Politik verspricht Schutz – aber nicht für alle
Der spektakuläre Entführungsversuch in Paris führte schließlich dazu, dass die französische Politik aktiv wurde. Innenminister Bruno Retailleau versicherte bei einem Treffen mit Kryptowährungsunternehmern, dass "der gesamte Staatsapparat" an verschiedenen Maßnahmen arbeite, um reiche Investoren und deren Familien zu schützen.
Dazu gehörten Sicherheitschecks, individuelle Security-Vorkehrungen sowie eine engere Abstimmung zwischen Behörden und besonders exponierten Kryptounternehmern. Diese Pläne blieben jedoch selektiv: Sie richteten sich vor allem an wohlhabende Investoren und Firmenvertreter – während eine wachsende Gruppe von Influencern und Social-Media-Akteuren nicht berücksichtigt wurde.
Nur wer ein Wallet-Vermögen in Höhe von mehr als 500.000 Euro, eine Unternehmerrolle in einer aktiven Firma oder mindestens zwei dokumentierte Bedrohungen innerhalb des letzten halben Jahres nachweisen konnte, wurde als schutzbedürftig eingeordnet(öffnet im neuen Fenster).
Die Sorglosigkeit der Perceived Wealth Targets
Auf die wenigsten Influencer dürften die Kriterien zutreffen. Vor allem diejenigen, die im Englischen "Perceived Wealth Targets" genannt werden, fallen durch das Raster. Dieser Begriff bezeichnet Menschen, die in der Öffentlichkeit als wohlhabend wahrgenommen werden, unabhängig von ihren tatsächlichen Vermögensverhältnissen.
Viele vor allem der jüngeren Influencer und Influencerinnen auf Tiktok, Snapchat und Instagram stellen gern ihren angeblichen Reichtum zur Schau, um Follower zu beeindrucken.
Ob Luxusprodukte wie teure Uhren ihnen tatsächlich gehören, bloß ausgeliehen oder billige Kopien sind, ist oft nicht so einfach auszumachen. Und ob die gern präsentierten angeblichen Screenshots von Spekulationsgewinnen echt sind, ist ebenfalls meistens nicht zweifelsfrei zu eruieren.
Sichtbarkeit als Geschäftsmodell
Dazu kommt, dass viele dieser Influencer nicht nur ihre angeblichen Vermögensverhältnisse, sondern auch Privates öffentlich leben. Im klassischen Finanzbereich ist Diskretion Teil der Berufskultur – im Influencer-Krypto-Bereich ist Sichtbarkeit dagegen Teil des Geschäftsmodells.
Von Ankündigungen, welche Veranstaltungen sie in den nächsten Tagen besuchen wollen, über oft frequentierte Lieblingsrestaurants und -kneipen bis hin zu bevorzugten abendlichen Joggingstrecken, regelmäßigen Terminen im Fitnessstudio und Kennzeichen des eigenen Autos wird fast alles gepostet, was Rückschlüsse auf Tagesabläufe und Aufenthaltsorte erlaubt.
Und dann gibt es noch etwas, das Influencer zum leichten Ziel von Kriminellen machen könnte, wie Experten betonen. Erpresste oder gar entführte Youtuber und Tiktoker könnten versuchte oder vollendete Erpressungen oder Entführungen womöglich lieber nicht anzeigen, weil sie Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung fürchten. Womöglich ist der Verlust selbst einer größeren Kryptosumme leicht zu verschmerzen, wenn eine Anzeige gegen Entführer die Steuerfahndung auf den Plan bringen könnte?
Daher gehört die Möglichkeit, sich anonym beraten zu lassen, zu den Punkten, die von Kritikern der französischen Regierung gefordert wurden. Ob das dem nächsten Opfer geholfen hätte, ist unklar – der junge Mann war schließlich nicht besonders wohlhabend.
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