Zum Hauptinhalt Zur Navigation

IMHO: Twitter setzt Facebook unter Druck

Facebook muss sich neu erfinden, um seine Stellung als führendes soziales Netzwerk zu behaupten. Doch dies ist ein kompliziertes Unterfangen. Der Druck durch Twitter wächst.
/ Martin Weigert (netzwertig.com)
38 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Bild: Martin Weigert

Facebook befindet sich an einem äußerst kritischen Punkt. Zwar nähert sich die Zahl aktiver Nutzer laut jüngsten Unternehmensangaben mit 955 Millionen der magischen Milliardenmarke, doch in immer mehr Ländern stößt das soziale Netzwerk an eine Sättigungsgrenze. Die Folge: Das Anwenderwachstum verlangsamt sich(öffnet im neuen Fenster) , mitunter verlassen sogar mehr Mitglieder den Dienst, als neue hinzukommen. Sowohl in Deutschland(öffnet im neuen Fenster) als auch in der Schweiz(öffnet im neuen Fenster) und in den USA(öffnet im neuen Fenster) sind derartige Tendenzen erkennbar.

Diese Entwicklung kommt weder überraschend noch ist sie für das jetzt börsennotierte Unternehmen ein Drama(öffnet im neuen Fenster) – schon weil es neben dem Social Network auch als soziale Plattform für große Teile des kommerziellen Internets verankert ist(öffnet im neuen Fenster) . Doch sie signalisiert den Eintritt in eine neue, heikle Phase des Produktlebenszyklus – eine, die von zunehmender Unzufriedenheit der Anwender(öffnet im neuen Fenster) , immer aggressiveren Vorstößen(öffnet im neuen Fenster) , einem sinkenden Aktienkurs und dem Druck geprägt ist, neue Umsatzquellen(öffnet im neuen Fenster) zu erschließen und endlich zuverlässig hohe Gewinne zu produzieren(öffnet im neuen Fenster) . Hinzu kommt, dass die Benutzeroberfläche und Struktur von Facebooks Desktop-Angebot nach all den Jahren trotz einiger tiefgreifender Überarbeitungen niemanden mehr vom Hocker reißt – von der seit jeher wenig beeindruckenden mobilen Oberfläche ganz zu schweigen(öffnet im neuen Fenster) .

Facebook steht unter bisher nicht gekanntem Druck

Möchte der kalifornische Internetkonzern seine führende Stellung als Social-Networking-Destination behalten und sich nicht allein auf seine Rolle als Identitätsanbieter und soziales Webbetriebssystem für externe Sites beschränken, muss es sich neu erfinden. Zwar hat die Vergangenheit gezeigt, dass Facebook ein Meister des Durchsetzens zu Anfang unbeliebter Veränderungen ist. Allerdings agierte es dabei stets präventiv und somit ohne Druck.

Jetzt jedoch hat es einen Punkt erreicht, an dem viele Anwender bewusst erkennen oder unbewusst fühlen, dass sie das bisherige Angebot nicht mehr so zufrieden stellt und unterhält wie einst. Dadurch entsteht eine öffentliche Erwartungshaltung, die durch die aus dem Börsengang resultierende Notwendigkeit, künftig alle drei Monate glänzende Geschäftszahlen vorzulegen, noch an Brisanz gewinnt. Diesem Druck standzuhalten, ist nicht unmöglich, aber eine für das Unternehmen mit Sitz in Menlo Park und seinen jungen Chef Mark Zuckerberg bisher einzigartige Herausforderung.

Viele Hundert Facebook-Entwickler, -Designer und -Produktmanager werden in diesen Tagen fieberhaft an der nächsten Generation des sozialen Netzwerks arbeiten, so viel ist sicher. Doch auch eine aufsehenerregende, die künftige Ausrichtung des Unternehmens beeinflussende Übernahme ist angesichts der brenzligen Situation nicht auszuschließen. Bisher fiel Facebook vor allem durch sogenannte Talentakquisitionen auf, bei denen nicht die aufgekauften Services im Mittelpunkt standen, sondern ihre Gründer und Teams.

Eine Ausnahme bildete die Übernahme von Instagram(öffnet im neuen Fenster) – deren Zweck war nicht nur die Rekrutierung der Macher der beliebten Foto-Applikation, sondern auch, die Entstehung eines potenziellen Kontrahenten oder die Übernahme durch einen Wettbewerber zu verhindern. Strategisch ist es für Facebook aus heutiger Sicht wenig sinnvoll, Instagram eigenständig weiterzuführen – eine Abwicklung allerdings würden 80 Millionen Instagram-Mitglieder(öffnet im neuen Fenster) dem blau-weißen sozialen Netzwerk sehr übel nehmen. Zu viele, um einen derartigen Schritt zu vollziehen.

Twitters Lage ist trotz Kritik komfortabler

Eine weitere Belastung dieser Art wird sich Mark Zuckerberg nicht antun wollen. Dennoch kann er nicht einfach dabei zusehen, wie andere Internetfirmen sukzessive in der Wahrnehmung der breiten Masse an Bedeutung gewinnen und sich genau in dem Segment festsetzen, das gemeinhin als Facebooks Achillesferse gilt, nämlich Mobile. Die zwei größten Kandidaten, auf die eine derartige Beschreibung zutrifft, sind Foursquare und Twitter. Beide Services legen ihren Schwerpunkt auf das mobile Benutzererlebnis und bieten dafür solide Angebote.

Gerade für Twitter läuft es entgegen der Wahrnehmung in Early-Adopter-Kreisen(öffnet im neuen Fenster) und trotz so mancher(öffnet im neuen Fenster) ungeschickter Fehltritte(öffnet im neuen Fenster) derzeit recht gut: Die vor einigen Jahren eingeschlagene Strategie des(öffnet im neuen Fenster) "Walled Garden" mag zwar kurzsichtig sein und frühe, auf Offenheit schwörende Nutzer vergraulen, kommt aber beim Internetmainstream an. Twitters Nutzerzahlen wachsen stabil(öffnet im neuen Fenster) , und allein die Tatsache, dass mittlerweile selbst im Bundestag das Zwitschern zum guten Ton gehört(öffnet im neuen Fenster) , belegt, dass die Zeiten des Dienstes als Nischenanwendung für Geeks vorüber sind – selbst wenn sich Deutsche beim Twittern noch zurückhalten(öffnet im neuen Fenster) .

Konzeptionell und funktionell verwandelt sich Twitter derzeit vom einstigen 140-Zeichen-Dienst hin zu einer Kommunikations-, Informations- und Medienplattform(öffnet im neuen Fenster) – und rückt damit zwangsläufig Facebook auf die Pelle. Gleichzeitig scheint sich Twitters Werbegeschäft besonders(öffnet im neuen Fenster) im mobilen Bereich positiv und besser als bei Facebook(öffnet im neuen Fenster) zu entwickeln.

Twitters derzeitiger Aufstieg kann Facebook überhaupt nicht gefallen. Lange hat es gedauert, aber das deutlich agilere, nicht von den Launen der Börse getriebene Twitter entwickelt sich momentan zu einer echten Bedrohung für Facebook. Was die Frage aufwirft, wie dieses angesichts seiner kritischen Lage darauf reagiert.

Laut dem jüngsten Quartalsbericht(öffnet im neuen Fenster) beläuft sich der Wert von Facebooks Barreserven und börsenfähigen Wertpapieren auf insgesamt 10,2 Milliarden Dollar. Das entspricht in etwa der kolportierten Bewertung von Twitter. Eine Übernahme des Zwitscherdienstes erscheint damit fast zu teuer, zumal auch andere Kaufinteressenten existieren(öffnet im neuen Fenster) , was den Preis in die Höhe treibt.

Zudem wirkt eine Fusion beider Dienste schon rein praktisch kaum durchführbar – es sei denn, Facebook macht aus der Not eine Tugend und entschließt sich, verschiedene Angebote im Sinne der Risikostreuung relativ unabhängig voneinander weiterzuführen, mit einem einheitlichen Login auszustatten und im Paket zu vermarkten.

So unwahrscheinlich ein Merger auch klingen mag, so drängend ist für Facebook die Frage, wie es in seiner heute deutlich verletzlicheren Situation mit einem erstarkenden Twitter umgehen soll. Und wie es gelingt, die 950 Millionen aktiven Anwender wieder in Begeisterung zu versetzen. Die habe zumindest ich beim Besuch von Facebook schon sehr lange nicht mehr gespürt. Ihr?

Martin Weigert ist seit April 2010 der verantwortliche Redakteur für netzwertig.com, wo der Artikel zuerst erschien. Er hat Wirtschaftskommunikation studiert und beschäftigt sich seit 1999 intensiv mit dem Internet. Neben neuen, innovativen Web-Startups beobachtet er die generelle Entwicklung des Netzes und der Digitalisierung und analysiert große wie kleine Tendenzen, die mit der globalen Vernetzung einhergehen. Martin Weigert bloggt außerdem privat auf www.martinweigert.com und twittert unter @martinweigert.

IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach).


Relevante Themen