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ESA: Europäische Raumfahrtvisionen fernab der Realität

Die Esa will bis 2035 nukleare Antriebe für die Weltraumlogistik zum Mond, zum Mars und für den Rest des Sonnensystems haben. Ich ringe um höfliche Worte.
/ Frank Wunderlich-Pfeiffer
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Die Esa kann selbst kaum einfache Raketen bauen, aber so soll schon 2035 die Zukunft aussehen. (Bild: Esa)
Die Esa kann selbst kaum einfache Raketen bauen, aber so soll schon 2035 die Zukunft aussehen. Bild: Esa

Die europäische Raumfahrtagentur Esa sucht mit den Projekten Rocket Roll und Alumni(öffnet im neuen Fenster) nach Vorschlägen für nuklear angetriebene Raumschiffe. Den Aufruf ziert ein futuristisches Bild vom Mars mit einer Raumstation und einem Raumschiff, dessen Konzept aus Stanley Kubricks Odyssee im Weltraum stammen könnte.

Mit Rocket Roll soll ein Kernreaktor die Stromerzeugung für Ionentriebwerke übernehmen, wie es die Nasa auch plant. Erstflug: 2035! Bei Alumni handelt es sich um eine Europäische Neuauflage des Projekts Nerva, bei der zum Antrieb des Raketentriebwerks ein miniaturisierter 500-MW-Hochleistungsreaktor flüssigen Wasserstoff von minus 253 Grad Celsius auf rund 2.000 Grad Celsius erhitzen soll. So soll es möglich sein, eine Weltraumlogistik aufzubauen, und – so schreibt es die Esa – für die Minimierung der Umweltfolgen der Raumfahrt seien effiziente Antriebe unabdingbar.

Zur Erinnerung: Das ist die gleiche Raumfahrtagentur, die nicht einmal in der Lage war, einen funktionierenden Fallschirm für den Marslander Schiaparelli zu bauen. Nur deswegen störte es letztlich auch nicht, dass in dem Lander nicht, wie 2012 vorgesehen,(öffnet im neuen Fenster) ein Radioisotopengenerator Strom für wenigstens 2 Jahre liefern sollte, weil Russland den Export verweigerte,(öffnet im neuen Fenster) sondern die Wetterstation im Lander stattdessen nur wenige Tage mit Batterie funktionieren sollte. Solarzellen konnte man als Alternative aber auch nicht einbauen.

Die Esa ist schon von normaler Raumfahrt überfordert

Die Esa ist auch nicht in der Lage, selbst herkömmliche Raketentechnik auch nur in entfernt angemessenem Zeit- und Kostenrahmen zu entwickeln. Die Oberstufe der Ariane 6 befindet sich, unter ständig wechselndem Namen, aber bei gleichem technischen Konzept, seit 24 Jahren in Entwicklung und hat die Qualifikationstests noch immer nicht absolviert.(öffnet im neuen Fenster) Die Ariane 5, selbst ein Skandal und Resultat des 1992 gescheiterten Versuchs, mit Hermes ein eigenes Spaceshuttle zu entwickeln, fliegt deshalb mit über 40 Jahre alter Triebwerkstechnik. Zurzeit hat die Esa keine neuen Raketen für größere Nutzlasten mehr zur Verfügung und selbst die kleine Vega C wird wegen des Mangels ukrainischer Triebwerke nur noch wenige Male fliegen können. Dabei will die Esa seit 18 Jahren ein neues Oberstufentriebwerk für die Vega entwickeln, aber das M10-Triebwerk ist immer noch in Entwicklung.

Die Ariane Group, fast nur von der Esa finanziert, hat kürzlich eine Oberstufe für die Ariane 6 namens Susie vorgestellt.(öffnet im neuen Fenster) Sie soll wiederverwendbar sein, senkrecht landen und mit Hitzeschutzschild für den Wiedereintritt aus dem Orbit ausgestattet sein. Damit ist sie de facto ein eigenes Raumschiff, das aber extrem leichtgewichtig sein müsste, um die angeblichen 7 Tonnen Nutzlast auf die Erde zurückbringen zu können.

Aber die Ariane Group hat bislang nicht einmal im Ansatz die technischen Fähigkeiten dafür entwickelt. Sie kann keine einfachen Raketenstufen landen. Und die normale Oberstufe der Ariane 6 ist mit über 6 Tonnen Leergewicht im Vergleich zu den 31 Tonnen Treibstoff eine der schwersten Oberstufen der Welt, vergleichbar mit der Oberstufe der indischen GSLV Mk3. Aus dem Konzept von Susie spricht nichts als der blanke Neid auf das Starship von SpaceX.

Fakt ist, dass die Esa in der Form, in der sie heute existiert, schon mit herkömmlicher Raumfahrttechnik überfordert ist. Es ist grotesk, wenn diese Agentur von Weltraumlogistik und nuklearen Antrieben als Konzept für das nächste Jahrzehnt spricht. Die Esa kann nicht mal radioaktive Heizelemente selbst bauen, von Radioisotopenbatterien ganz zu schweigen, aber dem Konzept nach soll schon 2035 das erste Raumschiff mit Kernreaktor fliegen.

Visionen zeugen von Realitätsverlust

Das ist in 13 Jahren! Die Esa hat es in 17 Jahren nicht geschafft, den Exomars Rover auf dem Mars zu landen, der bei Weitem nicht so viel Entwicklungsaufwand wie ein flugtauglicher Kernreaktor für den Raumfahrtbetrieb benötigt.

Der Europäischen Weltraumagentur stehen jährlich mehr als 6 Milliarden Euro zur Verfügung. Was sie liefert, ist das längst nicht wert. Der ständige Versuch, davon mit völlig unrealistischen "Visionen" abzulenken, ist eine intellektuelle Beleidigung für jeden, der dieses Trauerspiel Jahr für Jahr mit ansehen muss. Es ist komplett vergleichbar dem Gebaren von Roskomos und deren ständigen Ankündigungen der nächsten Mondsonde, der eigenen Raumstation und der Schwerlastrakete zur Landung des ersten Russen auf dem Mond, die längst keine Meldung mehr wert sind.

Bei aller Begeisterung für Raumfahrt: Die Grenzen des Anstands sind längst überschritten. Die Esa braucht keine Visionen und keine bessere PR. Sie braucht Reformen und schlicht funktionierende Raketen, Satelliten und Raumsonden – ohne ständige Jagd nach Rekorden und Spitzenleistungen, die nur noch in der kollektiven Phantasie der Agentur realistisch erscheinen können. Es gibt keine höflichen Worte mehr für das, was dort passiert.

IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach).


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