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Hyperschallwaffen: Hype um neue Raketentechnik

Russlands Militär hat mit der Kinschal erstmals eine neue Angriffswaffe eingesetzt. Sie ist Vorbotin eines Wettrüstens, bei dem auch China und Nordkorea führend sind.

Artikel von Matthias Monroy veröffentlicht am
Ein MiG-31-Überschalljet mit der Hyperschallrakete Kinschal (Bild von einer Militärparade am 9. Mai 2018 in Moskau) (Bild: Yuri Kadobnov / AFP via Getty Images)

Vor einer Woche hat die russische Luftwaffe das Dorf Deljatyn im Westen der Ukraine mit einer Hyperschallrakete vom Typ Kinschal ("Dolch") angegriffen, ein weiterer Angriff erfolgte im Süden des Landes in der Region Mykolajiw. Soweit die unbestrittenen Fakten. Ob im Westen wirklich ein unterirdisches Waffenlager und im Süden ein Treibstofflager getroffen wurde, und ob die Kinschal tatsächlich eine Wunderwaffe ist, darüber gehen die Meinungen auseinander.

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Wahr ist aber auch, dass es der erste Einsatz der Rakete in Kampfhandlungen war, nachdem sie Russlands Präsident Wladimir Putin vor vier Jahren stolz präsentiert hatte. Die beiden Treffer waren wohl auch als Geste der Überlegenheit hinsichtlich der NATO-Raketenabwehr gedacht. Putin hat damit seine Drohung wahr gemacht, russische Hyperschallwaffen würden "wie ein Meteorit, wie ein Feuerball einschlagen".

Extra-Schub durch Kampfjets

Die Kinschal ist eine Mittelstreckenrakete mit Feststoffantrieb, die auf der umgerüsteten Kurzstreckenrakete Iskander basiert. Ihre Nutzlast beträgt offiziellen Angaben zufolge 480 Kilogramm, möglich ist die Ausrüstung mit einem konventionellen oder einem nuklearen Sprengkopf. Ihre Reichweite gibt Russland mit 2.000 Kilometern an.

Mit dem Begriff Hyperschall werden Fluggeräte bezeichnet, die schneller als die fünffache Schallgeschwindigkeit fliegen (Mach 5). Die rund acht Meter lange Kinschal soll mit Mach 6 unterwegs sein. Möglich ist diese hohe Geschwindigkeit nur durch zusätzlichen Schub, den die Rakete durch ihr Ausklinken von Mach 2,7 schnellen Kampfjets des Typs MiG-31 erzielt.

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Im November 2020 beschäftigte sich die NATO mit den neuen Hyperschallwaffen. Ein damals erstelltes Dokument äußert Zweifel an den von Russland beschriebenen Fähigkeiten. Geargwöhnt wird, dass die Kinschal lediglich Mach 5 erreiche.

Unvorhersagbare Flugbahn

Jedoch betont die NATO auch, dass sie Abwehrmaßnahmen gegen die neuen Waffen entwickeln müsse. Die Flugbahn von am Boden abgeschossenen ballistischen Raketen beschreibt eine Parabel, dadurch ist sie weitgehend berechenbar. Bei der aus der Luft gestarteten und deshalb "semi-ballistischen" Kinschal ist dies jedoch kompliziert.

Je niedriger die Hyperschallrakete fliegt, umso später ist sie wegen der Erdkrümmung durch ein Radar zu erfassen. Ihre an die Luftströmung abgegebene kinetische Energie erzeugt eine wellenförmige Flugbahn, die Abfangmaßnahmen weiter erschwert.

Zudem soll die Kinschal manövrierbar sein und unvorhersagbare Muster fliegen, das könnte ein Abfangen durch gegnerische Raketenabwehrsysteme unmöglich machen. Erfahrungen damit gibt es noch nicht, auch deshalb sind die jetzigen Einsätze in der Ukraine bedeutsam.

Raketengleiter Avangard soll Mach 20 erreichen

Die Ankündigung Putins von 2018, dass das Land über Hyperschallwaffen verfüge, heizte einen Rüstungswettlauf an, in dem Russland führend ist. Seit 2019 will das Land auch den Hyperschallgleiter Avangard einsatzbereit entwickelt haben, der einen Teil seiner Flugbahn in der Stratosphäre zurücklegt und russischen Angaben zufolge Mach 20 erreichen soll.

Video: Raketenabwehrsystem Music - Elbit Systems (Trailer) [1:52]

Ein solches Hypersonic Glide Vehicle (HGV) wird mit einer ballistischen Rakete in bis zu hundert Kilometern Höhe in den Orbit transportiert und gleitet von dort in die Nähe des Ziels. Anschließend wird der Sprengkopf ausgeklinkt und rast, unterstützt von der Erdanziehungskraft, aus großer Höhe zu Boden.

Damit unterscheidet sich der Avangard auch von der Kinschal, die bis zum Einschlag Schub durch einen Raketenantrieb erhält.

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