2014)

Folge 1: Star Wars: X-Wing (1993)(öffnet im neuen Fenster)

Folge 2: Sid Meier's Colonization (1994)(öffnet im neuen Fenster)

Folge 3: Ultima Underworld (1992)(öffnet im neuen Fenster)

Folge 4: Rock n' Roll Racing (1993)(öffnet im neuen Fenster)

Folge 5: Day of the Tentacle (1993)(öffnet im neuen Fenster)

Folge 6: Speedball 2 Brutal Deluxe (1990)(öffnet im neuen Fenster)


Relevante Themen