Honor 6 im Test: Der Beinahe-Flagship-Killer-Killer

Huawei vermarktet seine günstigen Honor-Smartphones schon seit längerem in Asien, jetzt kommen die Modelle als eigenständige Tochtermarke des chinesischen Herstellers auch nach Deutschland. Den Anfang macht das Honor 6 , das als Modell H60-L04 mit den für Deutschland passenden LTE-Frequenzen erscheint. Die Ausstattung ist üppiger, als der Preis von 300 Euro erwarten lässt. Damit könnte das Honor 6 zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten für das Oneplus One werden, das seinerseits eine Alternative zu den aktuellen Topmodellen ist.

Das IPS-Display des Honor 6 ist 5 Zoll groß und hat eine Auflösung von 1.920 x 1.080 Pixeln, was eine Pixeldichte von 440 ppi ergibt. Dementsprechend scharf werden Bildschirminhalte angezeigt. Das Display ist blickwinkelstabil, Farben werden kräftig, aber noch natürlich angezeigt. In den Einstellungen kann der Nutzer die Farbtemperatur nach Belieben regeln, wir fanden die Standardeinstellung jedoch bereits sehr gut.







Das Gehäuse des Honor 6 ist aus Kunststoff, die Rückseite wirkt wie Glas, ist aber ebenfalls Kunststoff. Die Oberfläche zerkratzt sehr leicht, Honor liefert vorsichtshalber gleich eine Schutzfolie mit. Auch eine Folie für die Frontseite ist beigelegt, wobei diese dank Gorilla Glass 3 nicht nötig sein dürfte.
Der Rahmen des Honor 6 sieht auf den ersten Blick aus wie Metall, besteht aber aus silbernen Kunststoff. Auf der rechten Seite sind die Einschübe für die Micro-SIM- und die Micro-SD-Karte untergebracht, sie werden von einer gut schließenden Klappe verdeckt. Insgesamt macht die Verarbeitung des Honor 6 einen sehr guten Eindruck, das Design ist jedoch nicht außergewöhnlich – es erinnert an eine Mischung aus Apples iPhone 4 und Sonys Xperia Z1 Compact.
Schneller Acht-Kern-Prozessor
Im Inneren des Honor 6 arbeitet ein Kirin-920-Prozessor mit acht Kernen in Big-Little-Architektur. Vier schwächere A7-Kerne mit einer Taktrate von 1,3 GHz werden mit vier stärkeren A15-Kernen mit 1,7 GHz kombiniert. Je nach Arbeitsaufgabe werden die Kerne aktiviert. Ein ähnlicher Prozessor, der Kirin 925, ist in Huaweis Ascend Mate 7 verbaut. Die Grafikeinheit ist laut Datenblatt eine Mali T628, laut der Benchmark-App GFX Bench allerdings eine Mali T624.
Das Honor 6 unterstützt neben Quad-Band-GSM und UMTS auch Cat6-LTE. In Asien sind verschiedene Honor-6-Versionen im Umlauf, die unterschiedliche LTE-Frequenzen bedienen. Die in Deutschland vertriebene Variante mit der Modellbezeichnung H60-L04 wird auch in Indien verkauft und unterstützt die Bänder 1, 3, 7 und 20 – und damit die in Deutschland wichtigen Frequenzen. WLAN beherrscht das Smartphone nach 802.11a/b/g/n, Bluetooth läuft in der Version 4.0. Ein GPS-Empfänger ist eingebaut, einen NFC-Chip hat das Honor 6 nicht. Der eingebaute Flash-Speicher ist 16 GByte groß, es gibt einen Steckplatz für Micro-SD-Karten. Apps können vom internen Speicher auf eine Speicherkarte verschoben werden.
Flüssig laufendes System
Mit dem Kirin-Prozessor und den 3 GByte Arbeitsspeicher läuft das Honor 6 sehr flüssig in den Menüs. Wir konnten keine Ruckler bemerken, auch mehrere geöffnete Apps bringen das Smartphone nicht zum Stocken. Grafisch aufwendigere Spiele laufen auch bei höchsten Grafikeinstellungen flüssig, etwa die Rennspiele Riptide GP2 und Real Racing 3.







In den Benchmark-Tests erreicht das Honor 6 mit Huaweis Ascend Mate 7 vergleichbare Ergebnisse. Im Geräte-Benchmark Geekbench 3 kommt das Smartphone im Single-Modus auf 857 Punkte, im Multi-Modus erreicht es 3.048 Zähler – beide Ergebnisse sind gleichwertig mit den Top-Geräten von HTC, LG, Samsung und Sony.
Bei den Grafiktests schneidet das Honor 6 wie das Ascend Mate 7 schwächer als Smartphones mit Qualcomm-Chips ab. Im Manhattan-Test des GFX Benchmarks erreicht das Honor 6 einen Offscreen-Wert von 8,1 fps – aktuelle Top-Smartphones von HTC, LG, Samsung und Sony kommen hier auf über 11 fps, das Galaxy Note 4 sogar auf über 18 fps. Im T-Rex-Test schafft das Honor 6 einen Offscreen-Wert von 16,5 fps. Mit 27 bis 28 fps liegen auch hier die Konkurrenzgeräte vorn, das Galaxy Note 4 führt die Liste mit 42,4 fps hier ebenfalls an. Im 3D Mark von Futuremark kommt das Honor 6 auf 13.374 Punkte – das sind rund 6.000 weniger als bei den Top-Geräten der Konkurrenz.
Gute Kamera
Auf der Rückseite des Honor 6 ist eine 13-Megapixel-Kamera mit zweifachem LED-Fotolicht eingebaut. Die Qualität der Fotos ist durchschnittlich, aber gut: Die Schärfe ist angenehm, feine Strukturen werden allerdings bei stärkerer Vergrößerung nicht allzu detailreich dargestellt. Die Farben sind in der Grundeinstellung etwas flau, der Nutzer kann sie im Normal-Aufnahmemodus im Menü aber kräftiger einstellen. Angesichts des Preises ist das Bildergebnis insgesamt gut und durchaus vergleichbar mit denen des Oneplus One oder des Ascend P7.
Standardmäßig arbeitet die Kamera des Honor 6 in einem intelligenten Modus, der die Bilder direkt nach der Aufnahme optimiert. Dies kennen wir bereits von Huaweis Ascend P7: Bei Tageslichtaufnahmen merken wir auch beim Honor 6 zwischen dem intelligenten und dem normalen Modus kaum einen Unterschied. Innenraumaufnahmen bei schummrigem Licht sehen mit der Optimierung deutlich besser aus.
Die übersichtlich gestaltete Kamera-App hat unter anderem einen Verschönerungsmodus, mehrere Filter, eine Panorama-Funktion, einen HDR-Modus und eine Gesamt-Fokus-Funktion. Hier kann der Nutzer im Nachhinein den Schärfepunkt verändern, was bei uns gut funktioniert.
Schnelle Fotos aus dem Standby-Betrieb
Vom Ascend P7 hat das Honor 6 die Schnellauslöse-Funktion im Standby-Modus übernommen: Drückt der Nutzer zweimal schnell hintereinander auf die Volume-Down-Taste, wird direkt ein Foto gemacht. Laut Huawei soll dies nur 0,6 Sekunden dauern, nach jedem Schnappschuss wird die benötigte Zeit angezeigt. Bei uns braucht das Honor 6 öfter auch länger als eine Sekunde, was direkt aus dem Standby-Zustand heraus aber immer noch recht schnell ist.







Die Frontkamera hat 5 Megapixel und eignet sich daher nicht nur für Videotelefonie, sondern auch für Selbstporträts. Vom Ascend P7 hat das Honor 6 auch die Panorama-Selbstporträtfunktion übernommen: Damit wird aus drei Einzelfotos ein Gesamtbild erstellt. Wie beim Ascend P7 funktioniert das auch beim Honor 6 gut.
Überrascht waren wir von der Qualität des einzelnen Lautsprechers auf der Rückseite. Er gibt Musik und anderes Audiomaterial mit satten Klängen wieder, selbst die Bässe sind gut wahrnehmbar. Die Höhen reißen nicht aus, insgesamt ist der Klang sehr rund.
Huch, ein IR-Sender!
Am oberen Rand des Honor 6 befindet sich neben der Kopfhörerbuchse und einer Öffnung für ein Mikrofon ein Infrarotsender. Diesen hat der Hersteller bei der Präsentation des Gerätes nicht erwähnt – womöglich weil auf dem Smartphone die passende App fehlt. "Out of the box" ist der IR-Sender also absolut nutzlos.
Dieser Umstand ist umso unverständlicher, da eine kurze Internetsuche direkt eine Lösung für das Problem aufzeigt. Wir sind sofort auf einen Forenbeitrag im malaysischen Vmall-Forum(öffnet im neuen Fenster) gestoßen, in dem eine passende Software angeboten wird. Vmall ist eine Art App-Store von Huawei im asiatischen Raum. Die App Smart Controller ließ sich bei uns problemlos installieren und funktioniert tadellos – sogar mit deutschsprachiger Bedienoberfläche. Findet der Nutzer aus der umfangreichen Datenbank von Fernsehern, Satellitenempfängern und sogar Klimaanlagen nicht das passende Modell, kann er dem Honor 6 auch mit Hilfe der eigentlichen Fernbedienung deren Befehle beibringen.
Großer Akku, keine besonders lange Laufzeit
Bei der Vorstellung des Honor 6 wurde stark betont, dass sich das Smartphone explizit an "Digital Natives" richte, die den ganzen Tag online sein wollen. Dementsprechend wurde ein mit 3.100 mAh recht großer Akku in das Smartphone eingebaut, der laut Honor eine Laufzeit von zwei Tagen bei durchschnittlicher Nutzung ermöglichen soll.







Dies können wir nicht bestätigen. Wir haben das Honor 6 wie jedes andere Smartphone im Alltag verwendet, haben also gesurft, etwas Musik gehört, Facebook, Twitter und E-Mails genutzt sowie zwei-, dreimal ein kurzes Video auf Youtube angesehen. Gerade so erreichen wir damit eine Laufzeit von einem Tag, um 0 Uhr hatten wir noch drei Prozent Akkustand. Das ist verglichen mit vielen anderen Smartphones, die mittlerweile beim gleichen Nutzungsverhalten problemlos anderthalb Tage durchhalten, kein guter Wert – insbesondere, wenn man Huaweis Hervorhebung einer langen Akkulaufzeit berücksichtigt.
Neuer, aber nutzloser Akkusparmodus
Huawei hat beim Honor 6 neben den üblichen Stromsparlösungen wie der Abschaltung bestimmter Funktionen eine neue Methode eingebaut, die Akkulaufzeit zu verlängern. Der Bildschirm-Sparmodus schaltet die Auflösung des Smartphones von 1.920 x 1.080 Pixeln auf 1.280 x 720 Pixel herunter, was eine Verlängerung der Laufzeit um bis zu 20 Prozent bringen soll. Das klingt zunächst interessant, in der Praxis bringt die Methode in unseren Tests aber rein gar nichts – wir erreichen bei gleichem Nutzungsverhalten ebenfalls eine Laufzeit von gerade mal einem Tag. Um 0 Uhr hatten wir auch im 720p-Modus nur noch 5 Prozent Akkustand.
Grund dafür dürfte sein, dass die physische Anzahl der Pixel nicht reduziert wird – die Bildschirmausgabe wird einfach nur heruntergerechnet. Die Helligkeit ist ebenfalls identisch, die GPU muss möglicherweise sogar mehr Rechenaufwand betreiben, weshalb der Bildschirm-Sparmodus – so interessant er auch klingt – in der Praxis außer einer gerade bei Schriften sichtbar schlechteren Bildqualität nichts bewirkt.
Wer wirklich die Akkulaufzeit verlängern will oder muss, kann den Ultra-Stromsparmodus verwenden: Wie beim Ascend Mate 7 wird hier bis auf die grundlegenden Telefonie- und Nachrichtenfunktionen alles abgeschaltet. Das bringt mehrere zusätzliche Stunden Laufzeit. Dann ist der Nutzungsumfang aber entsprechend eingeschränkt, der Browser oder Whatsapp funktionieren beispielsweise nicht mehr.
Android 4.4.2 und EMUI 2.3
Das Honor 6 wird mit Android in der Version 4.4.2 alias Kitkat ausgeliefert, darüber läuft Huaweis Benutzeroberfläche Emotion UI in der bereits etwas älteren Version 2.3. Die neue Version 3.0, die auch auf dem Ascend Mate 7 installiert ist, ist in Asien bereits für einige Honor-6-Modelle verfügbar, ein offizielles Update für das Modell H60-L40 gibt es noch nicht.
Dementsprechend muss der Nutzer auf neue Funktionen wie etwa die Schnellsuche nach Apps verzichten. Aber auch Emotion UI 2.3 bietet zahlreiche gute und praktische Funktionen, die wir im Test des Ascend P7 beschrieben haben, zum Beispiel die umfassenden Kontroll- und Einstellungsmöglichkeiten zu App-Berechtigungen und die Hinweise auf stromintensive Apps, die im Hintergrund laufen. Mit herunterladbaren Designs kann das Aussehen der Benutzeroberfläche schnell geändert werden, inklusive der Icons und der System- und Klingeltöne.
Verfügbarkeit und Fazit
Das Honor 6 lässt sich bei Amazon für 300 Euro beim offiziellen Honor-Versand(öffnet im neuen Fenster) bestellen. Zwar sind im Onlinehandel, unter anderem im Amazon Marketplace, auch Honor-6-Smartphones erhältlich, unter Umständen erhält der Käufer hier aber ein Modell, das die in Deutschland verwendeten LTE-Frequenzen nicht unterstützt.







Fazit
Das Honor 6 ist bei einem Preis von 300 Euro – und einer im Unterschied zum Oneplus One allgemeinen Verfügbarkeit – ein gutes Smartphone. Beim Preis-Leistungs-Verhältnis können nur wenige Smartphones auf dem deutschen Markt mithalten.
Das Display ist hochauflösend und mit einer Größe von 5 Zoll für viele Nutzer sicherlich angenehmer als ein Gerät mit größerem Bildschirm. Der Kirin-Prozessor ist ähnlich flink wie das im Ascend Mate 7 verbaute Modell, zusammen mit den 3 GByte Arbeitsspeicher konnten wir in unserem Test im Grunde fast keine Anwendung finden, die die Leistung des Honor 6 an die Grenzen brachte.
Emotion UI läuft auch auf dem Honor 6 flüssig, wenngleich die Android-Version 4.4.2 nicht mehr ganz aktuell ist. Die rückseitige Kamera macht gute Fotos, hier schneiden teurere Smartphone wie das Galaxy S5 oder das Lumia 930 aber besser ab. Besonders feine Details wirken stellenweise etwas verwaschen, die allgemeine Schärfe ist aber gut.
Enttäuscht sind wir von der Akkuleistung des Honor 6: An die versprochenen zwei Tage kommen wir in unserem Alltagstest nicht annähernd heran. Nach einem Tag ist bei uns definitiv Schluss. Daran ändert auch die Skalierung auf 1.280 x 720 Pixel nichts: Bei uns bringt der Bildschirm-Sparmodus rein gar nichts, wir kommen auf die gleiche Laufzeit. Dies ist besonders enttäuschend, da Huawei die lange Laufzeit als eines der Hauptmerkmale des Honor 6 herausstellt. Hoffentlich kann der Hersteller hier mit einem Update noch etwas nachbessern.
Für seinen Preis ist das Honor 6 trotzdem ein überdurchschnittlich gut ausgestattetes Smartphone und ein starker Konkurrent für das Oneplus One. Solange das Oneplus One nicht allgemein verfügbar ist, ist in dieser Preisklasse kaum ein Smartphone mit ähnlich guter Hardware ohne Umwege in Deutschland erhältlich: Geräte mit vergleichbarer Prozessorleistung und Display-Auflösung kosten meist mehr. Wer nicht viel für ein gut ausgestattetes Smartphone ausgeben will und mit der zumindest zurzeit eher knappen Akkulaufzeit sowie der verglichen mit dem Oneplus One älteren Android-Version leben kann, sollte sich das Honor 6 definitiv anschauen.