Ingress for Glass im Test: Brille auf, Portal gehackt

Bereits kurz nach der Vorstellung der Google Glass ist in Gesprächsrunden von Ingress-Spielern der Gedanke aufgekommen, dass sich das Augmented-Reality-Spiel mit der Datenbrille sehr gut spielen lassen dürfte. Auf erreichbare Portale aufmerksam werden, diese hacken und angreifen, ohne ständig auf das Smartphone schauen zu müssen, das klingt nach einer guten Idee. Von Google gibt es bisher aber noch keinen offiziellen Client, um Ingress mit der Glass spielen zu können.

Eine kurze Erklärung zu Ingress(öffnet im neuen Fenster) : Im Grunde ist das Spiel eine Mischung aus Capture The Flag und Geo-Caching. Nutzer gehören zwei verschiedenen Fraktionen an (grün: die Erleuchteten, blau: der Widerstand) und kämpfen um Portale. Diese sind an wichtigen und/oder historischen Plätzen verteilt, in einer Großstadt wie Berlin meist im Abstand von wenigen hundert Metern.





Portale werden mit Resonatoren bestückt und gehören anschließend einer Fraktion. Mehrere Portale können verbunden werden, um so Felder zu schaffen – diese geben Punkte und gehören zur vernachlässigbaren Rahmenhandlung, in der die zwei Fraktionen um die Kontrolle der Menschheit kämpfen. Schießt ein Spieler der gegnerischen Fraktion alle vorhandenen Resonatoren eines Portals zusammen, kann er es selbst bestücken und übernehmen.
Es gab bereits erste Versuche eines Ingress-Clients(öffnet im neuen Fenster) für die Google Glass, allerdings wenig erfolgreich. Auch das Aufspielen eines "echten" Android-Systems auf die Datenbrille, um Ingress als normale App auf der Brille laufen zu lassen, scheitert an der zu kurzen Laufzeit des kleinen Glass-Akkus.
Der tschechische Programmierer Alex Studnicka(öffnet im neuen Fenster) hat jetzt mit Ingress for Glass(öffnet im neuen Fenster) eine erste Version seines vielversprechenden Ingress-Clients vorgestellt. Trotz des Alpha-Status läuft die App schon ziemlich stabil – Golem.de ist damit um die Häuser gezogen und hat sich das Programm genauer angeschaut.
Portale auf der Glass anzeigen und hacken
Ingress for Glass wird entweder per Spracheingabe oder über den Menüpunkt "Play Game" auf der Glass gestartet. In der aktuellen Version meldet sich der Nutzer einmalig über einen Code an, den er mit seinem Nutzernamen und seinem Passwort erstellt. Danach sind beim Start der App keine Anmeldungen mehr nötig.





Sind wir eingeloggt, erscheint der Hauptbildschirm der App. Hier finden sich die wichtigsten Informationen im Überblick: Das aktuelle Level, die Anzahl an exotischer Materie (XM, die Energie, mit der Aktionen bezahlt werden), die Levelpunkte sowie die Anzahl der Portale in der Nähe. Per Spracheingabe können die einzelnen Menüpunkte aufgerufen werden – standesgemäß mit einem "OK Ada". Die Sprachausgabe der App klingt wie die der Ingress-App auf dem Smartphone.
Portale im Glass-Display
In der ersten Version der App können wir den Scanner und die Comm aufrufen sowie unsere Items anschauen. In der Comm können die Unterhaltungen anderer Ingress-Spieler verfolgt werden, eine Begrenzung auf die in der näheren Umgebung stattfindenden Chats wie in der App ist noch nicht möglich.
Der Scanner zeigt die Portale in der Nähe auf einer kleinen Karte an, allerdings einzeln und nicht auf einer Gesamtkarte. Diese wäre auf dem Display der Glass auch schwer zu erkennen. Zur Lokalisierung verwendet Ingress for Glass die Sensoren der Datenbrille, eine direkte Verbindung zur Smartphone-App von Ingress besteht nicht. So können wir auf der Glass mit einem anderen Konto bei Ingress eingeloggt sein als auf dem mit der Brille verbundenen Smartphone.
Alle Anzeigen gut zu erkennen
Ingress for Glass folgt den Design-Richtlinien für die Glass: Das linke Drittel der Scanner-Anzeige ist von einer Karte des jeweiligen Portals belegt, die restlichen zwei Drittel sind mit dessen Namen und Informationen zur Lage gefüllt. Alle Informationen sind – wie bei der gesamten App – sehr gut ablesbar, auch die Straßennamen.
Bei den Portalen sind die Art der Resonatoren und deren Position sehr genau sichtbar. Die eigene Position mit dem Scanner-Kreis wird ebenso gut erkennbar angezeigt. Wischen wir mit dem Finger über das Touchpad der Glass, schalten wir zwischen den Portalen in der Umgebung hin und her. Zu jedem Portal werden die Entfernung und die Himmelsrichtung angezeigt.
Per Navigation zum nächsten Portal
Außerdem können wir uns mit der Navigation der Glass zu den Portalen leiten lassen, was gut funktioniert. Kommen wir in die Reichweite eines Portals, macht uns die Glass eine entsprechende Sprachansage – auch bei ausgeschaltetem Display. Das ist sehr praktisch, da so der dauernde Blick auf das Smartphone und leergesaugte Akkus wegfallen.
Weitere Aktionsmöglichkeiten werden ergänzt
Im gegenwärtigen Stadium von Ingress for Glass können wir als einzige Portalaktion einen Hack durchführen – also nach neuen Items fischen. Studnicka hat Golem.de im Gespräch angekündigt, dass weitere Funktionen folgen werden. Aktuell arbeite er an der Möglichkeit, ein Portal anzugreifen. Die erste Beta-Version soll Mitte August 2014 erscheinen.





Um ein Portal zu hacken, müssen wir in dessen Reichweite sein und per Tipp auf das Touchpad den entsprechenden Befehl geben. Per Spracheingabe ist dies momentan nicht möglich, die Sprachsteuerung der App beschränkt sich noch auf das Hauptmenü. Nach dem Hack werden uns die erbeuteten Gegenstände angezeigt.
Ingress auf der Glass macht Spaß
Insgesamt macht Ingress mit Ingress for Glass bereits in diesem frühen Stadium der App viel Spaß. Die App ist recht stabil, selten schließt sie sich von alleine, startet dann aber sofort wieder. Zwar stehen dem Nutzer noch nicht alle Funktionen zur Verfügung, nützlich ist die Glass mit der Anwendung aber dennoch: Besonders den Scanner und den akustischen Hinweis auf ein Portal in der Nähe finden wir schon jetzt sehr gut. Und dass zum bloßen Hacken das Smartphone in der Tasche bleiben kann, ist sehr nützlich und akkusparend.
Apropos Akkulaufzeit: Der kleine Akku der Glass ist eines von Alex Studnickas größten Sorgen bei der Umsetzung seiner App. Wird der Ingress-Client mit dauerhaft aktivem Glass-Display verwendet, sinkt der Akkustand tatsächlich merklich: In 20 Minuten haben wir ungefähr 15 Prozent des Ladestandes verbraucht. Verwenden wir die Google Glass aber mit ausgeschaltetem Display und schalten dieses nur ein, nachdem wir auf ein Portal in Reichweite aufmerksam gemacht wurden, lässt sich der Akkustand schonen. Sollten in Zukunft allerdings noch neue Funktionen wie Angreifen, Resonatoren platzieren und Linien setzen hinzukommen, könnte das Thema Akkulaufzeit stärker in den Fokus rücken.
Keine offiziell unterstützte Anwendung
Da es sich bei Ingress for Glass nicht um ein offiziell von Google lizenziertes Programm handelt, kann Alex Studnicka die App nicht im Glassware-Store anbieten. Stattdessen muss die Glass an einen PC angeschlossen werden und die Anwendung per ADB aufgespielt werden.
Ein weiteres Problem ist, dass es laut Studnicka momentan gegen die Nutzungsbedingungen von Ingress verstößt, das Programm mit nicht autorisierten Clients zu verwenden. Er empfiehlt daher, vorsichtshalber nicht das Hauptkonto zu verwenden: Dieses könnte von Google gesperrt werden, wozu allerdings laut Studnicka kein großes Risiko besteht, solange niemand seine App zum Cheaten verwendet. Auch aus diesem Grund hat Studnicka seine App bisher nur als Closed-Alpha veröffentlicht. Die Beta-Version wird ebenfalls geschlossen bleiben, um das Risiko einer Sperrung klein zu halten.
Fazit
Mit Ingress for Glass wird der Traum vieler Ingress-Spieler wahr: Das Augmented-Reality-Spiel mit Googles Datenbrille zu benutzen, fühlt sich für uns sofort natürlich an, was auch an der übersichtlichen Struktur der App liegt. Zusammen mit den Funktionen, die Alex Studnicka momentan noch einbaut, könnte sich Ingress künftig komplett mit der Glass spielen lassen.
Ein Problem könnte der kleine Akku der Datenbrille darstellen. Bei erweitertem Funktionsumfang ist das Display der Glass häufiger und länger an – gut möglich, dass der externe Akku vieler Ingress-Spieler statt an das Smartphone an die Glass angeschlossen werden muss.
In Deutschland ist der Bedarf an einem Ingress-Client für die Google Glass sicher aufgrund nur weniger verfügbarer Geräte zurzeit nicht besonders hoch. Es ist aber interessant zu sehen, wie gut Google das Spiel für seine Datenbrille schon längst hätte umsetzen können – Alex Studnicka macht es vor. Leider wird Ingress for Glass wegen des Risikos einer Sperrung des Kontos vorerst noch nicht komplett öffentlich bereitgestellt. Für Ingress-spielende Leser von Golem.de, die eine Google Glass besitzen, hat Studnicka allerdings drei Plätze in der geschlossenen Beta reserviert, die wir gerne an die ersten drei Interessenten in unserem Forum weitergeben.