Zum Hauptinhalt Zur Navigation Zur Suche

Videodienst: Netflix könnte der nächste große Internetkonzern werden

In Nordamerika ist Netflix schon jetzt eine feste Größe im Internetgeschäft. Doch die Erfolgsgeschichte des Videostreaming-Pioniers fängt erst an. Das Unternehmen könnte ähnlich erfolgreich werden wie die heutigen Big Five des Internets Apple, Google, Amazon, Facebook und Microsoft.
/ Martin Weigert (netzwertig.com)
56 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Netflix-Gebäude in Los Gatos, Kalifornien (Bild: AFP/Getty Images)
Netflix-Gebäude in Los Gatos, Kalifornien Bild: AFP/Getty Images

Die Entwicklung des kalifornischen Videodiensts Netflix(öffnet im neuen Fenster) ist wegweisend. Zu Spitzenzeiten verursacht Netflix-Streaming 31,6 Prozent des Downstream-Datenverkehrs in Nordamerika. Mit anderen Worten: Fast jedes dritte Megabyte, das die Haushalte in den USA und Kanada aus dem Netz abrufen, hat seinen Ursprung auf den Servern von Netflix.

Es gibt derartig viele Missstände im aktuellen TV- und Filmmarkt, dass man dankbar sein sollte, wenn ein risikofreudiger, innovativer Anbieter des Internetzeitalters der Branche und ihren durch jahrzehntelangen Erfolg bequem gewordenen Protagonisten gefährlich wird. Selbst wenn der Aufstieg von Netflix wie jede Verschiebung von Kräfteverhältnissen in Wirtschaftssektoren nicht nur positive Folgen haben wird. Kurz- bis mittelfristig aber werden die Vorteile aus Zuschauersicht deutlich überwiegen.

Kommen wir zu den Argumenten für meine These, dass Netflix in Bezug auf seine wirtschaftliche Leistung und seine Bedeutung für die digitale Wirtschaft in einigen Jahren zu den heute größten Konzernen aufgeschlossen haben wird.

Enorme Nachfrage nach Bewegtbildinhalten

Die Deutschen schauen im Schnitt vier Stunden pro Tag fern, US-Amerikaner noch mehr. In den meisten westlichen Ländern sieht es ähnlich aus. Kaum einer anderen Aktivität widmen wir uns also so intensiv wie dem Konsum von bewegten Bildern. Nicht einmal soziale Netzwerke können da mithalten. Selbst wenn sich die Nutzung dieser Medienformen dank "Second Screen" überschneidet, deutet die historische Entwicklung der Zuschauerzahlen eher auf einen weiteren Anstieg der Bewegtbildminuten hin – unabhängig davon, welches Gerät dafür genutzt wird. Entscheidend ist: Netflix besitzt auf nahezu jedem relevanten Smart Device eine Präsenz.

Erfolg in den USA

In den USA gab es im vierten Quartal 2013 mehr als 33 Millionen kostenpflichtige Netflix-Konten. Setzt man voraus, dass sich die Mehrzahl der Haushalte mit einem Konto begnügt, so haben bei einer durchschnittlichen Zahl von 2,55 Personen pro Haushalt zwischen 80 und 90 Millionen US-Amerikaner Zugriff auf Netflix – mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkerung. Netflix hat damit auch einen der bisher größten Pay-TV-Anbieter HBO überholt. Das Erreichte ist beachtlich, zeigt aber, dass selbst im Heimatmarkt noch reichlich Raum zum Wachsen besteht.

Globaler, größtenteils nicht bearbeiteter Markt

Außerhalb der USA hatte Netflix Ende 2013 in 40 Märkten gerade Mal elf Millionen Abonnenten. In den meisten Ländern ist das 1997 entstandene Unternehmen erst seit einem oder zwei Jahren präsent und kann nicht wie in Nordamerika von einer bald 20-jährigen Marktpräsenz und Markenbekanntheit profitieren. Zudem stellen unterschiedliche nationale Regulierungen wie etwa in Frankreich und Lizenzfragen, kleine lokale Konkurrenten, fehlende Partnerschaften sowie Engpässe bei Breitbandverbindungen Hindernisse dar, die erst sukzessive überwunden werden können.

Während Netflix im Heimatmarkt profitabel ist und dort 2013 den Großteil des Jahresumsatzes von rund vier Milliarden Dollar generierte, läuft das expansive internationale Geschäft wenig überraschend mit Verlust. Allein die weiteren Europa-Vorstöße lässt sich Vorstandschef Reed Hastings 400 Millionen Dollar kosten. Netflix hat also einiges zu tun, um außerhalb Nordamerikas eine ähnliche Marktpenetration zu erreichen wie zu Hause.

Andererseits ist hierfür im Prinzip nichts weiter notwendig als Geld und Geduld. Manchmal kann es auch ganz schnell gehen: Nur sieben Monate nach dem Debüt in Schweden verzeichnete Netflix dort 645.000 Abonnenten – 7,6 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Geringe Abhängigkeit von alten Branchenstrukturen

Im Gegensatz zu anderen Segmenten der Medienbranche, speziell der Musikindustrie, ist Netflix nicht auf einen enormen "Backkatalog" alter Produktionen angewiesen. Zwar freuen sich User darüber, auch Serien- und Filmklassiker anschauen zu können. Ob aber sämtliche Produktionen, in denen House-of-Cards-Star Kevin Spacey jemals mitgewirkt hat, per Stream abrufbar sind oder nicht, spielt für die wahrgenommene Attraktivität keine so große Rolle.

Im On-Demand-Musik-Bereich ist das anders. Dort werden Lady-Gaga-Fans einen Dienst wie Rdio, Spotify oder Simfy sofort verlassen, wenn von ihrem Liebling nicht das gesamte Repertoire angehört werden kann. Die Folge: Die Musikservices richten sich nach den Wünschen der Labels. Netflix hingegen kann, da der Großteil der Abonnenten neue statt alter Inhalte bevorzugt, einfach selbst Produktionen in Auftrag geben, wenn der Rechteeinkauf zu kostspielig wird. Genau dazu entschloss es sich vor einigen Jahren. Mit großem Erfolg, wie nicht zuletzt die Emmy-Auszeichnung für House of Cards sowie die Oscar-Nominierung der Dokumentation "The Square" belegen. 2014 will Netflix die Strategie des "Original Content" noch stärker verfolgen.

Keine Scheu vor radikalen Schritten

Mehrfach hat Netflix-CEO Reed Hastings bewiesen, dass er sich nicht vor radikalen Veränderungen des Geschäftsmodells scheut, um das Unternehmen an neue Marktumstände anzupassen. Er verwandelte Netflix von einer Videothek in einen DVD-Abodienst, machte daraus später einen Onlinestreamingdienst und etabliert Netflix mittlerweile auch als Produktionsstudio und Rechtevermarkter. Eine seit zwölf Jahren börsennotierte Firma, die sich derartig agil bewegt, sieht man selten.

Sofern Hastings und seine Mitarbeiter nicht plötzlich ihren Tatendrang und Einfallsreichtum verlieren, muss man aufgrund der bisherigen Unternehmenshistorie fast davon ausgehen, dass weitere mutige, risikoreiche Neupositionierungen oder Erweiterungen der Geschäftsaktivitäten folgen. Liveübertragungen von Sportereignissen vielleicht? Der Kauf von Kinoketten? Die Übernahme von TV-Sendern? Netflix-"Fernsehgeräte"?

In einem Markt, dessen veraltete, lange unangefochtene Strukturen durch das Internet nach und nach in sich zusammenfallen, ist die Bereitschaft für experimentierfreudige, auch verrückte Ideen eine der wichtigsten Voraussetzungen, um erfolgreich zu sein.

Netflix ist natürlich nicht der einzige große Internetkonzern, der den TV- und Filmbereich aufmischen möchte. Doch keiner der Konkurrenten, egal ob Amazon, Apple, Google mit Youtube oder Hulu, kommt bislang auch nur annähernd an Netflix heran. Geht man von üblichen Marktdynamiken des Onlinesektors aus, dann tendieren die Dienste, die sich einmal als dominierend etabliert haben, in der Regel dazu, ihren Vorsprung vor den Wettbewerbern auszubauen.

Netflix hat zudem etwas, was den anderen Akteuren fehlt: Fokus. Das Unternehmen widmet sich vollständig dem Film- und Serienbusiness, während der US-Wettbewerb verstärkt an Mischkonzerne erinnert, die ihre Ressourcen und Aufmerksamkeit auf viele Produkte gleichzeitig verteilen. Ich glaube, dass dies Netflix in der Markenpositionierung, aber auch im Bezug auf die Contentakquisition und -produktion einen erheblichen Vorteil verschafft.

Größe

Auch wenn Netflix außerhalb Nordamerikas bislang wenig erreicht hat, so eilt dem Unternehmen sein Ruf voraus. Ich behaupte, dass Netflix bei vielen Branchenbeobachtern und Journalisten selbst außerhalb der USA als Synonym für Film- und Serienstreaming steht – ungeachtet der Tatsache, dass es oft lokale Nachahmer gibt, wie in Deutschland beispielsweise Watchever und Maxdome. Einfluss hierauf hat auch die für Netflix zusätzliche Umsätze generierende Lizenzierung der Netflix-Exklusivproduktionen an nationale Fernsehsender, in Deutschland etwa an Sat.1. All das schafft schon im Vorfeld Bekanntheit für den Dienst.

Ähnliche Konstellationen in verwandten Onlinesparten der vergangenen Jahre lassen erahnen, was mit einheimischen Services geschieht, sobald Netflix seinen Markteintritt feiert: Sie bleiben in ihrer relativen Nische, während das "Original" relativ zügig erfolgreich wird. Damit dies klappt, ist natürlich ein überzeugender Fundus an Inhalten Voraussetzung wie zum Beispiel Exklusivproduktionen. Denn die lokale Konkurrenz wird kaum in der Lage sein, bekannte Hollywood-Schauspieler verpflichten zu können.

Big Data und Algorithmen

Eine wichtige Rolle spielt Netflix' umfangreiche Vorerfahrung im Bereich der Datenanalyse, die den Dienst dazu befähigt, Nutzern genau die Inhalte zu bieten, die sie am meisten interessieren. Vorteilhaft ist das besonders bei der Produktion eigener Exklusivinhalte: Aus Millionen von Streams ziehen die Netflix-Optimierer detaillierte Erkenntnisse darüber, welche Momente, Szenen und Handlungsstränge welche demografischen Gruppen besonders bewegen, und entscheiden davon ausgehend, was in Zukunft über Netflix erhältlich sein soll.

800 Entwickler sind bei dem Konzern tätig. Viele arbeiten an Verfahren, um Nutzern die für sie besten Filme, Serien und Dokumentationen zu empfehlen. Diese Expertise und Manpower verschaffen Netflix einen erheblichen Vorsprung gegenüber nationalen Kontrahenten sowie den Onlineablegern der TV-Konzerne, deren Maßnahmen vermutlich niemals an den daten- und algorithmengetriebenen Erfahrungsschatz der Kalifornier heranreichen werden.

Fazit

Netflix hat denkbar gute Chancen, zum international erfolgreichsten Player im von Konsumenten geliebten Segment der Premium-Bewegtbildinhalte aufzusteigen und einen signifikanten Teil des Zeitbudgets zu übernehmen, welches derzeit vom linearen Fernsehen beansprucht wird. Dass es dazu kommt, ist wahrscheinlich – vorausgesetzt, Netflix schafft es, die unter der Last des Videotraffics leidenden Internetzugangsanbieter bei Laune zu halten – die Führungskräfte des Anbieters zeigen sich in der Frage optimistisch – und weiterhin einen überzeugenden Contentmix bereitzustellen, ohne nicht zu lange rote Zahlen zu schreiben. Beides erscheint aus heutiger Sicht absolut nicht abwegig. Von daher könnte Netflix trotz des gar nicht mehr in so weiter Ferne liegenden 20. Geburtstags noch immer am Anfang seiner Erfolgsgeschichte stehen.


Relevante Themen