IETF: "Älteste des Internets" entschuldigen sich für Social Media

Eine Gruppe, die sich "Älteste des Internets"nennt, hat bei der Internet Engineering Task Force (IETF) einen Entwurf veröffentlicht(öffnet im neuen Fenster) , in dem sich das Gremium für die aktuellen, teils sehr negativen Auswüchse bei der Nutzung sozialer Netzwerke entschuldigen will. Der Entwurf, der kein Internet-Standard werden soll, sondern lediglich der weiteren Information dient, ist zwar offensichtlich ein Scherz, verweist aber auch auf eine langanhaltende Diskussion innerhalb der IETF und die Grenzen der Organisation.
"In letzter Zeit haben Sie möglicherweise einen dramatischen Anstieg der Menge an Schmähungen, Empörung, Hassreden und allgemeinem Zorn auf Ihrem bevorzugten Social-Media-Kanal bemerkt. Die Ältesten des Internets entschuldigen sich vorbehaltlos für diese Störung" , heißt es in dem Entwurf. Das Team sei mit dem Standard gegen tiefgreifende Netzwerküberwachung ( RFC 7258(öffnet im neuen Fenster) ) beschäftigt gewesen, der die "US-Regierung, Comcast, ihre lokalen ISP und irgendwelche Typen im Café" aus den Angelegenheiten der einzelnen Nutzer heraushalten soll, wie es die "Ältesten" formulieren.
Die Beteiligten seien dabei von der negativen Entwicklung des Diskurses im Internet überrascht worden, heißt es weiter. "Rückblickend hätten wir es wissen müssen. Das Usenet war eine ziemlich klare Warnung. Wir werden es besser machen" , wird in dem Entwurf versprochen. Damit das auch tatsächlich gelingt, werden Empfehlungen für ein künftiges Verhalten der Nutzer ausgesprochen.
Blocken und Whisky statt Hass im Netz
So könnten etwa Memes dabei helfen, von der "tief empfundenen Empörung" wegzukommen. Diese sei immerhin das "Methadon des Internets" . In Bezug auf die Nutzung sozialer Netzwerke wird das Einrichten persönlicher Blocklisten empfohlen. Begonnen werden könnte hier etwa mit dem Blocken von Wörtern wie "Trump" .
Der beste Weg sei jedoch, das Spiel einfach nicht mitzuspielen und sich von sozialen Netzwerken fernzuhalten. Das könne die "produktive und authentische Beteiligung an echten gesellschaftlichen Fragen" erhöhen. Für all jene, die aber ihre Nutzung sozialer Netzwerke weder einschränken noch beenden können, wird schlicht der Konsum von Whisky empfohlen. Zu den bei der IETF üblichen Sicherheitsüberlegungen neuer Entwürfe und Standards heißt es lediglich: "Die Sicherheit des Internets ist das geringste eurer Probleme" .
Mit der Wahl der Bezeichnung "Älteste des Internets" verweisen die Autoren klar auf einen Gag aus der britischen Serie The IT Crowd(öffnet im neuen Fenster) , in dem das Internet als kleiner, schwarzer Kasten dargestellt wird und Stephen Hawking Teil der Ältesten des Internets ist. Sie nehmen darauf Bezug und bekunden ihre Trauer über den Tod ihres ehemaligen Mitglieds. Das Veröffentlichen des Entwurfs ist wohl aber nicht nur als Scherz gedacht, sondern auch als Kommentar auf die Community innerhalb der IETF.
Diskussionen über Aufgabe der IETF
Denn obwohl der aktuelle Entwurf in dieser oder ähnlicher Form nie als tatsächlicher IETF-Standard verabschiedet werden dürfte, verweisen die Macher damit auf ein prinzipielles Problem der IETF. Die Ersteller und Hüter der Internet-Standards haben so gut wie keine Macht darüber, wie ihre Technik letztlich von Unternehmen, Regierungen und auch Nutzern eingesetzt wird.
Innerhalb der Organisation gibt es immer wieder Diskussionen zur moralischen und gesellschaftspolitischen Bedeutung der IETF. So existiert etwa eine Anleitung der IETF, Protokolle auf mögliche Probleme für die Privatsphäre der Nutzer hin zu überprüfen. Eine Co-Autorin dieser Anleitung ist die aktuelle IETF-Vorsitzende Alissa Cooper. Darüber hinaus gibt es in der IRTF, der auf Forschung ausgelegten Schwesterorganisation der IETF, eine Arbeitsgruppe für die Untersuchung von Protokollen auf ihre Auswirkungen auf die universellen Menschenrechte.
Doch über die Auslegung und deren Bedeutung dieser Initiativen für die Arbeit an den Protokollen wird immer wieder in der IETF gestritten. Bespiele hierfür sind etwa die Diskussion zu sogenannten statischen Schlüsseln in TLS 1.3 , Ciscos Dokumentation zu TLS 1.3 , das angeblich zu sicher für dessen Sicherheitsboxen ist, oder auch die eventuelle Möglichkeit zur besseren Paketverfolgung in dem neuen Quic-Protokoll . Mit dem Verweis auf RFC 7258 zeigen die "Ältesten" in ihrem Entwurf ebenfalls auf eine solche Diskussion, in der es um die Frage geht, welche Art der Netzwerküberwachung von Diensteanbietern und -betreibern zu weitreichend ist.
In derartigen Auseinandersetzungen stehen sich nicht nur verschiedene Interessengruppen innerhalb der IETF gegenüber. Oft beziehen auch einzelne Mitarbeiter ein und desselben Unternehmens unterschiedliche Positionen, die teils sehr weit auseinandergehen. Der von der IETF angestrebte Konsens kann so allerdings nicht erreicht werden. Das sorgt wiederum für weitere Auseinandersetzungen in der Community.



