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Internetbetrug: So sperrt N26 im Kampf gegen Missbrauch seine Kunden aus

Die Onlinebank N26 steht im Kampf gegen Betrügereien mit ihren Konten unter Druck. Dabei sperrt sie auch Konten unbescholtener Kunden.
/ Daniel Ziegener
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Die einfache Kontoeröffnung macht N26 auch für Betrüger attraktiv. (Bild: Unsplash)
Die einfache Kontoeröffnung macht N26 auch für Betrüger attraktiv. Bild: Unsplash

Als seine Bankkarte beim Tanken plötzlich nicht mehr funktioniert, schiebt Danny McCubbin das zunächst auf eine kaputte Zapfsäule. Am nächsten Tag möchte er per App ein paar Rechnungen bezahlen. Doch die akzeptiert sein Passwort nicht. "Ich dachte, ich hätte vielleicht ein falsches Passwort verwendet, also habe ich das Verfahren zum Zurücksetzen befolgt" , sagt er im Gespräch mit Golem.de. Erst als daraufhin keine E-Mail kommt, wird ihm klar, dass sein Konto bei der N26-Bank gesperrt ist.

Das war Anfang Februar. "Ich kann weder auf mein Konto noch auf mein Geld zugreifen" , sagt McCubbin damals. Mittlerweile hat N26 ihm sein Geld auf ein anderes Konto überwiesen - zwei Wochen nach der Sperre. Der Berater, früher für Jamie Olivers Unternehmen in London tätig, hatte bis dahin über automatisierte E-Mails hinaus keine Informationen von N26 erhalten.

McCubbin ist ein Kollateralschaden des Kampfes, den N26 gegen Missbrauch ihrer Konten führt. Seit Jahren belasten immer neue Berichte den Ruf des zweitwertvollsten deutschen Startups. Die Finanzaufsicht Bafin hat im September ein Bußgeld verhängt : 4,25 Millionen Euro kostete es N26, nicht ausreichend in die Prävention von Geldwäsche zu investieren. Wie viel dieses Versäumnis ihre Kunden kostet, ist nicht beziffert.

In Frankreich klagen Kunden gegen N26

Gegen den Missbrauch unternimmt N26 mittlerweile etwas. 2021 habe man mehr als 25 Millionen Euro in die Geldwäschebekämpfung investiert. Das Unternehmen teilte Golem.de außerdem mit, dass es letztes Jahr ein "durchgehend aktives Überwachungssystem für Transaktionen" eingeführt habe, "um verdächtige Kontoaktivitäten sowie Betrug im E-Commerce in Echtzeit zu erkennen" . Dieser Warnmechanismus scheint auch bei Danny McCubbin angeschlagen zu haben.

Seine Kontosperre ist kein Einzelfall. In den Replies des Twitter-Accounts von N26 finden sich zahlreiche ähnliche Geschichten. Vor allem Kunden aus Frankreich scheinen betroffen zu sein. Dort läuft bereits eine Sammelklage auf Schadensersatz gegen N26, der sich nach Angaben der Pariser Kanzlei Choisez & Associés rund 50 Kunden angeschlossen haben. "Sie beschuldigen N26, ihr Konto plötzlich geschlossen zu haben, manchmal mit mehreren tausend Euro" , erklärt die Anwältin Emma Leoty.

Auch McCubbin erhält erst eine Reaktion, als er sich über soziale Medien öffentlich an N26 wendet. Einen telefonischen Kundendienst bietet die Onlinebank nur für Premium-Accounts an, per E-Mail erhält McCubbin lediglich standardisierte Textblöcke. "Wir haben kürzlich einen erheblichen Verstoß gegen unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen für Ihr Konto festgestellt" , heißt es in dieser. Sein Konto ist offiziell seit dem 1. Februar 2022 geschlossen, die automatisierte E-Mail erhielt er am 4. Februar.

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Sonderbeauftragte, Wachstumsbeschränkung und Ermittlungen

"Es kommt gelegentlich vor, dass wir Konten einfrieren müssen, wenn wir ungewöhnliche Aktivitäten beobachten oder unsere Geschäftsbedingungen verletzt werden," schreibt uns N26. "In solchen Fällen handeln wir umgehend und ergreifen alle notwendigen Schritte und Sicherheitsmaßnahmen." Die Bank folge "bei der Erfassung potenzieller Betrugsfälle strengen regulatorischen Vorgabe." Im November hat die Finanzaufsicht Bafin einen Sonderbeauftragten bestellt, um diese Prozesse zu überwachen.

Die Bekämpfung von Missbrauch ihrer Konten wird für N26 immer wichtiger, denn die Onlinebank ist bei Betrügern beliebt. Im Gegensatz zu fälschlichen Kontosperrungen sind Berichte über echte Betrügereien nicht neu. 2019 blockierte die Volksbank zum Schutz ihrer Kunden kurzzeitig Überweisungen an N26. Eine weitere Maßnahme der Bafin war eine Wachstumsbeschränkung. Momentan darf N26 nicht mehr als 50.000 neue Kontoeröffnungen im Monat zulassen. Nach jüngsten Berichten ermittelt die Staatsanwaltschaft Berlin gegen einzelne Führungskräfte.

Konten der Onlinebank tauchen in den Statistiken der Landeskriminalämter auffällig oft auf. Im vergangenen Jahr standen etwa in Niedersachsen von 2.370 Verdachtsfällen fast 400 im Zusammenhang mit N26. "Die Sachverhalte der Geldwäscheverdachtsmeldungen mit Bezug zur N26-Bank stehen überwiegend im Zusammenhang mit Warenbetrug, Identitätsdiebstählen und Love Scamming" , teilte das LKA Niedersachsen auf Anfrage mit.

Fakeshops boomen in der Pandemie

Das Problem ist nicht auf eine Bank beschränkt. In ihrem letzten Bericht verzeichnet die Financial Intelligence Unit (FIU) des Zolls 144.005 Verdachtsmeldungen für das Jahr 2020 - eine Steigerung um fast 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Pandemie und der damit verbundene Anstieg beim Onlineshopping hat diese Entwicklung weiter verstärkt. "Einen großen Anteil daran haben die Meldungen, die in Bezug zu COVID-19 und den damit verbundenen neuen Modi Operandi der Geldwäsche stehen."

Der Warenbetrug läuft häufig mit sogenannten Fakeshops. Wie der Name schon sagt, werden dabei Webseiten eröffnet, etwa ein Versandhandel für teure Fahrräder. Nach der Bezahlung per Vorkasse erhalten die Kunden die bestellte Ware aber nie. In Onlineforen sammeln Betroffene die Kontonummern(öffnet im neuen Fenster) . Je Fakeshop werden dabei oft mehrere verwendet, bevor die Webseite ganz aus dem Netz verschwindet.

Alle Konten bei N26 haben eine deutsche IBAN, unabhängig vom Wohnort des Inhabers. Das macht sie für Betrüger attraktiv, weil die Konten auf den ersten Blick unverdächtig wirken. In einer noch nicht veröffentlichten Studie, die N26 bei dem Meinungsforschungsunternehmen Civey in Auftrag gegeben hat, gibt fast ein Drittel der Befragten an, nicht erklären zu können, wie man einen Fakeshop erkennt. "Die Aufklärung von VerbraucherInnen ist ein essenzieller Teil im Kampf gegen Online-Betrug" , so N26.

Mit Maschinenlernen gegen menschliche Fehler

Ein technisches Verfahren, auf das N26 setzt, ist Video-Ident. Die FIU hingegen sieht darin allerdings ein erhebliches Missbrauchspotenzial. Das Verfahren sei anfällig für Social Engineering. 2020 wurden im Rahmen eines vermeintlichen App-Tests Personen ausgenutzt , um unwissentlich echte Bankkonten anzulegen. Neben der Aufklärung setzt das Fintech-Startup auch auf technische Maßnahmen.

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"Durch die Einführung eines intelligenten, fortschrittlichen Algorithmus werden nun zusätzlich zu den bisherigen 210 Datenpunkten mehr als 70 weitere Datenpunkte bei allen Personen überprüft, die ein N26-Konto eröffnen und verwenden möchten" , teilt die Bank mit. Was für Datenpunkte dies genau sind, möchte N26 nicht mitteilen - um Betrügern keine Hinweise zu geben.

Aber auch personell habe N26 aufgestockt. "Wir beschäftigen heute aber 1.500 Mitarbeiter, von denen hunderte aus verschiedenen Teams an der Weiterentwicklung und Umsetzung von regulatorischen Anforderungen und Strukturen arbeiten." Wie diese sich auf Bereiche wie Kundenbetreuung und Betrugsprävention verteilen, teilte N26 nicht mit.

"Ich denke, dass sie wegen Geldwäsche unter Druck stehen und dass ihre reflexartige Reaktion darin besteht, Sicherheitssoftware und einen Algorithmus einzuführen" , denkt Danny McCubbin. Um an sein Geld zu kommen, musste er erst einen menschlichen Mitarbeiter erreichen.


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