Horizon Forbidden West: Aloys Gesicht hat Charakter und das ist gut so
Ist sie zu dick, zu rund? Passt das überhaupt zu einer Figur, die offensichtlich stundenlang im Gras rollt und an Bergen entlangklettert? Teile der Gaming-Community halten das neue Aussehen der Heldin Aloy für unpassend . Sie hätten lieber eine komplett athletische, aus ihrer Sicht femininere Version der Hauptfigur in Horizon: Forbidden West. Schließlich sei sie 2017 im ersten Teil der Serie doch schöner gewesen. Body Shaming in Games passiert fast nur bei Frauen – aber es wird besser.
Ich bin der Meinung: Ein in irgendeiner Form besonderes Aussehen verleiht Hauptfiguren Charakter und macht sie umso interessanter. Genauso sieht es bei Aloy aus: Was ist zwischen den beiden Horizon-Spielen passiert? Welche Geschichten kann die toughe Abenteuerin erzählen? Solche Fragen könnten über das Äußere bereits aufkommen und machen Lust, selbst Teil der Story zu werden.
Es ist bedauerlich, wenn auch nicht verwunderlich, dass im Jahr 2021 einige Menschen noch immer eine Lara Croft aus den ersten Tomb-Raider-Titeln als optimale Blaupause für Heldinnen sehen: großbusig mit Wespentaille und faltenfreier Haut. Generell scheint die Diskussion vermehrt bei weiblichen Protagonistinnen hochzukochen. Kaum jemand beschwert sich über einen halbglatzigen Trevor aus GTA 5 oder einen saufenden, rauchenden und heruntergekommenen Max Payne.
Wenn eine bildhübsche Figur wie Aloy aber auf einmal minimal anders aussieht als die gewohnte Figur aus dem ersten Teil, dann kann es nicht mit rechten Dingen zugehen – zumal im Trailer sicher auch die Kameraperspektive und die wesentlich höher auflösenden Texturen von Horizon: Forbidden West zum veränderten Aussehen beitragen. Zusammen mit sichtbar flüssigeren Gesichtsanimationen durch Motion Capturing sind die Unterschiede definitiv erkennbar: Die Figur sieht echter und wesentlich besser aus.
Es tut sich was in der Community
Ich bin allerdings positiv überrascht, dass die Gaming-Community spürbar diverser wird und sich viele Menschen auf Plattformen wie Reddit, Twitter, Twitch, Youtube und Co. für charakterstarke Frauen in Spielen aussprechen. Aloy macht das besonders deutlich. Gerade bei den Zockerinnen kommt sie sehr gut an(öffnet im neuen Fenster) , sieht sie für viele natürlich und nicht unnahbar aus. Es ist sehr von Vorteil, dass Gaming als Hobby auch bei immer mehr Frauen ankommt. Eine Geschlechterdiversität bringt auch Diversität bei den Spielen selbst.

Aber auch bei der männlichen Community setzen sich immer größere Teile für interessante Charaktere ein, deren Gesichter bereits eine Geschichte erzählen. So sind unter den derzeitigen Aloy-Tweets viele männliche Gamer für das Design der Figur. Auch auf Youtube reden Content-Ersteller über die Figur – überwiegend im guten Sinne.
Der kleiner werdende Teil, der sich Fantasiemaße von Lara Croft und Co. aus den 90er Jahren zurückwünscht, scheint dafür bissiger zu werden. In der Debatte um Aloys Aussehen wurden Männer auf Twitter(öffnet im neuen Fenster) etwa als Beta-Males bezeichnet, weil sie die Designentscheidungen verteidigen. In einer anderen Debatte um den Charakter Abby in The Last of Us 2 wurde dem Entwicklerstudio sogar mit Mord gedroht .
Soziale Medien geben der Minderheit, wie bei allen anderen Debatten auch, eine starke Plattform zur Meinungsäußerung. Daher ist es gut, dass sich auf der anderen Seite überwältigend viele Menschen für Diversität aussprechen, teilweise direkt unter den Posts der Kritiker.
Nun sollten die Spielestudios selbst noch aktiver werden.
Spielestudios sind im Zugzwang
Die Spielerschaft ist meiner Beobachtung nach teilweise sogar etwas weiter als die Entwicklerbranche an sich. Gerade im Bereich der Rollenspiele, in denen wir unsere eigenen Charaktere erstellen können, fehlt es mir noch immer an Diversität. Möchte ich etwa einen dicken und bärtigen Mann oder eine dicke und kahlköpfige Frau spielen, weil es beispielsweise zum Narrativ meines Charakters passt, gibt es fast nie eine Möglichkeit dazu. Stattdessen ist unser Alter Ego oft durchtrainiert, sexy und athletisch – ein Schönheitsideal eben.
Das wird in einigen koreanischen und japanischen Rollenspielen besonders deutlich. Denn in Games wie Black Desert Online wird die Klasse sogar an das Geschlecht gekoppelt und diese Geschlechter weisen zusätzlich übertriebene Proportionen auf. Männliche Figuren tragen im Fantasy-Setting reich verzierte und absolut unhandliche übergroße Schulterpanzer. Bei Frauen wird dann möglichst viel Haut gezeigt und von möglichst wenig Rüstung verdeckt.
Gaming ist eine Flucht von der Realität
Die meisten Menschen werden mit Supermodels und Bodybuildern als Figur glücklich sein. Schließlich bedeutet das Eintauchen in Sci-Fi- und Fantasy-Welten auch eine Flucht vor der Realität, eine Pause vom echten Leben. Da können Dinge auch gern besser als die Wirklichkeit aussehen.
Es sollte trotzdem stets die Möglichkeit für Entfaltung offengelassen werden. Klar kostet das Entwicklerressourcen, wenn Rüstungen und Kleidung in Spielen etwa für verschiedene Körperformen angepasst werden müssen. Ich, der in eigentlich jedem Spiel lieber einen dicken bärtigen Zwerg oder einen buckligen Orc mit schlechten Zähnen spielt, würde mehr Auswahl in Spielen begrüßen.
Der Bedarf nach offensichtlichen und sexualisierten Stereotypen ist in vielen Games aber noch immer vorhanden, wenn auch manchmal etwas versteckt. Nicht umsonst existiert etwa eine rege Modding-Szene um Spiele wie The Elder Scrolls V: Skyrim und Fallout 4. Die meistgenutzten Mods drehen sich um Nacktheit und individuelle, möglichst athletische Körper mit definierten Muskeln, großen Brüsten und kleinen Pos.
Auf der Webseite Twitch, die eigentlich ausschließlich als Gaming-Plattform angefangen hat, räkeln sich derweil immer mehr Frauen vor der Kamera und in aufblasbaren Swimming-Pools. Zuvor saßen Streamerinnen teilweise mit sehr freizügigem Dekolleté vor dem Rechner. Parallel rasselte es Spenden durch die Zuschauerschaft.
Ganz divers und erwachsen ist die Gaming-Community also noch nicht. Das kann allerdings genauso von unserer Gesellschaft im Ganzen gesagt werden. Hoffentlich bleibt der Trend zu mehr Diversität; denn wer möchte im Leben schon ausgeschlossen werden?
IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach).
- Anzeige Hier geht es zu Horizon Forbidden West bei Amazon Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.



