Homeschooling-Report: Wie Schulen mit der Coronakrise klarkommen

Lösungen von Open Source bis kommerzielle Lernsoftware, HPI-Cloud und Lernraum setzen Schulen derzeit um, um ihre Schüler mit Aufgaben zu versorgen - und das praktisch aus dem Stand. Wie läuft's?

Ein Bericht von Stefan Krempl veröffentlicht am
Viele Schulen haben bei digitalem Unterricht noch viel zu lernen.
Viele Schulen haben bei digitalem Unterricht noch viel zu lernen. (Bild: Sean Gallup/Getty Images)

In Deutschland und weltweit ist mit dem Covid-19-Ausbruch und den folgenden Schulschließungen ein einmaliges Experiment zum E-Learning gestartet. Millionen Schüler müssen hierzulande auf digitale Lösungen wie Schulserver zurückgreifen, die bislang meist stiefmütterlich behandelt wurden. Das klappt nicht immer.

"Jetzt schlägt die goldene Stunde der Arbeitshefte", sagt Sandra Papp (Name von der Redaktion geändert), Mutter dreier schulpflichtiger Kinder aus Berlin. Seit Mitte März ist Online-Lernen in der Hauptstadt Pflicht, denn die Schulen sind dicht, um das neuartige Coronavirus auszubremsen.

Homeschooling erfolgt dabei weitgehend auf Lowtech-Basis: Pünktlich um 8 Uhr morgens geben die Lehrer ihren Schützlingen per E-Mail Arbeitsaufgaben und verweisen auf Lesestoff in den meist noch analogen Schulbüchern. Nach einigen Stunden schicken die Lernenden ihre teils bereits online heruntergeladenen Arbeitsblätter ausgefüllt zurück - meist einfach per rasch erstelltem Smartphone-Foto.

Synchron mit Lehrern oder Mitschülern kommunizieren geht auch. Das Rheingau-Gymnasium in Schöneberg, wo Papps Tochter normalerweise in die Schule geht, setzt dafür die Messenger- und Kollaborations-App Wire ein. Dabei ist immerhin "alles durch Ende-zu-Ende-Verschlüsselung geschützt", wie es auf der Homepage des Anbieters heißt.

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Telefon- und Videokonferenzen sind zwar möglich, doch nutzen Schulen dies bisher eher selten. Für jede Unterrichtsstufe sei aber zumindest eine eigene Chat-Gruppe eingerichtet worden, berichtet Papp. Bei technisch anspruchsvolleren Lösungen mit Video und Streaming könnte ihre Tochter mit ihrem Mobiltelefon wohl gar nicht mithalten, da dies mehr auf Nachhaltigkeit als auf Rechenleistung angelegt sei.

Sie sei erfreut und verblüfft gewesen, mit welchem Druck die Schulleitung das zumindest rudimentäre E-Learning in die Hand genommen habe und dass es keine echten "Coronaferien" ohne jegliche Instruktionen gebe, sagt Papp. Von anderen, als internationale Vorzeigeschulen gehandelten Lernstätten in Berlin habe sie gehört, dass diese noch überhaupt nichts in puncto Fernunterricht an den Start gebracht hätten.

Aufgabensets über den Lernraum

Papps Sohn Otto (Name geändert) geht auf die Wilmersdorfer Friedrich-Ebert-Oberschule. Diese nutzt den Lernraum Berlin und damit die offizielle E-Learning-Plattform der Schulen der Hauptstadt. "Zurzeit sind die Server mit der unerwartet hohen Nutzung seitens der Lehrer und Schüler etwas überfordert", berichtet der Abiturient aus dem vom Warterädchen am Bildschirm geprägten Alltag der ersten verordneten Teleteaching-Woche. "Daran arbeiten die Zuständigen aber."

Im Lernraum würden primär Aufgabensets hochgeladen, die dann vom Schüler heruntergeladen, eventuell ausgedruckt und bearbeitet werden sollen, schildert Otto das Verfahren. Manche Lehrer setzten keine Abgabefristen, in der Regel werde aber erwartet, dass Hausarbeiten und Informationsbündel bis zum erneuten Schulbeginn tags darauf bewältigt würden.

Die Kommunikation mit den Lehrern und Schülern findet dem 17-Jährigen zufolge weniger über die vom Land Berlin bereitgestellte Open-Source-Lösung statt, sondern hauptsächlich über den von der gleichnamigen Firma angebotenen Schulserver Iserv. In unterschiedlichen Kursgruppen würden dort in der privaten Cloud täglich oder wöchentlich Aufgaben hochgeladen und im Chat diskutiert und gelöst. Weitere Kommunikationswege zwischen Lehrern und Schülern seien Whatsapp-Gruppen und normaler E-Mail-Verkehr.

Auf die plötzlichen Massenzugriffe nicht ausgelegt

Insgesamt funktioniere das E-Learning in Anbetracht der Tatsache, wie kurzfristig die alternativen Unterrichtsmodelle entwickelt worden seien, an der Oberschule "einigermaßen gut", lautet Ottos erstes Resümee. "Gerade für die Abiturienten bietet diese Phase die Gelegenheit, sich Methoden des Selbsterschließens und -lernens anzueignen, die bei der Prüfungsvorbereitung oder der möglichen universitären Weiterbildung hilfreich sein könnten."

Den persönlichen Kontakt und das traditionelle System ersetze dies aber mehr schlecht als recht. Schule fungiere schließlich auch "als soziales Förderungs- und Durchmischungsinstrument". Wenn Bildung und sozialer Hintergrund schwächer seien, "brauchen Schüler vermutlich den intensiven direkten Antrieb und die persönliche Betreuung durch einen physisch anwesenden Lehrer", glaubt der 17-Jährige. Dies könne Online-Unterricht nicht bereitstellen - egal in welcher Form.

Aus der Schule selbst erreichen die Eltern derweil Versprechen, dass bald noch mehr Lehrerkollegen Aufgaben einstellen. Dabei gibt es offenbar aber noch verschiedene Hindernisse. Sowohl Iserv als auch der Lernraum seien für die plötzliche Masse an Zugriffen nicht ausgelegt, und eine einheitliche Lösung für einen Schulserver sei in diesen ersten Tagen schwierig.

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