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Internet Archive: Antike Shareware im Browser ausprobieren

Das Internet Archive hat Tausende Shareware- und Freeware -Anwendungen für Windows 3.1 gesammelt und stellt sie jetzt zum Download bereit. Sie lassen sich im Browser testen – wir haben es ausprobiert.
/ Jörg Thoma
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Monopoly Deluxe läuft unerträglich langsam. (Bild: Golem.de)
Monopoly Deluxe läuft unerträglich langsam. Bild: Golem.de

Shareware war einst der Vertriebsweg des kleinen Mannes. Mit Einführung von Windows 3.1, der ersten wirklich nutzbaren grafischen Oberfläche von Microsoft, expandierte der Shareware-Markt enorm. Nicht zuletzt, weil endlich grafisch aufwendigere Spiele möglich waren. Unabhängige Programmierer und kleine Unternehmen sahen im Shareware-Konzept die Chance, ihre Software zu verbreiten – ohne teure Werbekampagnen oder den Namen großer Softwareunternehmen.

Grund genug für das Internet Archive, seine Sammelleidenschaft auf die kleinen Programme auszuweiten. Bereits seit längerem bietet die gemeinnützige Organisation aus den USA eine Reihe von Datenträgern mit Shareware seit 1987 an: Seit 2015 stehen Tausende DOS-Spiele und -Anwendungen bereit .

Emuliertes Windows 3.1

Jetzt haben die Entwickler des Internet Archives begonnen, Share- und Freeware-Programme für Windows 3.1(öffnet im neuen Fenster) einzeln auf ihrer Webseite freizugeben. Der Clou: Sie können im Browser in dem Javascript-basierten Emulator Dosbox ( EM-DOSBOX(öffnet im neuen Fenster) ) gestartet und ausprobiert werden.

Die Archivare haben dafür die wichtigsten Windows-3.1-Anwendungen in ein komprimiertes Archiv gepackt. Beim Start einer Shareware-Anwendung wird es heruntergeladen und Windows 3.1 in der Dosbox gestartet. Allerdings handelt es sich nicht um die gesamte Windows-Installation, die etwa 27 MByte ausmacht. Stattdessen haben sie die Windows-3.1-Umgebung auf etwa 6 MByte heruntergedampft. Als Zip verpackt beläuft sich der Download auf etwa 2,7 MByte. Microsoft selbst stellte den Support für Windows 3.1 vor mehr als 15 Jahren ein.

Neben Kuriositäten wie einer Vorschau auf Windows 95 von Microsoft(öffnet im neuen Fenster) gibt es zahlreiche Benchmark-Programme, Taschenrechner oder Kalender. Mit Whiskers(öffnet im neuen Fenster) lassen sich die Eingaben der Maustasten zusammen mit Tastatureingaben für spezielle Aufgaben kombinieren. Einige sind herrlich sinnfrei, wie Win4hier(öffnet im neuen Fenster) , mit dem lediglich Unterordner für Anwendungen im Programmmanager von Windows 3.1 angelegt und wieder gelöscht werden können. Immerhin verlangte der Entwickler 10 US-Dollar dafür. Wer möchte, kann auch Benchmarks in der Browser-Emulation laufen lassen, etwa das populäre Benchmark-Programm des PC Magazines(öffnet im neuen Fenster) .

Spiele, Spiele, Spiele

Die bei weitem größte Anzahl der Anwendungen sind aber auch hier Spiele, darunter diverse Mah-Jongg-Varianten. Eines davon, Taipei(öffnet im neuen Fenster) , stammt von dem Microsoft-Entwickler Dave Norris und war Teil des Entertainment-Packs für Windows 3.1. Der Entwickler Marc Rebeka war offenbar so stolz auf seinen Space-Invaders-Klon Aliens(öffnet im neuen Fenster) , dass er sich in den Splashscreens des Spiels mit einem Foto verewigte.

Nicht alle Anwendungen funktionieren in der Browser-Emulation. Monopoly Deluxe(öffnet im neuen Fenster) etwa, das eine ganz offizielle digitale und kostenlose Version des kapitalistischen Brettspiels ist, läuft unerträglich langsam. Wer Anwendungen in einer leistungsfähigeren Umgebung ausprobieren will, kann die Dosbox(öffnet im neuen Fenster) herunterladen, die alten Windows-3.1-Disketten ausbuddeln und Windows dort installieren – samt Grafik- und Sound-Treibern.

Das Internet Archive stellt sämtliche Anwendungen nämlich auch zum Download bereit. Immerhin gilt für Free- und besonders Shareware immer noch: Weitergeben erwünscht!

Kopieren als Vertriebsweg

Die Idee der Shareware ist bestechend einfach: Jeder darf eine Software kostenlos ausprobieren. Gefällt sie, verlangt der Programmierer einen meist bescheidenen Betrag für seine Arbeit. Die Weitergabe der Shareware ist nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht. Ohne ein weit verbreitetes Internet konnte der Kundenstamm nur so vergrößert werden. Shareware folgte damit den längst im Netz etablierten Gepflogenheiten, Software etwa über das Usenet oder auf Disketten weiterzugeben, zumal sie anders als traditionelle Medien einfach kopiert und transportiert werden kann.

Der Programmierer Bob Wallace gilt als derjenige, der den Begriff Shareware prägte. Die Textverarbeitung PC-Write seiner Firma Quicksoft vertrieb er zu einem niedrigen Preis von 10 US-Dollar. Wer wollte, konnte für 75 US-Dollar zusätzlich ein gedrucktes Handbuch erwerben, bekam dafür auch den Quellcode und eine eigene Registrierungsnummer. Zahlte ein Dritter nochmals 75 US-Dollar unter Angabe der gleichen Registrierungsnummer, bekam der ursprüngliche Käufer 25 US-Dollar gutgeschrieben.

Die erste Shareware

Wallace war einer der ersten Mitarbeiter des Microsoft-Gründers Bill Gates, verließ die Firma aber bereits 1983. Warum er diese Verkaufsstrategie wählte, statt wie damals üblich auf Geschäfte zu setzen, fasste er so zusammen(öffnet im neuen Fenster) : "Ich will mit PC-Write meinen Lebensunterhalt verdienen und keinen Reibach machen" .

Dass die Textverarbeitung PC-Write tatsächlich die erste Shareware war(öffnet im neuen Fenster) , ist wohl nicht ganz richtig. Laut einem nur noch über das Internet Archive verfügbaren Artikel(öffnet im neuen Fenster) zur Geschichte der Shareware war es Andrew Fluegelman, der zuerst Shareware als Marketingkonzept benutzte, um seine Software PC-Talk zu vertreiben. Das Telekommunikationsprogramm verteilte er kostenlos, verlangte lediglich einen freiwilligen Beitrag von 25 US-Dollar, wenn die Software gefiel. Fluegelman nannte diesen Vertriebsweg "Freeware" und ließ den Begriff als Markennamen registrieren. Mit zunehmender Popularität suchten andere Programmierer einen Begriff für die Vertriebsart. Und weil "Freeware" damals nicht verfügbar war, setzte sich "Shareware" durch. Wallace erlaubte die Verwendung seiner Wortschöpfung.

PC-Write wurde aber nicht nur durch das Shareware-Konzept populär, es galt damals als gute Software. Kritiker lobten die Software(öffnet im neuen Fenster) als umfangreich – gemessen am Preis.

Windows schuf einen Shareware-Boom

So verbreitete sich Shareware auf Disketten und später auf digitalen Datenträgern. PC-Magazine legten ihren Heften Shareware bei, in Elektronikgeschäften gab es regalweise Softwaresammlungen zu kaufen. Keiner musste befürchten, für die Verbreitung belangt zu werden, im Gegenteil: Shareware-Programmierer begrüßten das sogar. Allerdings war wohl nicht jedem, der eine solche Softwaresammlung erwarb, klar, dass er nur für den Datenträger bezahlte und nicht für das Recht auf die Nutzung der dort enthaltenen Software.

Deshalb ersannen die Shareware-Programmierer immer neue Wege, damit Kunden einen Betrag für ihre Software gaben. Crippleware schränkt die Nutzung der Software so lange ein, bis der Kunde die Nutzungsrechte erwarb. Nagware erinnert den Kunden in regelmäßigen Abständen daran, die Software zu kaufen. Es gibt Shareware mit zeitlich begrenzten Nutzungsrechten, die eigentlich Trialversion heißt.

Careware, Cardware und Beerware

Und es gab auch Entwickler, denen Geld nicht wichtig war oder die gar keines wollten: Freeware, inzwischen vom Trademark befreit, steht für tatsächlich kostenlose Software. Mindware überlässt es dem Nutzer, einen beliebigen Betrag zu zahlen. Die Einnahmen einer Careware gehen an gemeinnützige Organisationen. Außerdem gibt es Beerware, die eine Spende in Form des Getränks einforderte. Einige Programmierer wünschten sich auch eine Postkarte und nannten ihre Software Cardware. Die Hinweise der Entwickler tauchten oft nur in der Hilfe auf, samt persönlicher Adresse – zumindest in Prä-Internetzeiten. Vielen reichte die namentliche Anerkennung, einige nutzten ihre Software wohl auch als Referenz bei Bewerbungen.

Ohnehin war es damals schwierig, das gewünschte Geld zu den Programmierern zu bringen. Paypal gab es noch nicht und für Einzahlungen per Kreditkarte mussten die Entwickler bei den Kreditinstituten ein Händlerkonto einrichten. Oftmals baten die Shareware-Anbieter deshalb stattdessen um Checks oder Money Orders, eine US-Variante einer Zahlungsanweisung, die aus Deutschland etwa per Western Union überwiesen werden konnte.

C++ und Pascal, aber kein Java

Zu Zeiten von Windows 3.1 gab es Just-In-Time-Compiler noch nicht. Java wurde erst 1995 veröffentlicht. Unter DOS gehörten die Interpreter für Basic und Quick Basic zur Standardausrüstung. Für komplexe Spiele waren diese Skriptsprachen aber völlig unzureichend, zumal Windows ja auch eine grafische Benutzeroberfläche hatte, mit weitgehend einheitlicher Menüführung. Viele der damals veröffentlichen Programme wurden in C, C++ oder Pascal-Derivaten entwickelt.

Entwicklungsoberflächen gab es von Microsoft selbst, etwa Visual C++, das auch grafische Elemente in Form einer Widget-Sammlung mitbrachte. Von Borland gab es ebenfalls eine integrierte Entwicklungsumgebung namens Delphi, die Turbo Pascal unterstützte und ebenfalls Widgets bot. Zudem gab es einen C++-Compiler von Borland. Visual Basic lag kurz nach der Veröffentlichung von Windows 3.1 in Version 3.0 vor. Allerdings wurde die Programmiersprache erst mit der Einführung von Windows 95 populär.

16-Bit-Windows mit 32-Bit-Anwendungen

Da Windows 3.1 lediglich als grafischer Aufsatz für DOS diente, waren die Anwendungen meist 16-Bit. Microsoft veröffentlichte jedoch mit Win32s eine 32-Bit-Laufzeit-Umgebung. Als Referenzanwendung legte das Unternehmen das Solitär-Spiel Freecell bei, das später zur Standardausrüstung unter Windows 95 gehörte. Ab Version 2 benötigte Mosaic, der allererste grafische Webbrowser des National Center for Supercomputing Applications, Win32s.

Meist wurden die Programme nur für einen einzigen Zweck entwickelt. Zu den populärsten gehörten Packprogramme wie Zip oder Rar, mit denen Shareware meist komprimiert war. Alternative Dateimanager wie der Total Commander, Bildbearbeitungsprogramme, Datenbank- und Finanzanwendungen gab es ebenso in diversen Shareware-Sammlungen wie Editoren oder Media Player. Auch Bildschirmschoner waren sehr verbreitet.

Werbung statt Shareware

Meist waren es jedoch Spiele, die über den boomenden Shareware-Markt angeboten wurden. Zu den populärsten gehörten die Ego-Shooter Doom, Quake oder Duke Nukem. Aber auch Rätselspiele wie Oxyd oder Lemmings wurden als Shareware verteilt.

Shareware ist heutzutage nicht mehr so weit verbreitet. Die Shareware-Welle hatte unter Windows 95 und 98 ihren Höhepunkt. Inzwischen setzen Entwickler auf andere Geschäftsmodelle, etwa Free-to-Play, wobei grundsätzlich kostenlose Spiele über kostenpflichtige Zusatzangebote finanziert werden. Das verbreitetste Finanzierungsmodell ist aber inzwischen Werbung. Besonders Apps unter Android nutzen dies ausgiebig.


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