Auto-Innenraum der Zukunft: Auf dem Weg ins rollende Wohnzimmer

Lehnen Sie sich zurück, das Auto lenkt selbst. Das Lenkrad zieht sich zurück, der Sitz fährt nach hinten und der Autofahrer kann sich entspannen. Wer mag, kann sogar noch einen kleinen Tisch ausklappen oder seinen Sitz leicht zu seinem Beifahrer drehen und einen Plausch halten. Denn 80 Prozent unserer Zeit im Auto müssen wir nicht mehr selber fahren. So jedenfalls stellt sich der chinesische Zulieferer Yanfeng die Zukunft vor.









Mit ihrem Konzept ID16 zeigen die Chinesen auf der Branchenmesse IAA, wie der Innenraum eines Autos schon in wenigen Jahren aussehen könnte. "In den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren wird sich im Autoinnenraum viel mehr verändern als in den vergangenen hundert Jahren" , sagt Han Hendriks, der bei Yanfeng für die Innovationsabteilung verantwortlich ist. "Wir werden dann in Wohnzimmern auf Rädern unterwegs sein."
Yanfeng liefert Innenausstattungen
Auch wenn der Name Yanfeng(öffnet im neuen Fenster) in Europa nur Experten ein Begriff sein dürfte, sind die Erfindungen der Chinesen für die Autobauer von entscheidender Bedeutung. Seit einem Joint Venture mit dem US-Multi Johnson Control ist Yanfeng Global Automotive Interiors, so der komplette Name, der größte Zulieferer für den Innenraum. Die Chinesen unter der Führung des deutschen Chefs Johannes Roters stellen vieles her, was man auch in den Modellen deutscher Autobauer wie BMW, Mercedes oder Opel wiederfindet – von der Türverkleidung über die Beleuchtung bis zu den Cockpitsystemen.
Für die Zukunftsvision ID16 hat das Unternehmen Tausende Autofahrer über ihre Vorstellungen befragt. Herausgekommen ist das Modell eines Sport Utility Vehicle (SUV), speziell für den gutbetuchten asiatischen Kunden und mit autonomem Antrieb. Autos, wie sie schon in wenigen Jahren millionenfach auf den Straßen unterwegs sein sollen.
Viel von ID16 ist serienreif
Futuristische Lounge-Sessel, wie Mercedes sie in sein Zukunftsmodell F015 eingebaut hat, sucht man im ID16 trotzdem vergeblich. Statt auf einen radikalen Umbau setzen die Chinesen offensichtlich auf eine sanfte Weiterentwicklung. Die meisten der rund 30 Neuerungen im ID16 seien heute schon serienreif, betont Yanfeng-Manager Hendriks. Entwickelt wurden sie in den Innovationszentren des Autobauers in Holland (Michigan), Schanghai und Neuss.
Auffällig ist, dass der Autofahrer im Innenraum der Zukunft wieder mehr Platz bekommen soll. Obwohl die Autos in den vergangenen Jahren immer größer wurden, schränkten Sicherheitssysteme den Fahrer bisher immer weiter ein. Im Innenraum, wie ihn die Chinesen entwerfen, sieht das anders aus. Da Airbags in die Decke wandern und die Gangschaltung im Modell ganz fehlt, sind Armatur und Mittelkonsole deutlich luftiger gestaltet.
Beheizbare Armlehnen, kaum Bling-bling
Auch die Düsen für Klimaanlage und Belüftung fehlen völlig. Stattdessen durchzieht ein Luftschlitz die gesamte Armatur und soll durch sanftes Schwenken einen Windhauch wie im Wald simulieren. Durchzogen wird der Innenraum durch LED-Leisten, wie man sie heute schon aus vielen Modellen kennt.
"Der Geschmack der asiatischen und europäischen Autokunden nähert sich immer weiter an" , sagt Hendriks. Viel Glitzer und Chrom haben sich die Chinesen gespart. Der Innenraum des ID16 ist betont unauffällig. Mit Holzelementen, Klavierlack und weißem Leder ist er geradezu elegant.
Stauräume können angepasst werden
Viele neue Erfindungen sind gar nicht auf den ersten Blick sichtbar. Die antibakterielle Beschichtung der Bedienungselemente etwa. Oder die beheizbare Armlehne. Oder das unterspritze Leder, das die Produktion von Autos mit Lederausstattung deutlich günstiger machen soll. Statt auf den Showeffekt setzen die Chinesen auf ganz praktische Änderungen. Die Stauräume lassen sich individuell verstellen. Der Brillenhalter fährt vertikal herunter – und verhindert so, dass die Brille herausfällt, wenn man sie braucht.
Allzu radikal sind die Designer nicht vorgegangen – schon alleine, weil aktuelle Sicherheitssysteme das nicht zulassen. Der ganz große Umbau des Innenraums dürfte aber nicht mehr lange auf sich warten lassen. Ab 2025, so sagt es Yanfeng voraus, beginne die große Zeit des autonomen Autos. Der ID16 sei nur erste Schritt auf dem Weg zum rollenden Wohnzimmer.