IG-Metall-Gehaltsstudie: Mehr Geld und weniger Arbeit
Beschäftigte in tarifgebundenen IT-Unternehmen verdienen laut einer Studie der IG Metall 14,9 Prozent mehr als Mitarbeiter in Betrieben ohne Tarifvertrag. Ein Software-Ingenieur bekommt demnach in einem tarifgebundenen Unternehmen 12.205 Euro jährlich mehr als Beschäftigte ohne Tarifvertrag in diesem Job.
Die Einkommenszuwächse in der IT-Branche betrugen im vergangenen Jahr im Vergleich zum Vorjahr 4,1 Prozent, heißt es in der aktuellen Entgeltanalyse der IG Metall für den Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie (ITK) und damit der IT-Branche. Für die Erhebung wurden gut 42.000 Entgeltdaten in 123 Betrieben zum Jahresende 2022 abgefragt.
Eine weitere Erkenntnis der Studie: Drei von vier Befragten mit Tarifvertrag arbeiten 37,5 Wochenstunden oder weniger. Bei den Beschäftigten ohne Tarifvertrag sind es lediglich 5 Prozent, 91 Prozent arbeiten 40 Stunden in der Woche. Die höhere Arbeitszeit macht sich allerdings nicht bezahlt.
Denn trotz der niedrigeren Arbeitszeit haben Beschäftigte mit Tarif ein höheres Jahresgehalt in einem vergleichbaren Job. Mitarbeiter in tarifgebundenen Unternehmen arbeiten somit weniger Stunden, verdienen aber mehr Geld als Beschäftigte in nicht tarifgebundenen Betrieben.
"Angesichts des Fachkräftemangels in Informatikberufen werden IT-Fachkräfte ihre Job- und Karriereentscheidungen noch stärker daran orientieren, ob ihr Arbeitgeber tarifgebunden ist" , sagte Christiane Benner, zweite Vorsitzende der IG Metall.
Die Entgeltanalyse der IG Metall basiert auf einem standardisierten Vergleich des gesamten Jahresentgelts auf Basis einer 35-Stunden-Woche. "Da in vielen nicht tarifgebundenen Firmen die 40-Stundenwoche üblich ist, Sonderzahlungen wie Weihnachts- und Urlaubsgeld aber nicht, ergeben sich große Gehaltsunterschiede" , sagte Herbert Rehm aus dem Ressort Angestellte, IT und Engineering in der IG Metall Vorstandsverwaltung. Auch das Monatsentgelt sei in manchen Fällen in Betrieben ohne Tarifvertrag geringer als in tarifgebundenen Unternehmen.
Vielzahl von Firmen- und Haustarifverträgen
Alle Firmen, die sich einem tariffähigen Arbeitgeberverband angeschlossen haben, sind an die jeweiligen Flächentarifverträge gebunden. Solche bestehen in der Metall- und Elektroindustrie sowie der IT, etwa mit dem Rahmentarifvertrag des IT-Dienstleisters Atos. Außerdem bestehen eine Vielzahl von Firmen- und Haustarifverträge einzelner Arbeitgeber mit der Gewerkschaft. So hat die IT-Tochter von VW, Cariad, mit der IG Metall einen spezifischen Haustarifvertrag vereinbart.
Ihre Entgeltanalyse für den Bereich der ITK stellt die IG Metall kostenlos und online zur Verfügung(öffnet im neuen Fenster) . Sie liefert eine Vielzahl an Einkommensdaten für gängige IT-Tätigkeiten auf verschiedenen Hierarchiestufen. Die Tätigkeiten sind in 16 Jobfamilien eingeteilt, darunter Beratung.
''Einkommen werden weiter steigen''
Dieser Job wird in fünf Hierarchiestufen dargestellt, vom Junior-Berater bis zum Leiter der Beratung. Nach der Entgeltanalyse verdient ein Senior-Berater mit einer 35-Stunden-Woche im Median 78.948 Euro jährlich, davon sind 6.866 Euro variabler Gehaltsbestandteil.
Ein Senior-Softwarespezialist kommt bei ebenfalls 35 Stunden pro Woche auf ein Jahresmediangehalt von 80.096 Euro. Der variable Gehaltsanteil liegt in diesem Beispiel bei 7.170 Euro. Bei 40 Wochenstunden beträgt das Einkommen 91.538 Euro.
Welche Tätigkeiten eine Hierarchieebene umfasst, ist beschrieben. Für die Berechnung des mittleren Einkommens in einer der IT-Jobfamilien können die wöchentlichen Arbeitszeiten von 15 bis 45 Wochenstunden variiert werden. Die Einkommen verändern sich entsprechend.
Das Einkommenstool der Gewerkschaft funktioniert tadellos. Es ist individuell anpassbar und liefert rasch realistische Einkommensdaten. Sie dienen der Einschätzung der eigenen Einkommenssituation und Gehaltsverhandlungen, sei es beim aktuellen oder neuen Arbeitgeber.
Die IG Metall führt die Entgelterhebung regelmäßig zum Jahresende durch und veröffentlicht die Ergebnisse im darauffolgenden Frühjahr. Rehm wagte bereits jetzt eine Prognose darüber, wie sich die Einkommen in diesem Jahr entwickeln werden.
"Nach unserer Beobachtung wird sich der Trend steigender Einkommen fortsetzen, zumal in vielen tarifgebundenen Betrieben nennenswerte Tariferhöhungen für das laufende Jahr ausgehandelt sind und wirksam werden."
Tarife steigen wohl stärker als bei freiwilligen Erhöhungen
So bekommen Mitarbeiter in tarifgebundenen Betrieben der Metall- und Elektroindustrie 5,2 Prozent mehr, zuzüglich der Inflationsausgleichsprämie in Höhe von 1.500 Euro im Jahr 2023. "Außerdem sind nach derzeitigem Eindruck die Entgelterhöhungen auch bei anderen Tarifabschlüssen durchweg höher, als wir bei nichttarifgebundenen Betrieben in Form von freiwilligen Einkommenserhöhungen berichtet bekommen."
Wissen und statistisch auswerten könne das die Gewerkschaft allerdings erst mit der Erhebung der neuen Einkommensdaten. Wie viel letztendlich bei Gehaltsverhandlungen herauskomme, sei stark von der Durchsetzungsstärke der Beschäftigten in der IT-Branche abhängig.
Nur noch knapp über die Hälfte der Beschäftigten mit Tarifvertrag
"In Zeiten des Fachkräftemangels können wechselwillige IT-Spezialisten gute Einkommenssprünge machen" , sagte Rehm. Viele Beschäftigte würden aber nicht häufig wechseln, sondern bei ihrem Arbeitgeber angemessene Erhöhungen bekommen wollen. "Das lässt sich in der Breite für die meisten Beschäftigten nur mit tariflichen Entgelterhöhungen realisieren."
Wie viele der IT-Unternehmen tarifgebunden sind, wollte oder konnte der Gewerkschaftler nicht sagen, nur so viel: "Es sind nach wie vor zu wenige IT-Unternehmen in der Tarifbildung. Und viele Beschäftigte in der IT sind nicht gut informiert über die Vorteile, die ein Tarifvertrag mit sich bringt." Neben Einkommen werden in solchen Verträgen etwa Arbeitszeiten geregelt.
In den Genuss solcher Vereinbarungen zwischen Gewerkschaften und Wirtschaftsverbänden kommt allerdings nur noch eine knappe Mehrheit der Beschäftigten. Im Jahr 2021 arbeiteten 43 Prozent der Beschäftigten in Betrieben mit Branchentarifvertrag und 9 Prozent mit einem Firmen- oder Haustarifvertrag.
Ein Viertel aller Unternehmen hatte sich einem tariffähigen Verband angeschlossen und 2 Prozent aller Firmen hatten einen Firmen- oder Haustarifvertrag abgeschlossen. "Nachdem wir jahrelang einen rückläufigen Trend in der Branchentarifbindung beobachten konnten, blieben die Zahlen 2021 stabil" , sagte Susanne Kohaut, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsbereich Betriebe und Beschäftigung am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.
Zwischen 1990 und 2020 ging der Anteil der Beschäftigten in Betrieben mit Tarifbindung um rund 30 Prozent zurück. Als Hauptursache für den Rückgang führt das Institut der Deutschen Wirtschaft den Strukturwandel an.
Neue Firmen wollen sich oft nicht an Tarif binden
Neu gegründete Unternehmen, etwa IT-Firmen, wollen sich häufig nicht an einen Tarif binden. Andere Betriebe verlassen die Tarifbindung, weil sie die Regelungen als einengend empfinden.
Dass der Abwärtstrend zumindest ausgesetzt ist, ist eine gute Nachricht zum 150. Geburtstag der Gewerkschaft: Im Mai 1873 wurde der erste Flächentarifvertrag in Deutschland zwischen der Organisation der Drucker und dem Verband der Druckereibesitzer vereinbart.
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