Intel & Wolfspeed: Fehleinschätzungen, Irrtümer und Mangel an Visionen

Es sah gut aus für einen Neustart der Halbleiterfertigung in Deutschland: Erst kündigte Intel 2022 ein Halbleiterwerk (Fab) mit modernster Technik in Magdeburg an , Anfang 2023 folgte mit einer Kooperation von Wolfspeed und ZF das nächste Großprojekt. Doch zwei Jahre später stehen Deutschland und Europa vor einem Scherbenhaufen: Zwei von drei Großprojekten drohen zu scheitern.
Das Werk, in dem Wolfspeed im saarländischen Ensdorf Halbleiter für Leistungselektronik auf Siliziumkarbid-Wafern (SiC) herstellen wollte, soll vor dem Aus stehen , auch wenn ZF die Berichte dementierte(öffnet im neuen Fenster) und nur von einer Verschiebung spricht. Intels Werk in Magdeburg ist ebenfalls vorerst verschoben . Ob die Werke jemals gebaut werden, ist allerdings offen. Zumindest beim Intel-Werk muss die Frage gestellt werden, ob es wirklich gebaut werden sollte (g+) . Als Trostpflaster bleibt, dass TSMC in Dresden bereits mit dem Bau seines Werks - des dritten Großprojekts - begonnen hat .
Insbesondere für die hochfliegenden Pläne der EU-Kommission, die als Ziel der europäischen Halbleiterförderung modernste Produktionsprozesse (g+) und 20 Prozent Weltmarktanteil ausgab, ist das ein Rückschlag. Die Pläne wurden vielfach kritisiert, nun sollte deutlich sein, dass es nicht reicht, Fabs zu bauen, jemand muss auch ihre Produkte kaufen. Denn Europa ist nicht China - aber dazu später.
Zu optimistisch geplant
Das Kernproblem bei Intel und Wolfspeed: Beide hatten ihre Werke ausgehend von deutlich besseren Erwartungen an die Marktentwicklung geplant. Die Realität sieht heute anders aus. Intel hat Probleme, Kunden für seine Fertigungssparte Intel Foundry Services zu finden. Noch etwas komplexer ist die Situation bei Wolfspeed: Nicht nur werden vor allem deutsche Automobilhersteller, die ZF beliefert, ihre Elektroautos aktuell nicht los.
Wolfspeed ist auch Opfer seines Anspruchs, Technologieführer bei SiC-Halbleitern sein zu wollen. Das Unternehmen setzte früh auf den Umstieg von 150- auf 200-mm-Wafer, die dank knapp 80 Prozent mehr Fläche einen Kostenvorteil bringen sollten. Wolfspeed stellt sie selbst im Werk in Mohawk Valley her, die tiefe Integration sollte eigentlich Kosten sparen. Nur macht die Produktion Probleme - es werden nicht genug Wafer produziert(öffnet im neuen Fenster) , um das zugehörige Halbleiterwerk auszulasten.
Hinzu kommen Probleme mit einem sinkenden Aktienkurs, die wiederum Gegenwind eines Großinvestors provozierten . Eine Menge potenzielle Fallstricke für ZF. Ein Rückzug aus dem Projekt wäre daher nicht allzu überraschend, zumal sich das Unternehmen nie rein auf Wolfspeed verließ .
Daneben investieren auch andere Halbleiterhersteller in den Ausbau ihrer SiC-Kapazitäten. Infineon , STMicro und zuletzt Onsemi - alle wollen mehr SiC-Halbleiter herstellen, nur oft nicht in Europa.
Und selbstverständlich ziehen die Konkurrenten nach - ihre neuen Werke planen auch sie für 200-mm-Wafer. Damit dürfte Wolfspeed seinen Kostenvorteil einbüßen, ohne jemals davon profitiert zu haben.
Die Verantwortung für die Misere allein den Unternehmen zuzuschieben, wäre aber zu einfach. Auch die Politik hat ihren Anteil.
Im Scheitern liegt eine Chance - macht was draus!
Realistisch betrachtet haben die deutsche und europäische Politik jahrelang Luftschlösser gebaut. Sie haben die Pläne von Intel und Wolfspeed, trotz langwieriger Prüfungen, nicht realistisch genug betrachtet. Auch war von Anfang an klar: Insbesondere von der Intel-Fab haben Deutschland und Europa nichts.
Der Großteil der hiesigen Unternehmen hat schlicht keinen oder nur wenig Bedarf nach modernsten Fertigungsprozessen - und wenn, dann werden spezielle, ASIL-zertifizierte (Automotive Safety Integrity Level) Prozesse nachgefragt, die Intel nicht anbietet.
Das ist der große Unterschied zu den USA, in denen nicht nur Intel, sondern auch TSMC und Samsung modernste Fabs bauen: Hier entwickeln nicht nur AMD, Apple und Nvidia, sondern auch eine Reihe weiterer Unternehmen für deren modernste Fertigungsprozesse. Es gibt also eine Nachfrage und den Willen, die Fertigung in den USA zu nutzen.
Bevor Europa eine moderne Halbleiterfertigung aufbaut, muss erst einmal die Entwicklung entsprechender Produkte stehen.
20 Prozent Marktanteil sind ein schlechtes Ziel
Bei Wolfspeed sieht die Sache grundsätzlich anders aus - die Nachfrage nach SiC-Halbleitern könnte da sein, wenn nicht insbesondere die deutsche Automobilindustrie zusammen mit der Politik jahrelang den Umstieg zur Elektromobilität verschlafen oder teils sogar aktiv behindert hätte. Dieses Muster wiederholt sich, schon bei Solarzellen und Windrädern war es zu beobachten. Auch eine Halbleiterindustrie hatte Deutschland mal - bis sie wirtschaftlich uninteressant wurde. Corona und die steigende Sorge vor wirtschaftlicher Abhängigkeit führten dann zu einer Neubewertung.
Aber die Idee, dass es genügt, ein paar Milliarden auf das Problem zu werfen, ist gescheitert. Es hätte klappen können, die politischen Erwartungen - 20 Prozent Anteil am Halbleitermarkt und modernste Fertigung - wären dennoch nicht zu erfüllen gewesen.
Und auch die Probleme der Automobilindustrie wird ein warmer Geldregen nicht lösen. Es bringt allerdings auch nichts, nun mit den Schultern zu zucken und weiterzumachen. Stattdessen lassen sich Lehren aus dem Scheitern ziehen, zumal dank eines frühen Aus die finanziellen Verluste noch überschaubar sind.
Wo sieht sich Europa in 20 Jahren?
Was der deutschen und europäischen Industriepolitik fehlt, ist eine Vision - eine Antwort auf die berühmte Frage "Wo sehen Sie sich in 20 Jahren?" Das allein genügt aber nicht, wie einem jeder gute Coach sagen wird: Ziele zu formulieren und Geld auszugeben führt nicht zwangsläufig zum Erfolg - sie müssen auch realistisch und erreichbar sein. Und dafür braucht es einen Plan. Das gilt im Privaten wie in der Wirtschaftspolitik.
Die deutsche Politik sollte den Scherbenhaufen zum Anlass nehmen, einen Plan zu entwickeln, idealerweise zusammen mit den europäischen Partnern. Der Coach würde jetzt erwähnen, dass in Japan eine Kunstform namens Kintsugi(öffnet im neuen Fenster) praktiziert wird, bei der Scherben zu einem schönen, neuen Gefäß zusammengesetzt werden.
Bevor Geld in die Hand genommen wird, sollten erst einmal folgende Fragen gestellt werden: Wollen wir ein umfangreiches Halbleiterökosystem mit international konkurrenzfähigen Entwicklern aufbauen? Wer kauft deren Produkte? Welche Industrie wollen wir überhaupt künftig in Europa haben, wo und zu welchen Bedingungen - und was sind wir bereit, dafür zu investieren? So lassen sich nachhaltigere Pläne entwickeln, in denen das frei werdende Geld gut aufgehoben ist.
Ein Plan ist auch das, was Europa von China unterscheidet.
Europa ist nicht China
Die chinesische Regierung strebt für das Land ebenfalls eine gewichtige Rolle auf dem Halbleitermarkt an: Hier plant die regierende kommunistische Partei allerdings sehr langfristig, mit klaren Zielen - und nimmt zudem viel Geld in die Hand. Wie effizient die chinesische Subventionspolitik, die oft eher an das Gießkannenprinzip erinnert, ist, darf getrost hinterfragt werden. Dennoch steckt dahinter ein klares Ziel, das konsequent verfolgt wird: Die stärkste Wirtschaftsnation der Welt und unabhängig von deren Rest zu werden.
Die chinesische Strategie lässt sich, auch ohne ihre Effizienz zu bewerten, schon praktisch nicht auf Europa übertragen: Über Jahre Geld auf Halbleiterhersteller zu werfen in der Hoffnung, dass am Ende eine florierende Halbleiterbranche steht, dürfte in Deutschland und Europa schwer zu vermitteln sein.
Außer Frage steht allerdings, dass die Kombination aus Ziel, Weg und Geld in China zu Erfolgen führt: Bei LCD-Panels dominieren chinesische Anbieter den Markt , auch bei älteren Fertigungsprozessen für Logikhalbleiter bauen chinesische Fabs ihren Marktanteil permanent aus. Dafür sorgt einerseits Chinas Rolle als Werkbank der Welt, und sicher auch ein teils freizügiges Verhältnis zu geistigem Eigentum sowie geschickte Joint-Venture-Politik. Doch das Land ist längst weiter.
Unternehmen wie Loongson, Huawei oder Moore Threads profitieren noch von etwas anderem: Es gibt eine Nachfrage für ihre Produkte, auch wenn sie der Konkurrenz aus den USA unterlegen sind. In der Volksrepublik sorgen dafür die Handelsbeschränkungen der USA und die Allmacht der Kommunistischen Partei, die der Verwaltung und Staatsbetrieben etwa "sichere und zuverlässige" Prozessoren und Software aus heimischer Produktion verordnet .
Wer keine Diktatur hat, braucht gute Geschichten
In freiheitlichen Demokratien kann die Rolle einer autoritären Regierung eine gemeinsame Erzählung, eine Utopie, übernehmen. Die gibt es in den USA in Form des American Dream. Auch wenn der in der Praxis für viele sichtlich ausgeträumt ist - er treibt Menschen weiter an, und Made in USA ist noch immer ein Verkaufsargument. Etwas Ähnliches, am besten auch ehrlich gelebt und erfahrbar, bräuchte auch eine neue europäische Halbleiterbranche.
Die European Processor Initiative, die etwa den Prozessor Rhea des französischen Entwicklers Sipearl hervorbrachte, ist ein Anfang. Der Prozessor wird tatsächlich zumindest im Supercomputer Jupiter eingesetzt , der in Jülich gebaut wird. Das ist sowohl in China als auch Japan der Fall. Der Supercomputer Fugaku etwa ist, wie auch sein Vorgänger, mit von Fujitsu entwickelten Prozessoren ausgestattet .
Japan zeigt zudem mit Rapidus, wie sich erfolgreich 2-nm-Halbleiterfertigung ins Land holen lässt , und zwar unabhängig von einem ausländischen Partner. Hier sind auch japanische Unternehmen deutlich stärker eingebunden, als es selbst bei Wolfspeed und ZF der Fall gewesen wäre. Das müsste auch in Europa das Ziel sein - nur braucht es dafür finanzkräftige Unternehmen, die einen Bedarf nach entsprechender Fertigung haben. Und die müssen zuerst einmal da sein. Der erste Schritt wäre also nicht, Fabs zu bauen, sondern die Entwicklung von Prozessoren und Rechenbeschleunigern, vielleicht auch Systems-on-Chip für Smartphones, Spielekonsolen oder Edge-Computing zu fördern.
Es gibt also viel zu tun - Zeit für einen Neustart. Schade nur, dass die Diskussion um die Verwendung der frei werdenden Subventionen vermutlich eher in Richtung anderer Begehrlichkeiten oder dem Stopfen von Haushaltslöchern gehen wird.



