IMHO: Die Berliner Startupszene hat ein Akzeptanzproblem

Berlin ist Deutschlands Internethauptstadt und Anwärter auf einen Platz an der Spitze der internationalen Startup-Metropolen. Mittlerweile wird gar nicht mehr die Frage nach der Tauglichkeit des Ökosystems debattiert, sondern logistische Aspekte wie, ob der fehlende Vorzeigeflughafen(öffnet im neuen Fenster) der Eignung der Spreestadt als Hotspot für junge Technologiefirmen schadet. Dass Berlin grundsätzlich das Zeug dazu hat, mit London, San Francisco und dem Silicon Valley eines Tages auf seine ganz eigene Weise zu konkurrieren, daran scheinen heute deutlich weniger Beobachter zu zweifeln als noch vor zwei Jahren.
Doch die Stadt hat ein Problem. Okay, sicherlich nicht nur eins. Aber eines, das an dem so mühselig erarbeiteten Image der Stadt als künftigem Ursprungsort von international prägenden digitalen Innovationen kratzt. Angesprochen habe ich das Thema schon einmal im Mai(öffnet im neuen Fenster) , glaube aber, dass es durchaus eine breitere Diskussion verdient: Aus Berlin kommen zwar mittlerweile immerzu neue junge Web- und Mobile-Firmen, doch sehr wenige technologische Highlights und Startups, denen man es zutraut, mit eigenen Ideen auch auf globaler Ebene für Furore zu sorgen, drängende Probleme der Menschheit zu lösen und eine bessere Welt zu schaffen.
Viele Social-Apps, aber mäßige Bilanz
Das Segment, das von der jungen, neuen Berliner Gründergeneration besonders umgarnt wird, ist das Social Web in all seinen Ausprägungen, mit einem besonderen Fokus auf dem mobilen Web. Doch viele der Akteure in dem Bereich, die in den vergangenen Jahren und Monaten in der Hauptstadt entstanden, weisen bisher eine eher ernüchternde Bilanz vor. Klar, Soundcloud(öffnet im neuen Fenster) ist auf einem guten Weg, zum Youtube für Audio zu werden, und die Social-Games-Schmiede Wooga(öffnet im neuen Fenster) darf sich als Europas Marktführer bei sozialen Facebook-Spielen bezeichnen. Aber das war es im Prinzip schon. Vielen der innerhalb der lokalen Szene bejubelten Services und Apps ist es bisher nicht gelungen, sich bei Endanwendern außerhalb des Berliner S-Bahn-Rings oder gar außerhalb Deutschlands einen Namen zu machen. Ob Amen(öffnet im neuen Fenster) , EyeEm(öffnet im neuen Fenster) , Readmill(öffnet im neuen Fenster) , Gidsy(öffnet im neuen Fenster) , Wunderkit(öffnet im neuen Fenster) , Loopcam(öffnet im neuen Fenster) oder Moped(öffnet im neuen Fenster) – unzählige, auf der Vernetzung von Anwendern rund um spezifische Aktivitäten oder Themengebiete basierende Startups kämpfen zwar leidenschaftlich, aber was ihnen noch fehlt, ist die größere Wahrnehmung in fernen (Bundes-)Ländern.
Schwach ausgeprägte Netzwerke als Nachteil
Dass die Hauptstadt zahlreiche derartige Anbieter hervorgebracht hat, daran gibt es grundsätzlich nichts zu kritisieren. Dass man ihnen Zeit geben muss, erfolgreich zu werden, ist angesichts der noch nicht so gefestigten und international bedingt einflussreichen Netzwerke der Berliner Webwirtschaft auch keine Überraschung. Niemand darf erwarten, dass die Kunde von einem jungen Social-Web-Startup aus der Stadt an der Spree quasi automatisch sofort nach New York, San Francisco, Singapur und Tokio getragen wird – ein Privileg, von dem viele an der US-Westküste entstandene Dienste profitieren.
Doch genau aus diesem Grund – weil die Berliner Szene aufgrund ihres frühen Entwicklungsstadiums noch etwas zart und kraftlos agiert – wirkt der ungebrochene Fokus der lokalen Entrepreneure auf Social-Apps fragwürdig. Deutsche-startups.de berichtete am Freitag von zwei neuen Beteiligungen(öffnet im neuen Fenster) des omnipräsenten Business Angels Christophe Maire. Der Meldung nach habe er in Likemind(öffnet im neuen Fenster) sowie Toast(öffnet im neuen Fenster) investiert, zwei bisher nicht lancierte Projekte, welche die eingeschlagene Social-Web-Tradition der neuen Berliner Gründerwelle fortsetzen: Bei Toast handelt es sich den spärlichen Informationen auf der Website nach zu urteilen um eine mobile App rund um Geschenk-Wunschlisten, während Likemind das Zusammentreffen mit Gleichgesinnten in der unmittelbaren Umgebung erlauben soll.
Ich gebe zu: Beim Lesen der Meldung war ich angesichts der Trivialität der Konzepte ein wenig enttäuscht. Speziell, was Likemind betrifft: Nicht einmal der zur SXSW-Konferenz in Austin mit dem vollen Support der Silicon-Valley-Prominenz angekündigten "People Discovery"-App Highlight(öffnet im neuen Fenster) gelang es, eine kritische Masse zu erreichen und von einer hinreichend signifikanten Zahl an Smartphonebesitzern installiert zu werden. Diversen vergleichbaren Anwendungen ging es genauso. Highlight-Konkurrent Glancee wurde von Facebook übernommen(öffnet im neuen Fenster) , der Talente wegen. In Berlin gingen gerade bei Aka-aki, einem Pionier in dem Segment, die Lichter aus(öffnet im neuen Fenster) . Während ich nach wie vor daran glaube, dass das Thema eines Tages auch bei Durchschnittsnutzern ein Hit werden wird, frage ich mich, wieso nun ausgerechnet ein Berliner Startup die mit der Verbreitung eines solchen Services verbundenen mannigfaltigen Herausforderungen meistern können soll – wenn doch die Stadt aus den beschriebenen Gründen derzeit eher ungeeignet für die Lancierung von auf das schnelle Eintreten von Netzwerkeffekten abhängigen Konzepten ist.
Gefahr falscher Prioritätensetzung
Die Lage stellt sich derzeit so dar, dass sich ein Großteil der an dem Berlin-Boom beteiligten Internetfirmen mit der Entwicklung von Anwendungen beschäftigt, die sich bisher als wenig lukrativ erwiesen haben. Nun kann niemand ausschließen, dass sich dies nicht eines Tages doch noch als clevere Vorgehensweise herausstellen wird. Momentan aber steuert die Hauptstadt langsam auf ein Akzeptanzproblem zu: Immer neue Social-Apps werden entwickelt, ohne jedoch wirklich das zu erreichen, was man als durchschlagenden Erfolg bezeichnen würde – zumindest nicht innerhalb der Zeitspanne, die man aus der Erfahrung mit ähnlichen Diensten aus den USA instinktiv als Maßstab anlegen würde.
Vielleicht entgeht mir die Genialität der Strategie, haufenweise soziale Special-Interest-Apps zu entwickeln, und womöglich kommt der Tag, an dem sich dieser Beitrag als großer Irrtum erweist. Aus heutiger Sicht glaube ich, dass Berlin auf die Anerkennung und Aufmerksamkeit der Webwirtschaft auf der anderen Seite des Atlantiks angewiesen ist – schon weil dort das meiste Risikokapital zu holen ist. Doch wenn Interessierte bei den einschlägigen US-Techmedien den Eindruck bekommen, die deutsche Hauptstadt spezialisiere sich in einer Disziplin, die das Silicon Valley schon längst perfektioniert hat, dann ist dies nicht unbedingt gute Werbung.
Berlin benötigt mehr echte Tech-Innovation
Mit mehr disruptiven, technologielastigen und echte Probleme lösenden Startups wäre die Stadt derzeit deutlich besser bedient und könnte sich als neuer Topstandort für die Internet- und IT-Welt profilieren. Und einige gibt es ja: Upcload(öffnet im neuen Fenster) mit seiner webcambasierten Körpervermessung, der Smartphone-Solarstromerzeuger Changers(öffnet im neuen Fenster) oder das iPad-Kassensystem Orderbird(öffnet im neuen Fenster) sind Beispiele für reizvolle, innovationsgetriebene Ideen, die zwar mehr Risiko beinhalten, aber der Hauptstadt auch ein deutlich spannenderes Profil als Tech-Hotspot verleihen.
Akzeptanz für Berlin als Startup-Metropole schaffen
Verfolgt man in Blogs und Blogkommentaren, bei Facebook und Twitter die Reaktionen hinsichtlich des nun seit einigen Jahren anhaltenden Berlin-Hypes, finden sich immer wieder auch teilweise sehr kritische Stimmen. Nicht selten handelt es sich dabei schlicht um Neider, notorische Nörgler oder eindimensional denkende Gründer, die nicht verstanden haben, dass eine Idee ohne das passende Netzwerk nichts wert ist(öffnet im neuen Fenster) . Dennoch würde es dem Standort Berlin nutzen, auch in anderen Landesteilen mehr moralische Unterstützung zu erhalten. Das beste Mittel: einzigartige Startup-Ideen mit Substanz und weltweitem Disruptionspotenzial verwirklichen. Klar, das ist nicht einfach und lässt sich nicht einfach "von oben" anordnen. Schlüsselpersonen wie etwa Christophe Maire oder die in Berlin niedergelassenen VC-Gesellschaften könnten aber Signale setzen. Ginge die Entwicklung in diese Richtung, würde sich Berlins Position und Nachhaltigkeit als Internet- und Technologie-Metropole immens verbessern – mit sämtlichen damit verbundenen positiven Folgen für alle Beteiligten.
Martin Weigert ist seit April 2010 der verantwortliche Redakteur für Netzwertig.com, wo der Artikel zuerst erschien. Er hat Wirtschaftskommunikation studiert und beschäftigt sich seit 1999 intensiv mit dem Internet. Neben neuen, innovativen Web-Startups beobachtet er die generelle Entwicklung des Netzes und der Digitalisierung und analysiert große wie kleine Tendenzen, die mit der globalen Vernetzung einhergehen. Martin Weigert bloggt außerdem privat auf www.martinweigert.com und twittert unter @martinweigert.
IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach).



