Huawei: Ohne Rücksicht
Huawei-Chef Ren Zhengfei gibt Journalisten nur selten Interviews. Überhaupt meidet er die Öffentlichkeit. Zu Transparenz sind die meisten Konzerne in der Volksrepublik China nicht verpflichtet. Huawei ist da besonders verschlossen, normalerweise. Doch die Zeiten für Chinas erfolgreichsten Technologiekonzern sind nicht normal. Weltweit gibt es Bedenken, die von Huawei gelieferte Ausrüstung sei ein Sicherheitsrisiko.
Die Angst geht um, das Unternehmen könnte im Auftrag von Chinas kommunistischer Führung Spionagetechnik eingebaut haben. Die USA haben Huawei-Netzwerktechnik bereits verbannt. Die Regierung drängt auch andere Staaten dazu, beim Ausbau ihrer Netzwerke auf Technik der Chinesen zu verzichten. Australien, Neuseeland und andere sind dieser Aufforderung bereits gefolgt.
Die Firmenleitung von Huawei hat daher nun eine PR-Offensive gestartet und ihre Dependancen weltweit dazu angehalten, mit Journalistinnen und Journalisten in Kontakt zu treten, Pressegespräche zu organisieren, zu twittern und Interviews zu geben. Vergangene Woche lud der Konzern deutsche Reporter zur Besichtigung des Cyber-Sicherheitslabors von Huawei nach Dongguan in Südchina ein.
Kurz vorher gab Gründer und Aufsichtsratsvorsitzender Ren der Financial Times ein Interview. Darin beteuerte er: Huawei habe "niemals eine Anfrage von einer Regierung erhalten, regelwidrige Informationen zu übermitteln". Und: "Ich liebe mein Land, ich unterstütze die Kommunistische Partei, aber ich werde niemals etwas tun, was irgendeinem Land in der Welt schadet."
Die Anklageliste der USA ist lang
Huawei ist ein privat geführtes Unternehmen. Firmengründer Ren gehören 1,4 Prozent des Unternehmens. Den Rest halten rund 80.000 der insgesamt 180.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wer von den Anteilseignern aus dem Unternehmen ausscheidet, muss seine Anteile verkaufen. Die Führung der Kommunistischen Partei Chinas (KP) hängt nicht mit drin, versichert das Unternehmen. Trotzdem ist Huawei zu einem Politikum und zur Zielscheibe der USA geworden.
Die zuletzt erhobenen Vorwürfe wiegen schwer. Finanzbetrug, Diebstahl von Geschäftsgeheimnissen, Verschwörung, Behinderung der Justiz, Verstöße gegen Sanktionen – das sind die offiziellen Anklagepunkte des US-Justizministeriums gegen den Technologiekonzern.
Vordergründig geht es um den Iran und Industriespionage. Huawei habe über zwei Tochterunternehmen Geschäfte mit dem Mullah-Regime gemacht und damit gegen bestehende Sanktionen verstoßen. Mitangeklagt ist auch Finanzchefin Meng Wanzhou, die Tochter des Konzerngründers. Kanadische Behörden hatten sie auf Geheiß der USA im Dezember festgenommen. Ihre Auslieferung in die USA ist bereits beantragt.
Ein weiterer Vorwurf geht auf das Jahr 2013 zurück. Damals war ein Huawei-Mitarbeiter aufgeflogen, als er bei einer Besichtigung beim US-Ableger von T-Mobile Baupläne eines Roboters stehlen wollte. Das hatte zu einer milden Zivilstrafe geführt. Trotzdem hat die US-Justiz den Fall wieder hervorgeholt, um nun mit vollem Geschütz gegen Huawei vorzugehen.
Die Spionagevorwürfe sind dünn
Sehr viel geschäftsschädigender für das Unternehmen wirken sich jedoch die Spionagevorwürfe aus, die die USA schon seit geraumer Zeit erheben. 2012 hatten US-Geheimdienste erstmals gewarnt, Huawei könnte über seine gelieferte Netzwerktechnik im Auftrag von Chinas kommunistischer Führung sicherheitsrelevante Daten abgreifen. Kongressabgeordnete sowohl der Demokraten als auch der Republikaner schlossen sich dieser Kritik an. Als Beleg genügte ihnen unter anderem die Erkenntnis, dass Huawei-Chef Ren einst Ingenieur der Volksbefreiungsarmee war und bis heute Mitglied der Kommunistischen Partei ist. Entsprechend würde er enge Verbindungen zur chinesischen Staats- und Parteiführung pflegen.
Diese sind auch nicht von der Hand zu weisen. Allerdings sind alle großen Firmen in China auf Kooperation mit der chinesischen Führung angewiesen und die meisten großen Unternehmer auch Mitglied der KP. Parteisekretäre sind in allen Firmen sogar vorgeschrieben. Das gilt auch für ausländische Firmen, die in China aktiv sind. Die Vorwürfe gegen Huawei verblassten 2013 zunächst. Der Grund war der Whistleblower Edward Snowden. Er hatte damals enthüllt, dass es die amerikanische NSA war, die sich genau dieser Mittel bedient. Sie baute bei Systemen des US-Netzwerkausrüsters Cisco sogenannte Hintertürchen ein, um an Daten zu gelangen. Beweise gegen Huawei haben US-Geheimdienste der Öffentlichkeit hingegen nicht präsentiert.
Trotzdem ist Huawei in den USA weitgehend vom Netzwerkmarkt verbannt. Und die US-Regierung drängt auch andere Regierungen dazu, beim Ausbau des 5G-Netzwerkes auf Huawei-Ausrüstung zu verzichten. Die Bundesregierung zögert noch. Doch auch hier werden Warnungen laut, auf die Technik der Chinesen zu verzichten.
Wie gefährlich ist Huawei?
Ren begann das Geschäft Ende der Achtzigerjahre in der chinesischen Sonderwirtschaftszone Shenzhen mit dem Verkauf von Telefonanlagen aus dem benachbarten Hongkong. Später spezialisierte er sich auf die Entwicklung von Netzwerktechnik. Die chinesische Führung förderte seine Firma früh, denn sie sollte den Druck ausländischer Konkurrenten im Telekommunikationsbereich lindern.
Heute ist Huawei der weltweite Marktführer beim Verkauf von Netzwerktechnik. Der chinesische Konzern ist nach eigenen Angaben in mehr als 170 Ländern aktiv und stattet 45 der 50 führenden Telefonanbieter aus. Mit dem Verkauf von Smartphones hat Huawei sogar Apple eingeholt und liegt nun knapp hinter Samsung auf Platz zwei. Der Erfolg macht Huawei im eigenen Land zum Vorbild – zumal die chinesische Führung mit der industriepolitischen Kampagne Made in China 2025 mithilfe massiver staatlicher Hilfe nichts Geringeres vorhat, als in den nächsten Jahren zur führenden Technologienation aufzusteigen. Diese Form der Industriepolitik stört aber die USA. Nicht zuletzt deswegen hat Präsident Donald Trump den Handelsstreit mit China entfacht.
Aus US-Sicht steht Huawei an der Spitze einer unfairen Subventionspolitik durch die chinesische Führung. Obwohl das Unternehmen eigenen Prognosen zufolge 2018 einen Umsatz von mehr als 100 Milliarden Dollar gemacht hat, bekam Huawei allein 2017 aus der chinesischen Staatskasse rund 175 Millionen Dollar für Forschung und Entwicklung. Huawei gibt damit insgesamt zehn Prozent mehr für Forschung aus, als dem US-Konzern Apple zur Verfügung stehen.
Politische Motive spielen eine Rolle
Dass das US-Justizministerium mit der Anklage gegen Huawei politische Motive verfolgt, hat Trump selbst zugegeben, als er andeutete, die Anklage gegen die Huawei-Finanzchefin könne als Teil einer Einigung im Handelsstreit fallen gelassen werden. Dan Wang, Analyst beim unabhängigen Forschungshaus Gavekal, bezeichnet den Konflikt um Huawei und den Handelsstreit als "Kampf um die technologische Vorherrschaft".
Huawei ist zwar Angriffsziel der US-Regierung, doch dem chinesischen Unternehmen könnte am Ende eine Schlüsselrolle zukommen. Zwar verkauft Huawei nur wenig Technik in den USA. Zugleich ist der Tech-Konzern bedeutender Abnehmer von US-Technologien. Flex, Broadcom, Qualcomm, Seagate, Micron, Intel und Qorvo verkauften 2017 Ausrüstung im Wert von jeweils mehr als 90 Millionen Dollar an Huawei. Diese Firmen könnten die US-Regierung dazu drängen, bei der Einführung von Exportkontrollen einen "vernünftigen Ansatz" zu verfolgen, vermutet Analyst Wang.
Laut Wang wäre das eine Art Einigung, die so aussehen könnte: Die US-Regierung schaltet beim Vorgehen gegen Huawei etwas runter. Dafür gewährt der Konzern US-Kontrolleuren Einblick in seine Technik, um sicherzustellen, dass Huawei keine Spionagetechnik einbaut.
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