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'Wir sind zu verwundbar'

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Süddeutsche.de: Kommerzielle Interessen sind das eine, technische Möglichkeiten und Regierungsinteressen sind derzeit andere Faktoren, die bei der Entwicklung des Internets eine große Rolle spielen. Wie wird sich das ausbalancieren?

Doc Searls: Es wird irre werden (lacht). Regierungen tun sich schwer mit einer Lebenswelt, die sie nicht komplett kontrollieren können. Wir erwarten ja auch, dass Regierungen für unsere Sicherheit sorgen, Gesetze durchsetzen. Das alles ist in einer Welt ohne nationale Grenzen sehr schwer. Menschen können so öffentlich und so geheim wie noch nie zuvor agieren. Sie können etwas an die ganze Welt senden oder die extremste Verschlüsselung verwenden, und in den Gesetzen steht nichts, das diese Tatsachen überhaupt erfasst.

Es wird lange dauern, bis Staat und Gesellschaft einen angemessenen Umgang damit finden, weil immer auch unbeabsichtigte Konsequenzen eine Rolle spielen. Die NSA-Überwachung hat zum Beispiel dazu geführt, dass viele Firmen keine Server in den USA mehr mieten. Die Lösung braucht also Geduld - aber wenn wir glauben, dass das Internet nur aus GAFTA (Google-Apple-Facebook-Twitter-Amazon, d. Red.) besteht, wird es nur länger dauern. Mehr noch: Dann haben wir das Internet verloren und sind zurück in der Zeit von MSN, AOL und Compuserve.

Süddeutsche.de: Die Rolle der Tech-Großkonzerne wird gerade in Deutschland heiß diskutiert...

Doc Searls: Ich bin hin und hergerissen: Ich mag Facebook nicht und wie extrem die Privatsphäre dort durch das Geschäftsmodell verletzt wird. Mir wäre es lieber, sie würden Geld verlangen. Aber sie machen einen guten Job, ich bin sehr beeindruckt von ihrem technischen Unterbau.

Wir sind insgesamt jedoch zu verwundbar, weil so viel von unserem Leben in den Datenbanken dieser Unternehmen existiert. Wenn wir Google und Facebook wie eine Infrastruktur behandeln würden, wie Straßen oder Kraftwerke, würden Beamte sie immer wieder inspizieren, damit nichts falsch läuft. So aber weiß niemand, was dort passiert, die Datenzentren sind absolut blickdicht.

Süddeutsche.de: Aber eine Welt ohne diese Tech-Portale erscheint gerade schwer vorstellbar.

Doc Searls: Die existierende Online-Werbung ist eine Blase. Und sie wird platzen. Der größte Fehler von Unternehmen ist, dass sie glauben, dass Menschen ständig etwas kaufen wollen. Deshalb ist das meiste Geld verschwendet. Wenn wir uns ein Auto kaufen möchten, muss es bessere Arten geben, dies dem Markt zu signalisieren, als auf eine Anzeige zu klicken. Und das wird passieren und die Online-Werbung in ihrer bisherigen Form zerstören. Vielleicht passen sich Facebook und Google an, aber das jetzige Modell wird kaputt sein.

Deshalb bin ich gelassen und wundere mich zum Beispiel über die herrschende Big-Data-Manie. Unternehmen sollen uns angeblich besser kennen, als wir uns selbst. Das ist... wie sagt man auf deutsch? Absoluter Scheiß. Kein Computer kann das, Maschinen lesen aus Menschen meist genau das Falsche heraus.

Süddeutsche.de: Das hört sich nach einem Internet an, das anders aussieht als das, was viele Experten prognostizieren.

Doc Searls: Es hilft, einen Schritt zurückzutreten. Wie sagt man die Entwicklung einer Zivilisation vorher? Wir werden immer sprechen, uns reproduzieren. Wahrscheinlich gibt es auch immer Kriege, aber wir werden auch immer Familien haben.

Mit dem Internet hat die Menschheit einen Ort geschaffen, an dem wir alle gemeinsam existieren. Das Internet ist nicht die Leitung, aus der es kommt, nicht die Firmen, die es bevölkern. Es gehört niemandem, jeder kann es benutzen, jeder kann es verbessern. Wir haben kein festes Periodensystem von Elementen wie in der Chemie, wir können alles erfinden. Das ist alles ziemlich genial. Heute denken wir, das Internet ist GAFTA. Vielleicht wird das so bleiben, aber das glaube ich nicht.

Süddeutsche.de: Was macht Sie so sicher?

Doc Searls: Ich bin 1985 ins Silicon Valley gekommen. Mein Sohn und ich haben in Mountain View auf dem Parkplatz einer kleinen Tech-Firma Basketball gespielt, nebenan war ein Bauernhof und Felder, sonst gab es da nicht viel. Heute ist das alles der Google-Campus. Damals waren Sun Microsystems, Commodore, Atari, IBM die dominierenden Firmen. Sie sind fast alle tot oder schleppen sich gerade so durch, mit Ausnahme von Apple vielleicht, und die hatten auch furchtbare Zeiten.

Süddeutsche.de: Wie kam es zu diesen Veränderungen?

Doc Searls: Firmen sind keine Ökosysteme, sondern abgeschlossene Gebilde. Eine Stadt können Sie bombardieren oder die Pest kann dort wüten, die Stadt kann trotzdem wieder blühen. Weil sie offen ist. Genau wie Sprachen oder das Internet. Unternehmen sind in einem gewissen Sinne wie Menschen, sie altern und sterben irgendwann.

 Internet-Denker Doc Searls: "Im Netz sind wir nackt und Firmen nutzen das aus"

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freddypad 15. Jan 2015

Ach ja, die guten alten Zeiten. Da gab es auch noch diverse Mailboxen bzw. BBS. Da galt...

Bouncy 14. Jan 2015

Kann man versuchen technisch zu erklären aber der Punkt ist, dass es nicht funktioniert...

Bouncy 14. Jan 2015

Wie abnormal...

dreizopf 12. Jan 2015

"Jemand tut sich schwer mit etwas" bedeutet nach meinem Sprachverständnis, dass dieser...

GGurke 12. Jan 2015

... beinahe ausschließlich.



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