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Huaweis Eyewear 2 im Test: Tolle Bluetooth-Brille für Vieltelefonierer

Die neuen Eyewear 2 von Huawei sollen Kopfhörer und Brille in einem sein. Beim Telefonieren sind sie toll, beim Musikhören wird es allerdings lästig – für uns und für andere.
/ Ingo Pakalski
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Huaweis Bluetooth-Brille Eyewear 2 im Test (Bild: Huawei)
Huaweis Bluetooth-Brille Eyewear 2 im Test Bild: Huawei

Eine Brille mit integrierten Lautsprechern und Mikrofonen könnte klassische Kopfhörer überflüssig machen. Das ist jedenfalls das Ziel von Huawei mit der Bluetooth-Brille Eyewear 2 , die sich mit üblichen Brillengläsern nutzen lässt. Im Bügel der Brille befinden sich Lautsprecher und Mikrofone sowie die Elektronik samt Akku. Zumindest in einer Disziplin überzeugt die Idee.

Die Technik in den Brillenbügeln der Eyewear 2 macht sie im Vergleich zu einer herkömmlichen Brille zwar schwerer, beim Tragen fällt das höhere Gewicht aber nicht mehr negativ auf. Da sich die Lautsprecher im Brillenbügel befinden, bleiben die Ohren frei und wir können die Umgebungsgeräusche wahrnehmen. Umgekehrt bedeutet das, dass eine Abschottung von der Außenwelt wie mit ANC-Produkten nicht möglich ist.

Die Huawei-Brille ist nach IP54 zertifiziert und somit gegen Staub und Spritzwasser geschützt. Für eine Brille ist das auch notwendig. Es wäre unpraktisch, wenn wir die Brille bei Regen absetzen müssten.

Das legt Huawei der Eyewear 2 bei

Zum Lieferumfang der Eyewear 2 gehören ein Brillenetui, ein Putztuch sowie ein Ladeadapter. Ein USB-C-Ladekabel oder Netzteil sind nicht dabei. Der Ladeadapter hat einen USB-C-Anschluss und zwei magnetische Ladeanschlüsse, die ans Ende der Brillenbügel gesteckt werden, um den Akku im Brillenbügel laden zu können. Durch die magnetischen Ladeanschlüsse ist das Anklippen bequem, die Akkus sind in knapp einer Stunde geladen.

Beim Musikhören konkurriert die Eyewear 2 mit anderen Open-Ear-Produkten, die ebenfalls darauf ausgerichtet sind, den Gehörgang möglichst freizuhalten oder zumindest nicht abzudichten. Wir verglichen die Brille mit Huaweis Freeclip , den Openfit von Shokz und den Link Buds von Sony (g+) . Alle drei befinden sich dichter am Gehörgang als die Brillenbügel der Eyewear 2 – und das hört man auch.

Musikhören mit der Eyewear 2 macht keine Freude

Der Klang der Eyewear 2 gefällt uns nicht. Die Musik klingt nicht nur weit weg, sie ist auch nicht klar genug. Es gibt keinen Bass, die Mitten sind zu schwach ausgeprägt. Der Klang ist wenig dynamisch. Es macht keine Freude, damit Musik zu hören. Wir können uns das nicht einmal zur Hintergrundberieselung vorstellen.

Das liegt auch daran, dass die ohnehin geringe Klarheit beim Klang noch mehr nachlässt, wenn wir die Lautstärke verringern. Das wirkt, als sei die Musik hinter einer Absperrung. Damit wir einen halbwegs passablen Klang erhalten, müssen wir also vergleichsweise laut stellen.

Die Eyewear 2 beschallt die Umgebung besonders laut

Das führt zu einem weiteren Nachteil: Wir beschallen die Umgebung dann besonders laut mit unserer Musik. Dabei wollte Huawei verhindern, dass genau das passiert. Bei den drei anderen Open-Ear-Produkten ist dieser Effekt längst nicht so ausgeprägt; die Musik ist für andere leiser zu hören als bei der Eyewear 2. Und nicht wundern: Wenn die Brillenbügel beim Musikhören berührt werden, ist ein starkes Vibrieren an den Fingern zu fühlen. Am Kopf merkt man es nicht.

Alle drei Konkurrenzprodukte lassen die Huawei-Brille klanglich weit hinter sich. Von den genannten Open-Ear-Produkten gefällt uns der Klang der Freeclip von Huawei am besten, sie können zu mehr als zur Hintergrundberieselung verwendet werden. Im Vergleich zu einem ANC-Hörstöpsel der Oberklasse ist die Huawei-Brille damit noch weiter abgeschlagen.

Dafür hat uns die Sprachqualität bei Telefonaten der Eyewear 2 gut gefallen.

Eyewear 2 liefert eine hohe Sprachqualität

Wenn wir mit der Huawai-Brille telefonieren, erhalten wir die gleiche vorbildliche Sprachqualität wie bei den Freeclip. Denn störende Umgebungsgeräusche werden wirksam unterbunden, so dass wir für die Gesprächspartner immer gut zu verstehen sind. In Innenräumen ist Geschirrgeklapper oder ein fließendes Wasser aus dem Wasserhahn nur sehr leise im Hintergrund zu hören, wenn überhaupt.

Das Schreiben auf einer leisen Tastatur bemerkt die Gegenseite nicht, bei lauteren Tastaturen sind die Tippgeräusche angenehm gedämpft. Dafür sorgt eine gelungene KI-Geräuschunterdrückung, die auch draußen gute Ergebnisse liefert: Vorbeifahrende Autos werden für die anderen ausgeblendet.

Wir selbst sind mit der Eyewear 2 in jeder Situation gut für andere zu verstehen. Umgekehrt ist das nicht unbedingt so. In Telefonaten kann es in einer lauteren Umgebung vorkommen, dass wir den Gesprächspartner nicht gut hören können. Das ist ein typisches Open-Ear-Problem und keine Besonderheit der Huawei-Brille.

Typische Einschränkungen von Open-Ear-Produkten

Ein weiteres gängiges Problem von Open-Ear-Produkten: In direkter Umgebung können Gespräche mitgehört werden. Das Problem ist bei der Huawei-Brille nur minimal ausgeprägter als bei konkurrierenden Produkten. Huawei-typisch fehlt auch bei der Bluetooth-Brille eine Mikrofonsteuerung direkt am Gerät. In Anbetracht der guten Telefonieleistung ist das bedauerlich.

Für die Bedienung der Eyewear 2 hat Huawei Sensorflächen an den Außenseiten der Brillenbügel integriert. Mit einem Doppeltipp können wir Musik anhalten oder fortsetzen sowie Anrufe annehmen. Die Sensorfläche zieht sich fast über den gesamten Brillenbügel, so dass diese Funktionen auch zur Verfügung stehen, wenn wir nicht im vorderen Bereich der Bügel tippen, wie es Huawei in der Anleitung vorgibt.

Steuerung der Eyewear 2 ist gut

Wischen wir am Bügel entlang, stellen wir die Lautstärke je nach Richtung lauter oder leiser, das ist intuitiv gelöst. Bei Bedarf kann so ein Titelsprung vorgenommen werden, dann ist auf der einen Bügelseite die Lautstärkeregelung abgeschaltet. Einen eingehenden Anruf können wir ablehnen, indem wir länger auf den Bügel drücken. Nachteil der Sensorflächen: Eine zuverlässige Steuerung mit herkömmlichen Handschuhen ist nicht möglich.

Wie bei anderen Huawei-Kopfhörern gibt es bei der Brille ebenfalls eine Trageerkennung. Nehmen wir die Brille ab, wird die Musikwiedergabe angehalten; sie läuft weiter, wenn wir die Brille wieder tragen. Es dauert jeweils zwei bis drei Sekunden, bis die Musik verstummt oder wieder startet. Diese vergleichsweise lange Verzögerung kennen wir von anderen Huawei-Produkten nicht.

Die Elektronik der Eyewear 2 lässt sich nicht abschalten

Wenn wir die Brille länger als drei Minuten absetzen, wird die Musikwiedergabe nicht fortgesetzt. Das hat mit einem Stromsparmodus der Brille zu tun, der die Elektronik in einen Schlafmodus versetzt, sobald die Brille länger als drei Minuten nicht getragen wird. Die Zeitspanne können wir nicht anpassen. Wie sinnvoll eine solche Trageerkennung bei einer Lautsprecherbrille ist, sei dahingestellt.

Sobald die Brille getragen wird, ist die Elektronik und damit auch Bluetooth immer eingeschaltet. Es gibt keine Möglichkeit, die Technik innerhalb der Brille abzuschalten. Die Brille müsste nicht nur nachts, sondern auch tagsüber aufgeladen wenn, wenn jederzeit der volle Funktionsumfang der Brille zur Verfügung stehen soll.

Denn mit einer Akkuladung ist keine ganztägige Bedienung aller Funktionen möglich.

Akkulaufzeit reicht nicht für einen kompletten Tag

Beim Telefonieren mit der Brille nennt Huawei eine Akkulaufzeit bis zu neun Stunden, so dass sie während eines etwas längeren Arbeitstags nutzbar ist. Wer die Telefonfunktionen auch in der Freizeit haben möchte, müsste die Brille absetzen und aufladen. Wenn bei einem starken Sehfehler keine Ersatzbrille vorhanden ist, bedeutet das entsprechende Einschränkungen. Das Problem ließe sich umgehen, wenn sich die Brillentechnik zwischenzeitlich ganz abschalten ließe.

Die Eyewear 2 nutzt Bluetooth 5.3; zu den unterstützten Bluetooth-Codecs gehören SBC und AAC. Es gibt Bluetooth-Multipoint, um die Brille an bis zu zwei Geräten parallel nutzen zu können. Wir können also mühelos zwischen den Geräten wechseln, Videokonferenzen am Tablet machen und direkt Anrufe am Smartphone führen.

Als Besonderheit kann bei aktiviertem Bluetooth-Multipoint ein bestimmtes Gerät priorisiert werden, um den Verbindungsaufbau zu beschleunigen. Erfreulicherweise können wir bei einer Multipoint-Verbindung auf beiden Geräten die App nutzen.

Bluetooth-Kopplung mit Tücken

Das Verbinden der Brille mit einem zweiten Bluetooth-Gerät ist vergleichsweise umständlich. In der Anleitung werden nur die beiden Möglichkeiten ohne App beschrieben: Wenn die Brille geladen wird, kann der Kopplungsmodus aktiviert werden, indem eine Taste am Ladeadapter vier Sekunden gedrückt wird.

Ansonsten lässt sich der Kopplungsmodus beim Tragen der Brille aktivieren, indem die Sensorflächen an beiden Bügeln gleichzeitig mindestens vier Sekunden gedrückt gehalten werden. Die bequemste Variante ist für uns die Möglichkeit, den Kopplungsmodus aus der Huawei-App heraus zu aktivieren. Schade nur, dass diese Möglichkeit in der Anleitung nicht erwähnt wird.

Tolle App für Eyewear 2

Für die Eyewear 2 gibt es Huaweis AI-Life-App für Android und iOS, die auch für die Kopfhörerprodukte des Herstellers verwendet werden. Derzeit ist die Installation der AI-Life-App unter iOS einfacher als unter Android, weil die AI-Life-App nur abseits des Play Store zu bekommen ist. Am einfachsten ist die AI-Life-App über die Huawei-Webseite(öffnet im neuen Fenster) herunterzuladen und zu installieren. Praktischerweise hat die Android-Version der App ein integriertes Update-System.

Die Huawei-App benötigt erfreulicherweise weder eine GPS-Aktivierung noch ein Nutzerkonto; sie ist schnell gestartet und verbindet sich zügig mit der Brille. Das alles ist lobenswert, weil nicht selbstverständlich. Die App ist gut strukturiert; der Ladestand der Eyewear 2 wird genau in Einerschritten angezeigt – vorbildlich.

Wie bei anderen Huawei-Kopfhörern gibt es die Einstellungen rund um Bluetooth-Multipoint nur in der Android-App, der iPhone-App fehlen sie. Immerhin ist Multipoint standardmäßig aktiv, so dass sich die Funktion mit einem iPhone problemlos nutzen lässt. In der App gibt es keine Möglichkeiten, den Klang anzupassen, wie es sonst bei Huawei-Produkten üblich ist.

Außerdem lassen sich in der App die Funktionen für die Steuerung in Grenzen umbelegen. Firmware-Updates werden ungewöhnlich schnell installiert und lassen sich manuell steuern.

Huawei Eyewear 2 im Test: Verfügbarkeit und Fazit

Die Eyewear 2(öffnet im neuen Fenster) kam im November 2023 auf den deutschen Markt, ist allerdings vier Monate später weder im Handel noch direkt bei Huawei zu bekommen. Derzeit nennt Huawei keinen Termin, wann die Brille wieder verfügbar sein wird.

Wir haben das Modell mit der Bezeichnung rechteckige Halbrandbrille in Schwarz getestet. Ein anderes Design gibt es mit der Browline-Brille in Titansilber. Für beide Modelle hat Huawei jeweils einen Listenpreis von 300 Euro festgelegt.

Bisher gibt es keinen Vertrieb über Optiker, das ist für eine Brille ungewöhnlich. Interessenten haben keine Möglichkeit, sich vor dem Kauf der Brille von einem Optiker beraten zu lassen, ob das Gestell zum Gesicht passt und ob die verwendeten Gläser damit genutzt werden können. Interessenten müssen erst die Brille bezahlen und können sich dann vom Optiker beraten lassen.

Fazit

Huaweis neue Lautsprecher-Brille Eyewear 2 ist gut für alle Brillenträger geeignet, die viel telefonieren. Für Anrufe brauchen sie keine Hörstöpsel ein- oder Kopfhörer aufzusetzen und können immer alles in der Umgebung wahrnehmen. Hierbei überzeugt die Huawei mit einer sehr guten Unterdrückung von Hintergrundgeräuschen bei Telefonaten, zumindest für die Gegenseite.

Viele Hintergrundgeräusche sind für Gesprächspartner nicht hörbar und wenn, dann meist so leise, dass man gut zu verstehen ist. Leider typisch für Huawei-Produkte: Eine Mikrofonsteuerung fehlt, was in Anbetracht der sehr guten Leistung bei der Anrufqualität schade ist.

Mit der Klangqualität beim Musikhören sind wir unzufrieden. Die Eyewear 2 klingt schlechter als andere aktuelle Open-Ear-Produkte, mit denen wir verglichen haben. Außerdem wird die Umgebung laut mitbeschallt, was wir als unangenehm empfinden. Bei niedriger Lautstärke verschlechtert sich die ohnehin bescheidene Klangqualität noch mal erheblich – so möchten wir keine Musik hören.

Die Brille bietet erfreulicherweise Bluetooth-Multipoint, es gibt dafür eine zuverlässig arbeitende App. Allerdings hat die Apple-Variante der App aus unerfindlichen Gründen weniger Funktionen – wie bei anderen Huawei-Bluetooth-Produkten. Die Steuerung der Anruf- und Musikfunktionen ist gelungen, aber es gibt nur wenige Anpassungsmöglichkeiten.

Mit einer Akkulaufzeit von neun Stunden beim Telefonieren kann es bei einem längeren Arbeitstag knapp werden. Wenn die Brille nach Feierabend genutzt werden soll, müsste sie während des Tages aufgeladen werden. Bei einer höheren Fehlsichtigkeit ist das nicht ohne weiteres möglich, wenn keine zweite Brille vorhanden ist.

Ärgerlich ist, dass sich die Elektronik in der Brille nicht abschalten lässt, um die Akkulaufzeit zu verlängern. Denn die Eyewear 2 liefert keine ausreichende Akkulaufzeit, um die Brille mit allen Funktionen einen kompletten Tag nutzen zu können. Das ist schade.

Ingo Pakalski hat in den vergangenen sechs Jahren schon viele Dutzend Kopfhörer pro Jahr getestet – ob In-Ears, Over-Ears oder Open-Ears. Nur sehr selten stößt er dabei auf Geräte, die er guten Gewissens empfehlen kann.


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