Der IAA ist nicht per se protektionistisch – zum Glück!
Die Vorgabe zu Made in Europe kann gegenüber Ländern aufgeweicht werden, mit denen zuvor gleichberechtigte Bedingungen ausgehandelt wurden. Kritiker von Politik zur Minderung klimaschädlicher Produktionsweisen wenden gern ein, das könne ja alles nicht funktionieren, wenn der Rest der Welt nicht mitmache. Das ist nicht falsch, und genau diesen Punkt greifen die Vorgaben zur Herkunft auf.
Gleichzeitig zeugt die Offenheit von Realismus: Bei Batteriezellen etwa hat Europa Aufholbedarf, ohne Partner kommt man hier nicht aus und muss es auch nicht zwangsläufig. Denn es wäre fatal, wenn auch Europa in reinen Protektionismus verfallen würde. An einem kompletten Zerfall des Welthandels kann niemandem gelegen sein.
Der Entwurf ist dabei ungewohnt konsequent und weitsichtig, wenn ausländischen Investoren ebenfalls Regeln auferlegt werden. In der Vergangenheit wurde zu oft teils mit Steuergeldern finanziertes Know-how leichtfertig höchstbietend aus der Hand gegeben – mir fallen spontan Kuka sowie die deutsche Solarbranche ein, auch der Konflikt um Nexperia dreht sich um Technologietransfer.
Nach der Schwerindustrie muss Hightech kommen
Wie bereits erwähnt, hat die EU-Kommission offensichtlich Lehren aus dem gescheiterten EU Chips Act gezogen: Es reicht nicht, mit Geld zu winken, es muss auch eine Nachfrage nach dem jeweiligen Produkt geben.
Bei modernsten Fertigungsprozessen für Halbleiter war das in der EU nicht der Fall, was aber nicht heißt, dass es sich nicht ändern ließe. Dafür müssen aber erst einmal die Produkte existieren, welche die entsprechende Fertigung nutzen, bevor diese aufgebaut wird. Und CPUs oder Beschleuniger, die modernste Fertigung nutzen, hat Europa kaum.
Genau in diese Richtung müsste die EU-Kommission aber eigentlich weiterdenken. Denn aktuell steckt Europa in einem Dilemma: Im IT-Bereich ist Europa von US-Konzernen abhängig, und die US-Regierung kann längst nicht mehr als vertrauenswürdiger Partner gelten.
Die IT ist eine potenzielle Angriffsfläche. Software und Cloudlösungen können ersetzt werden, auch wenn manche sich damit schwertun (g+) , bei der Hardware geht das nicht. Europäische Alternativen sind hier mehr als nur wünschenswert.
Die gibt es sogar potenziell bereits, etwa die von dem französischen Unternehmen Sipearl entwickelte CPU Athena1 . Sie hat allerdings das gleiche Problem wie etwa die Loongson-CPUs aus China: Wenn die CPUs 2027 auf den Markt kommen, sind sie veraltet. Nach reiner Marktlogik würde sie kaum jemand kaufen.
Europäische Alternativen brauchen wirtschaftliche Perspektive
Trotzdem sind es leistungsfähige CPUs, die öffentliche Hand könnte sie beschaffen und Sipearl damit eine Perspektive bieten. Chinas Halbleiterbranche wird genauso abgesichert. Europa muss ja kein Decoupling anstreben, doch Alternativen sind in der aktuellen Situation extrem wichtig.
Die brauchen aber wirtschaftliche Sicherheit. Sipearl konnte zwar 2025 eine Finanzierungsrunde über 130 Millionen Euro abschließen(öffnet im neuen Fenster) , braucht mittelfristig aber mehr Umsatz, als mit einem Vertrag über den Aufbau eines Hochleistungsrechners alle paar Jahre erzielbar ist.
Hier investiert Europa viel zu wenig, obwohl es beste Voraussetzungen hat. Der Fokus muss mehr auf klassischen Digitalcomputern liegen, statt, wie in Deutschland, rein auf Quantencomputer oder Ähnliches zu setzen, was vielleicht einmal in vielen Jahren einen Teil des Rechenbedarfs decken kann. Hier fühle ich mich dann eher an ein anderes Regime mit sozialistischem Anstrich erinnert – an Walter Ulbrichts Slogan von "Überholen ohne einzuholen" .
Aber das ist ohnehin Zukunftsmusik. Erst einmal muss die EU-Kommission den IAA umgesetzt bekommen. Dass Deutschland hier von Anfang an bremst – neben dem VDA ist die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) dagegen, Wirtschaftsministerin Reiche und Kanzler Merz haben ebenfalls kritisch reagiert -, ist leider kein gutes Zeichen.