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IAA 2019: PS-Wahn statt Visionen

IAA 2019
Alle Autobosse bekennen sich auf der IAA zur Nachhaltigkeit, doch auf den Ständen findet man weiterhin viele große, spritfressende Modelle. Dabei stellt sich die grundsätzliche Frage: Ist das Konzept der Automesse noch zeitgemäß?
/ Dirk Kunde
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Lamborghini präsentiert mit dem Sián den schnellsten jemals gefertigten Sportwagen in der Markenhistorie. (Bild: Dirk Kunde)
Lamborghini präsentiert mit dem Sián den schnellsten jemals gefertigten Sportwagen in der Markenhistorie. Bild: Dirk Kunde

"Der Weg in eine nachhaltige und individuelle Mobilität der Zukunft ist die tiefgreifendste Transformation, die unsere Branche je bewältigen musste" , sagte Bernhard Mattes, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), bei der Eröffnung der IAA im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Der Satz hat auch etwas sehr Persönliches, denn Mattes tritt Ende des Jahres von seinem Posten zurück. Er ist innerhalb der Interessenvertretung der deutschen Autobauer unter Druck geraten. Er soll die Herstellerinteressen gegenüber der Politik nicht energisch genug vertreten haben.

Dabei geben sich die Autobosse in ihren Reden auf der IAA extrem umweltbewusst. VW-Chef Herbert Diess präsentiert mit dem VW ID.3 das erste bilanziell CO2-freie Elektroauto. Produziert werde mit "Grünstom" , man biete Käufern entsprechende Stromtarife an, der Wagen werde recycelt und da, wo sich CO2 nicht vermeiden lasse, investiere Volkswagen zum Ausgleich in Klimaschutzprojekte.

Schreiende Niere

"Was die nächste Generation am meisten bewegt, ist der Klimawandel. Darum bewegt er auch uns. Wir sind dem Übereinkommen von Paris verpflichtet - genau wie seit 2001 dem UN Global Compact" , sagt BMW-Vorstandschef Oliver Zipse. Er spricht von "Technologieoffenheit" . Immerhin war BMW 2013 mit dem i3 der erste deutsche Autohersteller mit einem reinen Elektroauto. Seitdem ist nicht viel passiert. Auf dem Stand steht ein BMW X5, der eine Brennstoffzelle enthält.

Ab 2022 könnte es eine Kleinserie mit dem Namen BMW i Hydrogen Next geben. Viel mehr Interesse bei den Besuchern weckt der BMW Concept 4 in "Forbidden Red" mit einer obszön großen Niere. BMW ist so smart, sich beim Antrieb alles offenzuhalten. Das sportliche Coupé könne mit allen Antriebsarten betrieben werden, heißt es. Doch der Kühlergrill an der Spitze der langgezogenen Motorhaube schreit nur eins: "Aus dem Weg, hier komme ich und ich habe es eilig!"

Auferstehung Totgeglaubter

Während der VW ID.3 das Zeitalter emissionsfreier Elektromobilität für den Volkswagen-Konzern einläuten soll, zeigt man am Stand gegenüber den üblichen PS-Wahnsinn. Lamborghini präsentiert mit dem Sián den schnellsten jemals gefertigten Sportwagen in der Markenhistorie. Der 12-Zylinder-Motor bringt den Sportwagen auf 350 km/h. Das Feigenblatt: Es ist ein Mild-Hybridmotor. Verbrauchswerte gibt es noch keine, doch die übrigen Fahrzeuge der VW-Konzernmarke liegen bei rund 300 g/km.

Der vollelektrische ID.3 1ST (Herstellervideo)
Der vollelektrische ID.3 1ST (Herstellervideo) (00:44)

Mindestens 199 g/km stoßen die Motoren eines Totgeglaubten aus. Der Defender von Land Rover wurde seit drei Jahren nicht mehr gebaut. Es ist die Mutter aller Geländewagen. Wer eine Whiskybrennerei in den schottischen Highlands betreibt, mag so ein SUV benötigen. Warum man den 4,58 Meter langen und fast zwei Meter hohen Wagen durch deutsche Großstädte steuern sollte, bleibt schleierhaft. Auch Land Rover nutzt bei der Auferstehung das Feigenblatt eines Hybridantriebs.

Strafzahlungen für CO2-Ausstoß

Man gewinnt in Frankfurt den Eindruck, kein Automanager interessiere sich für die verschärften CO2-Grenzwerte ab 2021. Laut EU darf ein Neuwagen maximal 95 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen. Dies entspricht einem durchschnittlichen Verbrauch von 3,6 Liter Diesel oder 4,1 Liter Benzin. Mit den gezeigten SUVs und Sportwagen ist das nicht zu schaffen. Überschreitet der Flottendurchschnitt die Vorgabe, kostet jedes Gramm CO2 darüber 95 Euro - multipliziert mit der verkauften Stückzahl.

Um die CO2-Ziele in der Europäischen Union zu erreichen, müssten mehr als zwei Millionen E-Autos verkauft werden. 2018 waren es lediglich 200.000 Stück. Es drohen insgesamt Strafzahlungen von über 15 Milliarden Euro, schreiben die Berater von McKinsey & Company in ihrer Studie Mastering New Mobility. Die Unternehmensberatung PA Consulting hat bereits vor einiger Zeit ausgerechnet(öffnet im neuen Fenster) , dass auf Volkswagen 1,4 Milliarden Euro, auf BMW 200 Millionen und auf Daimler 190 Millionen Euro zukommen könnten. Innerhalb einer Gruppe dürfen die Emissionen verrechnet werden.

Mehr Anreize für Hersteller

Davon profitiert Jaguar-Land Rover. Laut PA drohen den Briten keine Strafzahlungen. Der elektrische Jaguar I-Pace macht es möglich. FiatChrylser, die nicht auf der IAA vertreten sind, nutzen die legale Pooling-Regel. Statt an die EU zahlt man an Tesla und beansprucht deren ungenutztes CO2-Kontingent .

Die CO2-Grenzwerte verringern sich bis 2025 nochmals um 15 Prozent und bis 2030 um 37,5 Prozent bezogen auf die 95-Gramm-Grenze. In den komplexen Regularien gibt es jedoch Ausnahmen, um bei den Herstellern Anreize für mehr Elektroautos zu schaffen. So werden die CO2-Grenzwerte abgeschwächt, wenn bis 2025 mehr als 15 Prozent aller verkauften Fahrzeuge einen emissionsfreien Antrieb haben. Bis 2030 liegt die Quote bei 37,5 Prozent aller verkauften Fahrzeuge.

Die Messe wird so nicht überleben

Wie sehr das Thema inzwischen in der breiten Öffentlichkeit angekommen ist, zeigen die Proteste. Bereits im Vorfeld hatte sich der VDA mit Umweltschutzorganisationen und Bürgern an einen Tisch gesetzt. Unter dem Schlagwort "Aussteigen" beteiligten sich über 25.000 Menschen an einer Sternfahrt und Demonstration in der Frankfurter Innenstadt. Am zweiten Publikumstag blockierten Menschen unter dem Schlagwort #SandimGetriebe(öffnet im neuen Fenster) den Haupteingang sowie mehrere weitere Eingänge zum Messegelände.

"So, wie die Messe jetzt ist, hat sie keine Überlebenschance" , sagt Kurt Sigl im Gespräch mit Golem.de. Er ist Präsident des Bundesverbands E-Mobilität (BEM). Der BEM vertritt die Interessen von rund 300 Firmenmitgliedern aus dem deutschsprachigen Raum sowie den Niederlanden.

Immer mehr Messen haben Auto-Themen

"Die Industrie hat aktuell viele Baustellen, die sie gleichzeitig bearbeiten muss. Sie muss als Reaktion auf die abkühlende Autokonjunktur die Kosten weiter senken und gleichzeitig massiv in E-Mobilität, Connectivity und autonomes Fahren investieren" , sagt Andreas Tschiesner, Leiter der europäischen Automobilberatung von McKinsey. Immer mehr Messen buhlen um sinkende Marketingbudgets. Die Autohersteller haben nicht nur die etablierten Automessen zur Auswahl (Genf, Paris, Detroit, Tokio, Shanghai). Aufgrund der Konnektivität im Fahrzeug gehen immer mehr Hersteller auf Technikmessen wie die CES in Las Vegas. Die Ifa in Berlin veranstaltete in diesem Jahr mit Shift Automotive eine Konferenz zur Zukunft der Mobilität.

Alles Gründe, warum in diesem Jahr rund 20 bekannte Automarken von Aston Martin über Fiat bis zu Toyota in Frankfurt fehlen. Gerade die Marken, die die meisten Elektroautos verkaufen, sind nicht mit einem Stand vertreten (Tesla, Renault, Nissan). BMW und Opel haben ihre Standflächen spürbar verkleinert. Wie der Besucherandrang bei der zehntägigen Messe ausfällt, muss man abwarten. Der Rekord lag 1989 bei 1,2 Millionen. Bei der IAA 2017 kamen 810.000 Besucher. Ein Altersproblem hat die Messe nicht: Der Durchschnitt liegt bei 34 Jahren und erstaunlicherweise sind 23 Prozent weiblich.

Aber die IAA hat schon andere Probleme überstanden. In den 1970er Jahren gab es eine Ölkrise. Darum entfiel 1971 die IAA ersatzlos. Braucht man noch eine Premierenmesse, wenn Porsche seinen Taycan eine Woche vorher mit einem globalen Event vorstellt ? Der VDA als Veranstalter muss zusammen mit den Herstellern das Konzept überarbeiten. Es gibt keinen Bestandsschutz für Messen, wie das Schicksal der Cebit eindrucksvoll belegt .


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