Hyperloop Global Challenge: Jeder will den Rohrpostzug

Es waren nur wenige Sekunden, aber die könnten geschichtsträchtig sein: Am 11. Mai 2016 ließ das Unternehmen Hyperloop One einen Schlitten mit der Hyperloop-Antriebstechnik über eine Trasse bei Las Vegas im US-Bundesstaat Nevada flitzen - die erste Fahrt eines neuen Verkehrsmittels.

Ziel sei gewesen zu zeigen, dass es mit der Antriebstechnik möglich ist, in einer Sekunde aus dem Stand auf eine Geschwindigkeit von 160 Kilometern pro Stunde zu beschleunigen, sagt Knut Sauer, Leiter des Bereichs Geschäftsentwicklung bei Hyperloop One, im Gespräch mit Golem.de.
Hyperloop One hat vorher geübt
Eine solche Beschleunigung sei nicht dafür gedacht, dass Menschen sie aushalten. Es sei darum gegangen zu zeigen, dass die Technik funktioniert. Allerdings, so verrät Sauer, hätten sie das vorher schon einige Mal gemacht. Angesichts der Aufmerksamkeit wollte sich Hyperloop One nicht mit einem Fehlstart blamieren.

Als Nächstes wird der Schienenstrang verlängert, bis er lang genug ist, damit der Schlitten die geplante Reisegeschwindigkeit von etwa 1.200 Kilometern pro Stunde erreicht. Parallel baut Hyperloop One eine etwa drei Kilometer lange Röhre, in der Antriebs-, Schwebe- und Vakuumtechnik getestet werden sollen. Die Röhre soll noch in diesem Jahr fertig werden, so dass noch in diesem Jahr oder Anfang 2017 erste Tests darin stattfinden können.
Viele wollen den Hyperloop
Über mangelndes Interesse kann sich Sauer nicht beklagen. Die Zahl der Bewerber bei der Global Challenge(öffnet im neuen Fenster) sei groß. Das ist ein Standort-Wettbewerb für den Hyperloop: Bewerber sollen darlegen, warum ihre Stadt, ihre Region oder ihr Land besonders gut als Standort für eine Hyperloop-Trasse geeignet ist. Er müsse schon vorab stark aussieben, etwa indem er prüfe, ob ein Projekt überhaupt finanzierbar oder ob das Fahrgastaufkommen hoch genug sei.

Die Projektvorschläge seien sehr unterschiedlich, sagte Sauer. "Es kristallisieren sich verschiedene Use Cases heraus aus den Anfragen: Ein wichtiger Use Case sind Flughafenverbindungen" . Flughäfen sind meist weit vor den Toren einer Stadt und die Fahrt ins Zentrum ist entsprechend lang. Der einzige Magnetschwebezug im regulären Einsatz(öffnet im neuen Fenster) ist eine solche Verbindung, vom Flughafen Pudong geht es in etwa sieben Minuten zum Stadtrand von Shanghai. Ein vergleichbares Projekt vom Münchener Hauptbahnhof zum Franz-Josef-Strauß-Flughafen(öffnet im neuen Fenster) scheiterte hingegen.
Von Helsinki nach Stockholm in 30 Minuten
Das zweite Anwendungsszenario für den Hyperloop sind Mittelstrecken-City-to-City-Verbindungen, 600 bis 1.000 Kilometer. In Deutschland könnte das etwa eine Trasse von Hamburg nach München sein. Die Fahrt würde nur etwa eine Dreiviertelstunde dauern. Derzeit prüft Hyperloop One eine Trasse von Finnland über die Åland-Inseln nach Schweden. Sie soll die Hauptstädte Helsinki und Stockholm miteinander verbinden. Die Fahrt soll rund eine halbe Stunde dauern - die Fähre über die Ostsee benötigt 16 Stunden.

Auch Trassen, die nur für den Güterverkehr gedacht sind, stehen auf dem Plan. "Ich sehe sehr viel unterirdischen Güterverkehr, wie wir das in der Schweiz haben" , erzählt Sauer. "Und dann haben wir bei Hafenverbindungen viel Interesse." Container könnten nach dem Entladen des Schiffes direkt in einen Hyperloop verladen werden. Der könnte die Container dann beispielsweise zu einem Binnenhafen oder zu einer Verteilstelle im Landesinnern bringen.
Der Güterverkehr soll unter die Erde
In der Schweiz will das Unternehmen Cargo Sous Terrain(öffnet im neuen Fenster) den Güterverkehr zum Teil unter die Erde verlegen: Eine Trasse soll Genf über Bern und Zürich mit St. Gallen verbinden, Abzweigungen schließen unter anderem noch Basel und Luzern an. Was nach Science-Fiction klingt, hat eine breite Unterstützung in der Schweiz: Zu den Investoren und Partnern gehören unter anderem der Kanton Bern, die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), die Schweizerische Post und das Telekommunikationsunternehmen Swisscom - und jetzt auch Hyerloop One. Das Unternehmen soll die Transporttechnik liefern.
Die Projekte in der Schweiz und in Skandinavien sind nicht einfach nur Planspiele: In der Schweiz soll das erste Teilstück der Trasse zwischen Härkingen-Niederbipp und Zürich 2030 in Betrieb genommen werden. Die auf den Åland-Inseln ansässige Projektfirma FS Links(öffnet im neuen Fenster) , an der Hyperloop One beteiligt ist, prüfe, ob das Projekt machbar sei, sagte Sauer. In der ersten Hälfte der 2020er-Jahre könnte die dortige Trasse in Betrieb gehen.
Die Bahnen wollen hyperloopen
Zu den Interessenten gehören auch Bahngesellschaften, deren Geschäftsmodell Hyperloop eigentlich angreift. Die Deutsche Bahn ist Partner und unterstützt die Entwicklung des Hyperloops. Die staatliche französische Eisenbahngesellschaft Société Nationale des Chemins de Fer Français (SNCF) ist an Hyperloop One beteiligt. Die SNCF-Konzernleitung habe sich für das Investment eingesetzt, erzählt Sauer.
Das System Bahn werde immer unattraktiver, sagt Sauer. Das sei den Betreibern auch durchaus bewusst. Deshalb interessierten sie sich für das neue Transportmittel. SNCF wollte sich auf Nachfrage von Golem.de nicht zu den Gründen äußern, aus denen sich das Unternehmen an Hyperloop One beteiligt hat.
Hyperloop One wolle nicht mit den Etablierten konkurrieren. "Wir sehen uns nicht als Wettbewerber für eine Bahn" , sagt Sauer. "Warum soll ich mit meinem Hyperloop-Hut in Europa ein Transportmittel betreiben, wenn ich jemanden habe wie die SNCF oder die Deutsche Bahn, die das aus einer betrieblichen Perspektive sehr viel besser können als ich? Die wissen mit den Kunden umzugehen und die Kundenströme zu handhaben. Da muss ich ja nichts Neues erfinden."
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