Infrastruktur: Wie das Internet am Kapitalismus scheitert

Immer häufiger fallen wegen Fehlern eines einzigen Dienstes Tausende von Webseiten aus. Das zeigt: Das Internet stößt im Kapitalismus an Grenzen.

Ein IMHO von veröffentlicht am
Finanzielle Zwänge sind ein wichtiges Puzzlestück der aktuellen Internet-Infrastruktur, die dann auch mal ausfallen kann.
Finanzielle Zwänge sind ein wichtiges Puzzlestück der aktuellen Internet-Infrastruktur, die dann auch mal ausfallen kann. (Bild: Pixabay/Montage: Golem.de)

Seit Jahren nehmen weitreichende und für viele Nutzer spürbare Ausfälle großer Teile des Internets und großer Webseiten zu. Zuletzt zeigte sich das vor wenigen Wochen durch Probleme bei Fastly, dem Betreiber eines Content Delivery Networks (CDN). Dabei ist Fastly ein vergleichsweise kleiner Diensteanbieter in einer sehr speziellen Nische, von dem die meisten betroffenen Nutzer wahrscheinlich das erste Mal hörten.

Inhalt:
  1. Infrastruktur: Wie das Internet am Kapitalismus scheitert
  2. Cloud-Abhängigkeit statt dezentrales Internet

Der Vorfall zeigt jedoch exemplarisch, dass der Aufbau der aktuellen Internet-Infrastruktur immer mehr von Konsolidierung und damit von kapitalistischen Zwängen geprägt ist. Was dagegen helfen kann und ob eine Regulierung zurück zu einer größeren Dezentralisierung wünschenswert und überhaupt möglich ist, ist derzeit kaum zu sagen. Eine einfache Aufspaltung der Cloud-Dienste ist jedenfalls nicht des Rätsels Lösung. Erstmal muss das Problem deutlich werden; vielen Nutzern, Betreibern, politischen Enscheidungsträgern ist es das nämlich nicht.

Weitreichender Ausfall bei Fastly

Die schiere Reichweite des Fastly-Ausfalls dürfte jedenfalls viele überrascht haben. So gehörten zu den betroffenen Kunden Zeitungen wie die Financial Times, die New York Times und The Guardian sowie das Online-Angebot der BBC - und damit auch Angebote für typische Internetsurfer, die für ihren Alltag gar nicht so ein tiefes Verständnis des Internets brauchen. Der Ausfall traf zwar nur einen Dienstleister, aber dennoch Millionen von Nutzer.

Auch fielen aus: der Regierungsauftritt des Vereinigten Königreiches, zahlreiche Onlineshops, die Communityseite Reddit und das Streamingportal Twitch. Der Grund für den Ausfall dürfte auch bei jenen auf Unverständnis gestoßen sein, die selbst die Internet-Infrastruktur für große Webseiten betreuen: So war die Konfiguration eines einzigen Kunden der Auslöser für einen Fehler, der am Ende alle anderen Kunden von Fastly betraf und deren Angebote offline nahm. Für den Anbieter wohl eines der schlimmsten Szenarien überhaupt, für das es keinerlei Vorkehrungen gab.

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Wirklich überraschend ist der Ausfall aus technischer und vor allem ökonomischer Perspektive dennoch nicht. Er reiht sich in eine lange Liste ähnlich schwerwiegender Vorfälle ein, die je nach Tages- und Ortszeit und den betroffenen Diensten große Medienaufmerksamkeit bekommen - eben, weil von dem Ausfall wiederum zahlreiche Portale mit großer Reichweite betroffen sind. Und auch wenn nicht direkt die Webseiten von einigen Hundert Millionen Endnutzer medienwirksam leer bleiben, betreffen derartige Ausfälle zentraler Infrastruktur oft Hunderte oder Tausende verschiedene Dienste, die millionenfach genutzt werden.

Lange Liste weitreichender Ausfälle

Dazu zählen beispielsweise Vorkommnisse bei den riesigen Cloud-Hostern: So hatten Azure und AWS Probleme mit den Datenbankdiensten, Google mit seinen Load-Balancern und Google und Microsoft mit der Authentifizierung. Auch ein Brand in einem Rechenzentrum von OVH führte in diesem Frühjahr zum Ausfall von Millionen von Webseiten.

Immer wieder treffen diese Ausfälle aber auch Unternehmen und Dienstleister, die sich inzwischen für Millionen Kunden um zentrale Dienste des Internetangebots kümmern. Dazu gehört etwa Cloudflare, das mit herausgezogenen Kabeln und Konfigurationsfehlern Schlagzeilen machte.

Aber auch klassische und grundlegende Dienste des Internet wie BGP oder das DNS haben beim Ausfall einzelner Dienstleister oft sehr weitreichende Folgen.

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All diese Vorfälle der vergangenen Jahre eint, dass hier jeweils Tausende oder gar Millionen von Seiten von einem einzigen Dienstleister abhingen. Hat dieser ein schwerwiegendes Problem, sind auch die anderen Seiten offline. In einem Kommentar vor einigen Jahren haben wir das bereits als Verrat an der Grundidee des Internetaufbaus bezeichnet: Dezentralisierung.

Denn eigentlich ist das Netz von Beginn an als dezentrale und damit potenziell ausfallsichere Infrastruktur konzipiert worden. Exzellent beschrieben wird diese Idee durch das Bonmot: "Hat das Internet ein Problem, routen wir einfach drumherum." Mit der immer stärker werdenden Abhängigkeit von ein paar wenigen, aber sehr viel genutzten Dienstleistern ist das jedoch leichter gesagt als getan, wie die Ausfälle zeigen. Begünstigt wird dies von den Marktmechanismen des Cloud-Computing. Gibt es also überhaupt einen Weg zurück?

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Cloud-Abhängigkeit statt dezentrales Internet 
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Kr1Sk 14. Jul 2021 / Themenstart

kommt nun der Bolschewismus der natürlich alles besser macht. (aber nur für die Reichen...

spaetz 29. Jun 2021 / Themenstart

Im Sinne der Ausfallsicherheit habe ich meine Antwort geografisch separiert auf sspaeth...

kriD reD 26. Jun 2021 / Themenstart

Wie es bei den beiden ist, weiß ich nicht. Aber für mich stimmt es. Das CE-Symbol kann...

brutos 25. Jun 2021 / Themenstart

Das Internet wurde nicht für die Wirtschaft gemacht, sondern zur Kommunikation. Und der...

1e3ste4 25. Jun 2021 / Themenstart

Nö. Das Internet wurde erst mal durch die Universitäten weltweit aufgebaut und damit von...

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