Zum Hauptinhalt Zur Navigation

Internet Explorer: Vom Sieger zum Verlierer in 27 Jahren

Ende der Neunzigerjahre war der Internet Explorer klarer Sieger der Browserkriege. Ich erlebte den Niedergang – bis hin zum Browser -Zombie.
/ Oliver Nickel
39 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Der Internet Explorer lebt wie ein Untoter noch einige Zeit lang weiter. (Bild: Microsoft/Montage: Golem.de)
Der Internet Explorer lebt wie ein Untoter noch einige Zeit lang weiter. Bild: Microsoft/Montage: Golem.de

Im Jahr 1995 wurde ein Krieg(öffnet im neuen Fenster) begonnen, der den Internet Explorer in alle Medien brachte. Microsoft gegen Netscape, Böse gegen Gut, so sahen das zumindest viele. Zu dieser Zeit verdrängte Microsoft den eigentlich größeren Konkurrenten Netscape durch aggressive Methoden: Internet Explorer konnte, im Gegensatz zu Netscape, von allen Windows-Usern kostenlos genutzt werden.

Einige Jahre später hatte Microsoft schließlich einen ähnlich mächtigen Browser wie den Netscape Navigator, nicht aber ohne sich zuvor beim Konkurrenten diverse Dinge abgeschaut und Elemente wie Javascript (als Microsoft JScript) kopiert zu haben. Der Internet Explorer 4 wurde schließlich in Windows integriert und war entsprechend einfach zugänglich. So sollten sich die Marktanteile rasant verschieben und die Ära des Internet Explorers einleiten.

Im Jahr 1995 war ich acht Jahre alt. Ich verstand natürlich mehr von Legosteinen, Plüschtieren und Matchbox-Autos als von Browsern und dem Internet. Zwar hatte ich in der Grundschule einen Grundkurs zur Computerbedienung, meine ersten richtigen Schritte mit dem Internet Explorer machte ich aber erst später, mit dem Aufkommen von Onlinegames wie Counter-Strike.

Der Internet Explorer war von da an sehr lange ein Teil meines Lebens. Dort lud ich Mods und Patches für Unreal Tournament herunter und lernte über Seiten wie Selfhtml erste Grundlagen im Bereich HTML-Design. Wo lud ich mir den Map-Editor Worldcraft (später Hammer) für Half-Life und Counter-Strike herunter? Wo spielte ich Emote-Duelle im Lycos-Chat? Wo bekam ich erste Videos auf Youtube zu sehen? Im Internet Explorer!

Internet Explorer 11 für Windows 7
Internet Explorer 11 für Windows 7 (04:10)

Als kreativer junger Mensch durfte natürlich eine eigene Homepage nicht fehlen. Die vielen bunten Bilder, Grafiken und Dateien lud ich auf einen natürlich komplett unsicheren und selbst gehosteten Apache-Server hoch. Mit einer simplen Gästebuchfunktion konnte ich mir selbst etwas MySQL beibringen.

Internet Explorer, das Tor zum Internet

All dies erledigte ich über mein damals einziges Tor zum Internet: Ich kannte nur den Internet Explorer, hörte in der Oberstufe Mitte der 2000er Jahre aber von anderen Mitschülern immer mehr von Alternativen wie Safari und einem besonders hochgelobten Browser: Mozilla Firefox. Es wurde mir dann schnell klar: Internet Explorer war schon lange nicht mehr allein.

Firefox war zu dieser Zeit eine Alternative zum Mainstream, ein Browser für rebellische junge Leute, möchte man sagen. Natürlich musste ich die Software ebenfalls ausprobieren, ich wollte schließlich nicht der Uncoolste unter den Uncoolen sein. Allerdings stellte ich für mich persönlich fest: Firefox war etwas zu komplex und GUI-Elemente waren an ungewohnten Stellen zu finden. Teilweise gefiel mir auch die Performance von Firefox nicht so gut.

Schnell stellte ich also wieder auf den Internet Explorer um. Wo sollte ich sonst Guides für World of Warcraft durchlesen und mich mit anderen Gildenmitgliedern im stümperhaft zusammengeschusterten Forum unterhalten?

Never change a running system, dachte ich mir – und dann kam Google Chrome.

Ein neuer Herausforderer: Google Chrome

Als Google 2008 den neuen Chrome-Browser vorstellte, hatte ich meinen Internet Explorer bereits auf diverse Weisen angepasst. Custom-Skins und etliche Add-ons ließen nicht mehr viel von Microsofts grauem und aus heutiger Sicht eher tristen Browser durchscheinen. Vielleicht lag es auch an den ganzen Veränderungen und Mods, aber mir kam der auf MSHTML basierende Internet Explorer mittlerweile sehr träge vor.

Ich probierte Google Chrome direkt aus und musste feststellen: So schnell kann also Webbrowsing aussehen. Nach langen Jahren trennte ich mich vom blauen E und klickte fortan auf den rot-gelb-grünen Kreis. Das galt für mich, als techaffiner junger Mensch. Viele andere Personen klickten weiterhin auf den in Windows integrierten Browser.

Selbst in Windows 7 war der Internet Explorer noch Standard. Später integrierte Microsoft den Browser auch im wenig erfolgreichen Windows 8 – hier als touch-optimierte Version – und in mobilen Betriebssystemen wie Windows Phone 7 und Windows CE.

Es war daher nur eine Frage der Zeit, bis ich Microsofts mittlerweile unbeliebten Browser wiedersehen würde. Nach meinem Abitur und diversen Praktika arbeitete ich als Auszubildender bei einem großen Konzern. Was machen große Konzerne? Sie nutzen möglichst Software, die bewährt und getestet ist und stellen ungern auf neue Programme um. Zumindest war das im Jahr 2012 noch so.

Internet Explorer, der Malware-Magnet

Entsprechend betreute ich viele Computer mit Windows XP, ja im Jahr 2012, und Internet Explorer. Der machte natürlich nur noch Probleme. Das lag teils am Internet Explorer, teils aber auch an den Mitarbeitern selbst, die auf dubiosen Webseiten in ihrer Freizeit unterwegs waren und sich Malware in Form von PDF-Konvertern oder Add-ons herunterluden.

Microsoft zeigt Beta des Internet Explorer 9
Microsoft zeigt Beta des Internet Explorer 9 (01:02)

Internet Explorer war durch seine langjährige prominente Marktstellung ein beliebtes Ziel für solche Malware-Angriffe und entsprechend eher unsicher. Diverse Sicherheitsfunktionen wie das Erzwingen von HTTPs, Zweifaktorauthentifizierungen, Passwortmanager oder Malwarescans wurden damals noch kaum umgesetzt.

Ich konnte die Mitarbeiter allerdings nicht für den Umstieg auf andere Browser begeistern. Schließlich war der Internet Explorer für sie bekanntes Terrain, wie für mein jüngeres Ich zuvor. Dazu kam, dass mein damaliger Arbeitgeber diverse Tools auf Basis von MSHTML für den Internet Explorer programmierte. Es ging gar nicht ohne die mittlerweile alternde Software.

Internet Explorer, der Browser-Zombie

Das ist übrigens auch heute noch ein Problem für Microsoft: Erst wollte der Konzern mit dem ebenfalls auf MSHTML basierenden Microsoft Edge vom Internet Explorer ablenken. Später führte das Unternehmen den auf Chromium aufbauenden Microsoft Edge ein, der dem mittlerweile deutlichen Marktführer Google Chrome ähnlich ist. Der Internet Explorer lebte aber durch die weite Verbreitung in Unternehmen und deren Abhängigkeit davon weiter – als eine Art Zombie-Browser, der nicht sterben will.

Microsoft Edge hat es durch die vielen Anpassungen mittlerweile geschafft, sich in seiner Verbreitung zumindest auf einer Ebene mit Mozilla Firefox und Safari zu stellen. Davon konnte der Internet Explorer Ende der 2010er Jahre nur träumen. Da ist es nur verständlich, dass Microsoft den Support für den Internet Explorer nach 27 Jahren des Aufstiegs und langsamen Abstiegs nun einstellt.

Ich zumindest erinnere mich gern an den grauen und tristen Browser zurück, der mir das Tor zum Internet geöffnet hat. Doch ist er wirklich tot? Nicht ganz. Um die Zombie-Metapher erneut aufzugreifen: Der Browser schlurft weiter durch proprietäre Systeme, bis Microsoft ihn 2029 mit dem Support-Ende von Windows 10 LTSC endgültig unter viel Erde vergräbt.

Zumindest kann das Programm niemanden mehr infizieren. Diese Aufgabe übernimmt nun Google Chrome – mit Hunger auf Daten.


Relevante Themen