Hydrogen Grand Prix: Formel H2 braucht 2 Gramm Wasserstoff
In Chemnitz? Natürlich in Chemnitz. Hier erforscht und baut das Fraunhofer-Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik (IWU)(öffnet im neuen Fenster) kompakte Speicherkraftwerke auf Wasserstoffbasis. Und hier entsteht gerade ein eigener Wasserstoffcampus der Technischen Universität – obendrein ist Chemnitz Kulturhauptstadt Europas 2025.
Das macht die sächsische Industriestadt zum perfekten Austragungsort der Weltmeisterschaften der wasserstoffbetriebenen Modellautos. 65 Teams aus 30 Ländern nehmen daran teil, die sich vorher in nationalen Wettbewerben für den H2 Grand Prix qualifiziert haben.
Bildung steht im Vordergrund
Grund genug, dass auch Golem vorbeischaut. Platz ist für die 500 Teilnehmer, eine knapp 100 Meter lange Strecke für die Modelle im Maßstab 1:10, eine Tribüne und jede Menge Aussteller im Kraftverkehr, einem ausgewachsenen Veranstaltungszentrum. Die gesamte Halle ist 4.000 Quadratmeter groß und war bis zu ihrer Sanierung komplett freitragend, laut Betreiber die größte ihrer Art in der DDR und deshalb ein Industriedenkmal.
In ihren Reden heben Sachsens Kultusminister und der Leiter des Fraunhofer IWU die Bedeutung der Veranstaltung, des Ortes und des Wasserstoffs hervor. Letzterer ist hier im Einsatz zu bestaunen.
Die kleinen Rennwagen, etwa 40 cm lang, werden als Baukasten bereitgestellt. Auch den Elektrolyseur gibt es dazu. In der Regel übernehmen Sponsoren die Kosten im vierstelligen Bereich. Die Schulen organisieren die Projektgruppen und führen spielerisch an die Erzeugung, Speicherung und Verwendung von Wasserstoff als Energieträger heran.
Kein Kinderspielzeug, sondern Wasserstoffflitzer
Zumal es die kleinen Kisten durchaus in sich haben. Die maximale Geschwindigkeit liegt bei 40 km/h, die auf der langen Geraden vor der Box auch erreicht wird. Insgesamt brauchen die Rennwagen durchschnittlich 30 Sekunden für geschätzte 100 Meter.
Die Disziplin an diesem Morgen ist Ausdauer. Gewonnen hat das Team, das die meisten Runden in den vorgegebenen 30 Minuten schafft. Heute greift offenbar der Heimvorteil, das Team Fox Racers aus dem 30 Kilometer entfernten Annaberg-Buchholz liegt klar in Führung.
Spannend ist jedoch vor allem, dass die Modelle derart lange durchhalten, sofern sie nicht durch Zusammenstöße gestoppt werden. Typischerweise hält so ein Akku in einem ambitionierten Modellauto keine 20 Minuten, bei vollem Tempo noch kürzer.
1 Gramm Wasserstoff hat es in sich
In den Rennwagen des Hydrogen Grand Prix ist ebenfalls ein kleiner Akku verbaut, aber eben auch zwei sogenannte Hydrostiks. Die fassen jeweils 10 Liter Wasserstoff. Das klingt nach viel, entspricht aber lediglich 1 Gramm H 2 .
Dennoch speichern zwei dieser Sticks dreimal so viel Energie wie die übliche Batterie. Die annähernd 70 Wattstunden liegen auf dem Niveau eines mittelgroßen Notebook-Akkus, der allerdings fast ein halbes Kilogramm wiegt. Für alle sieben Renntage dürfen gerade einmal 26 dieser kleinen Speichereinheiten genutzt werden, also nicht einmal 30 Gramm.
Damit wäre die Faszination, die die Technik in sich trägt, bereits erklärt. Mit einer winzigen Menge des unscheinbaren, extrem flüchtigen Gases lässt sich viel bewegen. Und weil es vorher mit etwas Solarstrom im schuleigenen Elektrolyseur gewonnen wurde, erweckt der Energieträger den Eindruck, dass er bestens verfügbar ist.
BMW zeigt den Gegenentwurf
Für die kleinen Rennwagen mag das auch gelten. Lokal produziert, direkt gespeichert und lokal verbraucht könnte Wasserstoff, einfach aus vorhandenem Wasser abgespaltet, ein Energiespeicher und -lieferant der Zukunft sein.
Das zeigt nicht zuletzt das Fraunhofer IWU in seiner nur wenige Hundert Meter entfernten Halle. Hier entstehen Wasserstoff-Microgrids(öffnet im neuen Fenster) , die genau diese Idee für eine dezentrale, aber stabile und rund um die Uhr verfügbare Stromquelle in die Realität umsetzen. Es ist sicherlich kein Zufall, dass die Leiterin der Fabrik, Ulrike Beyer, auch Mitorganisatorin des Hydrogen Grand Prix in Chemnitz ist.
Wasserstoffautos für die Zukunft? Aber nicht so.
Eine Reihe von Ausstellern macht an der Rennstrecke ebenfalls auf sich aufmerksam. Sachsen als Industriestandort und die Technische Universität Chemnitz werben um technisch begeisterte Fachkräfte von heute und morgen.
BMW hat einen wasserstoffbetriebenen iX5 in die Halle gerollt. Bewegen wird er sich an diesem Morgen nicht. Er zeigt jedoch, wie weit Wunsch und Wirklichkeit manchmal auseinanderliegen.
Das wuchtige SUV, das bereits in der Standardversion mehr als zwei Tonnen auf die Waage bringt, ist der komplette Gegenentwurf der auf Effizienz getrimmten Rennwagen. Weil die Brennstoffzelle gar nicht genug Strom liefern kann, sitzt ein zusätzlicher Akku mit 170 Kilowatt Leistung im Heck.
Der Wasserstofftank fasst gerade einmal 6 kg, was selbst bei der utopisch wirkenden Verbrauchsangabe von 1,19 kg auf 100 km nur für 500 km Reichweite genügt. Unabhängig davon, dass eine halbwegs realitätsnahe Fahrweise daraus 400 km machen dürfte, fragt man sich natürlich, weshalb BMW die eine Stärke des Wasserstoffs nicht offensiver aufgreift und 10 der 15 kg H 2 spendiert.
Oder noch verrückter: einen Wagen konstruiert hat, der tatsächlich nur 1 kg Kraftstoff benötigt und nicht auf 170 Kilowatt Zusatzleistung zurückgreifen muss.
Fossile Vergangenheit lässt nicht los
Natürlich ist der vorgestellte iX5 ein Prototyp, der mit einem zukünftigen Serienwagen kaum noch etwas gemein haben dürfte. Die Probleme einer Zukunft mit Wasserstoff werden jedoch offenkundig.
Ein solches Fahrzeug soll im besten Fall nicht mit Abstrichen kommen, muss die gleiche Leistung bieten, den gleichen Komfort. Dazu möge der Kraftstoff Wasserstoff dann bitte auch genauso allgegenwärtig verfügbar und idealerweise noch günstiger sein als derzeit Benzin und Diesel.
Genau das dürfte jedoch nicht oder zumindest nicht in absehbarer Zeit passieren. So bleibt die Erkenntnis, dass H 2 an der richtigen Stelle viel bewegen kann, aber bitte kein Luxus-SUV.
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