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Internet der Zukunft: Niemand hat die Absicht, IP zu ersetzen

Mobilfunker und auch chinesische Konzerne wollen das klassische Internet ersetzen. Die Idee ist aber weder neu noch praktisch umsetzbar.
/ Sebastian Grüner
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Ein neues Internet wird es so bald wohl nicht geben. (Bild: Pixabay / Montage: Golem.de)
Ein neues Internet wird es so bald wohl nicht geben. Bild: Pixabay / Montage: Golem.de

Die bereits im vergangenen Herbst vorgeschlagene Forschungsidee, an der auch der Ausrüster Huawei beteiligt ist, nimmt immer größere politische Dimensionen an. Zusätzlich zu vielfacher Kritik aus Fachgremien hat zuletzt sogar die Europäische Kommission angekündigt, gegen die Pläne auf internationaler Bühne vorgehen zu wollen.

Erste größere Aufmerksamkeit erreichte das Thema im Frühjahr, als die Financial Times(öffnet im neuen Fenster) (FT) von einem groß angelegten Plan berichtete, das bisherige Internet zu ersetzen. Hauptakteure seien hierbei der chinesische Staat sowie chinesische Konzerne wie Huawei, was perfekt in den aktuellen Handelskrieg zwischen den USA und China passt. Diese Darstellung ist jedoch sehr verkürzt, denn weder handelt es sich dabei um den ersten Versuch, Alternativen zu IP-basierten Netzen zu schaffen, noch um einen unerwarteten Versuch von Regierungen und Staaten, Einfluss auf die Weiterentwicklung und Kontrolle des Internets zu nehmen.

Grundlage des aktuellen Vorstoßes ist der Vorschlag einer Arbeitsgruppe(öffnet im neuen Fenster) bei der internationalen Fernmeldeunion (ITU-T), der von Huawei, China Unicom, China Mobile sowie dem chinesischen Ministerium für Industrie und Informationstechnik (MIIT) getragen wird. Das Dokument trägt den Titel New IP, Netzwerkzukunft gestalten, ist aber ebenso wie die bisherigen Antworten darauf nicht öffentlich. Das liegt wiederum an den Arbeitsrichtlinien der ITU-T, die eine Öffentlichkeit nicht vorsieht, wie viele andere supranationale Gremien und Organisationen auch.

Internet-Ersatz für die Zukunft

Der Netzwerkausrüster Huawei selbst beschreibt die Pläne(öffnet im neuen Fenster) von New IP auf einer speziell eingerichteten Webseite, die vermutlich als Gegenposition zu der FT-Veröffentlichung dienen soll, zumindest wird direkt auf den Artikel Bezug genommen. Demnach positioniert Huawei die New-IP-Initiative als Teil der Forschungsinitiative Net-2030 der ITU-T(öffnet im neuen Fenster) , bei der die Zukunft für Netzwerke untersucht werden soll.

Für Huawei bedeutet das eigenen Angaben zufolge die Arbeit an Problemen aktueller Techniken, mit denen der Ausrüster offenbar konfrontiert ist. Ziel ist etwa eine semantische Adressierung, bei der Informationen zu Diensten direkt mit adressiert werden, was etwa Umwege über DNS vermeiden soll. Eine ähnliche Idee, allerdings mit dem Fokus auf Daten statt auf den hier von Huawei vorgestellten Diensten, haben wir bereits 2016 mit dem Named Data Networking vorgestellt .

Huawei möchte darüber hinaus etwa eine deterministische Verfügbarkeit von Diensten und höhere Datenraten erreichen sowie auch mittlerweile typische Angriffe wie DDoS-Attacken verhindern, die ursprünglich im Internet nicht bedacht wurden.

Neues Internet auch aus Europa

Wie erwähnt ist Huawei in diesem Bestreben jedoch alles andere als allein. So gab es in der Vergangenheit bereits ähnliche Versuche unter Schlagworten wie etwa Next Generation Network. Darüber hinaus hat auch das Europäische Institut für Telekommunikationsnormen (Etsi) im Frühjahr dieses Jahres eine ähnliche Initiative angekündigt(öffnet im neuen Fenster) .

In der Ankündigung des Etsi bezeichnet das europäische Gremium das Ziel der Arbeiten als Non-IP Networking (NIN), schließlich suchten Provider nach Technologien, die ihren Anforderungen möglicherweise besser entsprechen als das in aktuellen Systemen verwendete TCP-/IP-basierte Netzwerk. Auch hier werden die Arbeiten von Unternehmen vorangetrieben, die im Mobilfunkbereich tätig sind. Zumindest heißt es schon in der Ankündigung, dass die Nutzung von Internetstandards im 4G-Protokollstapel zu Problemen geführt habe. Details dazu sollen folgen.

Dass also beispielsweise China allein einen Angriff auf das bisherige Internet starten und dieses ersetzen will, wie etwa die Financial Times nahelegt, ist nicht belegbar. Vielmehr scheint es eher so, dass hier eben vor allem Mobilfunkkonzerne weltweit nach Lösungen für Probleme suchen, die sie offenbar in ihren eigenen Netzen sehen. Das Internet selbst dient aber anderen Zwecken, weshalb die Vorschläge auf große Kritik stoßen.

Das Internet braucht kein neues Internet

Dass sich die Initiativen, also NIN und New IP oder auch ähnliche, langfristig durchsetzen werden, erscheint äußerst unwahrscheinlich. Denn Kritik erfahren diese Bemühungen vor allem von jenen Organisationen, die seit jeher das Internet weiterentwickeln, wie die Internet Society (ISOC) und die Internet Engineering Task Force (IETF).

Die ISOC sieht in diesen Vorstößen vor allem die Gefahr(öffnet im neuen Fenster) , dass die Entwicklung eines neuen Protokollsystems in mehreren nicht-interoperablen Netzwerken enden würde. Also eben genau in dem Szenario, welches das Internet im Wortsinne eigentlich genau verhindern soll, also die Verknüpfung mehrerer Netze. Eine ähnlich fundamentale Kritik erhält der Vorschlag auch vom Ripe NCC(öffnet im neuen Fenster) , der für Eurasien zuständigen Regional Internet Registry.

Die ISOC fordert die beteiligten Unternehmen deshalb dazu auf, sich aktiv an einer Zusammenarbeit in den entsprechenden Gremien zu beteiligten, damit eventuelle Probleme tatsächlich gemeinsam gelöst werden könnten.

Zusammenarbeit für die Zukunft

Dies geschieht bereits seit einigen Jahren mehr oder weniger koordiniert innerhalb der IETF, die für die Entwicklung der Internetprotokolle zuständig ist, mit den sogenannten Liaisons. Dabei handelt es sich um die Pflege von Beziehungen zu und den Austausch mit anderen Standardisierungsgremien wie der IEEE oder eben auch der für diese Debatte wichtigen ITU-T sowie der 3GPP, dem Konsortium, das die Mobilfunktechniken wie LTE oder 5G standardisiert.

In einer Stellungnahme an die ITU-T(öffnet im neuen Fenster) im Rahmen dieser Liaison schreibt die aktuelle IETF-Vorsitzende Alissa Cooper darüber hinaus, dass einige der als Teil der New-IP-Initiative vorgetragenen Punkte "nicht auf Fakten gestützt oder falsch" seien. Cooper schreibt außerdem, dass die IETF weiter davon überzeugt sei, dass die genutzten Protokolle sich auch künftig ebenso dynamisch an die Anforderungen anpassen werden wie bereits in den vergangenen 50 Jahren.

Weiter heißt es: "Wir haben keine Beweise für die Notwendigkeit eines monolithischen New-IP-Ansatzes gesehen, der von oben herab gestaltet wird" . Es ist nicht davon auszugehen, dass die IETF diese Position grundlegend ändert. Neue Protokolle oder zumindest die Überarbeitung bestehender Techniken werden also nur mit der IETF möglich sein, nicht an ihr vorbei.

Gegenposition auch aus der Politik

Zusätzlich zu dieser technischen Ebene bleibt aber auch noch die politische Ebene. Doch auch hier scheint klar, dass Alleingänge des Etsi oder von chinesischen Interessenvertretern über die ITU-T mit entsprechender Gegenwehr zu rechnen haben. Das hat so zum Beispiel auch bereits die Europäische Kommission(öffnet im neuen Fenster) angekündigt.

Auf der kommenden World Telecommunication Standardisation Assembly (WTSA) will sich die Kommission entsprechend positionieren. Die WTSA findet alle vier Jahre statt und dient als Gremium, um die Richtlinien der ITU-T festzulegen. Die nächste WTSA ist noch für den Herbst geplant. Dabei will die Kommission laut der kurzen Antwort auf eine Parlamentsanfrage den offenen, neutralen und vor allem unfragmentierten Ansatz des bisherigen Internets verteidigen.

Angesichts dieser technischen wie auch politischen Kritik ist jetzt schon klar, dass es für Initiativen wie New IP und ähnliche alles andere als leicht wird, sich durchzusetzen. Damit wird sich letztlich wohl aber auch nur das wiederholen, was bereits bei ähnlichen Projekten in der Vergangenheit geschehen ist: Das Internet als zentrale Verbindung vieler kleinerer Netze bleibt bestehen und wird in einem offenen Verfahren mit den Beteiligten weiterentwickelt.


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