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Hollywood und das Internet: Sind wir schon drin?

Die neue Dokuserie Web of Make Believe taucht auf Netflix in die Untiefen des Internets ein. So realistisch hat Hollywood das Netz jahrzehntelang nicht thematisiert.
/ Peter Osteried
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Web of Make Believe läuft derzeit auf Netflix (Bild: Netflix / Montage: Golem.de)
Web of Make Believe läuft derzeit auf Netflix Bild: Netflix / Montage: Golem.de

Bei Netflix befasst sich die neue Dokumentationsreihe Web of Make Believe mit den dunklen Seiten des Internets – und damit ist nicht das Darknet mit seinen widerlichen Auswüchsen gemeint, sondern das Internet wie Normalos es nutzen, um Schaden anzurichten.

Im Lauf der Jahre haben Dokumentationen immer wieder eindrucksvoll die Schattenseiten des Internets aufgegriffen, aber auch die positive Entwicklung für die Gesellschaft nicht unterschlagen. Bei fiktiven Stoffen ist das schon deutlich schwerer zu erkennen, insbesondere, wenn man sich ansieht, wie Film und Fernsehen das Internet seit gut 30 Jahren einsetzen.

Auf die erste Phase von Techniküberschätzung und Alarmismus folgte die des Grusels, je nach Genre mit mehr oder weniger Realitätsbezug. Besonders spannend sind die neueren Werke, die möglichst echt von Echtem erzählen wollen – denn die Realität ist oft gruselig genug.

Ein ganzer Film auf einer Floppy Disk

Besonders kurios und abstrus ist die Darstellung des Internets in Filmen und Serien aus den 1990er Jahren. Damals war das Internet noch längst kein Massenmedium, aber Hollywood begann langsam, es zu entdecken. Einer der frühen Auseinandersetzungen mit dem Internet erfolgte in der vierten Staffel der Serie Picket Fences(öffnet im neuen Fenster) . In Das Objekt der Begierde montierte der kleine Zach den Kopf seiner Lehrerin auf eine Frau in einem Pornofilm – was natürlich absolut lebensecht aussah.

Das war im Jahr 1996 und sollte vor den Untiefen des Internets warnen, Hollywood hatte aber reichlich schräge Vorstellungen, was mit dem Internet zu der Zeit machbar war. Zach speicherte das Filmchen auf einer Floppy-Disk mit maximal 1,44 MByte Speicherplatz. Und erfand Deepfake, bevor es überhaupt jemand kannte.

Dunkle Kräfte in einem dunklen Internet

Schon im Jahr zuvor hatte Hollywood sich mit Hackers(öffnet im neuen Fenster) nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Was Angelina Jolie und ihre Kumpanen hier konnten, sozusagen das Versetzen des Geistes in den Cyberspace, spottete wirklich jeder Beschreibung.

Noch ein paar Jahre älter ist Der Rasenmähermann(öffnet im neuen Fenster) , der 1992 in die Kinos kam und eine Vorstellung von VR präsentierte, die selbst heute noch kühn wäre, fühlt man sich doch gleich an den Film Tron erinnert, wenn die Hacker in den Cyberspace vordringen – ganz davon abgesehen, dass die CGI-Effekte nicht gerade überragend sind.

Web of Make Believe – Trailer
Web of Make Believe – Trailer (01:45)

Generell muss man sagen: In den 1990er Jahren war Hollywood vor allem alarmistisch. Die Gefahren wurden hochgespielt, weil weder die Macher noch die Zuschauer wirklich Ahnung hatten. Paranoia spielte eine große Rolle, so etwa in Das Netz (öffnet im neuen Fenster) mit Sandra Bullock aus dem Jahr 1995, in dem die Hauptfigur einer Verschwörung auf die Spur kommt und dann zum Opfer eines besonders perfiden Falls von Identitätsdiebstahl wird: Man macht aus ihr in allen öffentlichen Datenbanken eine gesuchte Prostituierte.

Der unbedarfte Zuschauer musste da mitnehmen, dass in einer Welt abseits der seinen dunkle Kräfte sich jederzeit verschwören können. Im Grunde nimmt der Film die Paranoia vorweg, die heute manche an den Tag legen, die glauben, in Impfstoffen befänden sich Microchips, mit denen man sie überwacht. Das Thema war so heiß, dass es zuerst eine kurzlebige, gleichnamige Fernsehserie mit Brooke Langton und gut ein Jahrzehnt später eine Direkt-auf-DVD-Fortsetzung gab, die sich vor allem mit dem Thema des Identitätsdiebstahls befasste.

Realistische Ängste, filmisch genutzt

Je mehr das Internet auch in der breiten Masse ankam und damit auch Autoren und Filmemacher persönlich Berührungen machten, desto mehr veränderte sich auch Hollywoods Blick auf das World Wide Web.

Es tauchte in praktisch jedem Genre auf. Es war vor allem der Horrorfilm, der eine Chance witterte, mit der diffusen Angst des Publikums vor dem neuen Medium Reibach zu machen – zumeist natürlich in völlig abgehobenen Geschichten.

Ob nun Pulse (2006) mit einem Virus, der sich über das Internet verbreitet, Feardotcom(öffnet im neuen Fenster) (2002) über eine Website, über die Menschen sterben, oder Teile erfolgreicher Reihen wie Halloween: Resurrection (öffnet im neuen Fenster) (2002) oder Hellraiser: Hellworld(öffnet im neuen Fenster) (2005) – mit dem Slogan "Evil Goes Online" . Später gesellten sich noch Unknown User (öffnet im neuen Fenster) (2014) und das Sequel dazu und warnten vor falschen Profilen in sozialen Netzwerken. Eine reale Gefahr, die hier für Dämonen-Mumpitz genutzt wurde.

In Thrillern und Dramen wurde das Netz anders genutzt. Vor allem aber hatte man in Hollywood gelernt, mit dem neuen Medium zu leben und es adäquat in die Story einzubauen. Trust – Blindes Vertrauen(öffnet im neuen Fenster) (2010) greift ein besonders wichtiges Thema auf: das Groomen von jungen Mädchen im Internet. Hier ist es die Tochter des von Clive Owen gespielten Vaters, die im Internet einen Freund findet, der sich jedoch als Pädokrimineller herausstellt. Das mag im Verlauf des Films etwas plakativ dargestellt sein, die grundsätzliche Tendenz ist jedoch realitätsnah: Man weiß nicht, mit wem man im Internet spielt. Avatare, Profile, Bilder – das alles kann falsch sein.

Ist es das meistens? Wahrscheinlich nicht, aber das Internet hat es Tätern leichter gemacht, mit Opfern in Kontakt zu treten. Hier wird noch stark mit den Mechanismen des Thrillers gearbeitet, der deutsche Fernsehfilm Das weiße Kaninchen (öffnet im neuen Fenster) (2016) ist dagegen ein waschechtes Drama und vor allem so intensiv, weil er ohne Übertreibung vom Cybergrooming erzählt und die perfiden Methoden eines Pädagogen aufzeigt, der in sozialen Netzwerken seine Opfer sucht.

Der Thriller Searching(öffnet im neuen Fenster) (2018) mit John Cho in der Hauptrolle geht einen anderen Weg. Er zeigt, wie ein Vater über das Internet, über ihren Account in einem sozialen Netzwerk und bei anderen Anbietern nach seiner Tochter sucht und die Puzzlestücke zusammensetzt, um herauszufinden, was passiert ist.

In erster Linie nutzt der Film das Netz vor allem als Spannungsmittel und versetzt den Zuschauer in die Perspektive des sorgenden Vaters. Denn wie er sieht das Publikum, was sich auf dem Bildschirm abspielt, und ist ihm auch nie in irgendeiner Weise voraus, sondern findet mit ihm zusammen heraus, was als nächstes passiert. Der Film ist zwar eher statisch, er erzeugt mit diesem Format aber einen beklemmenden Realismus, da John Chos Figur nichts anderes macht als das, was jeder Mensch in derselben Situation auch tun könnte.

Die wahren Geschichten

Und dann gibt es natürlich noch die Filme, die möglichst realistisch von Echtem erzählen wollen, etwa The Social Network (öffnet im neuen Fenster) (2010) über die Entstehung von Facebook oder Inside WikiLeaks (öffnet im neuen Fenster) (2013) über Julian Assange und sein Enthüllungsnetzwerk.

Noch eindrucksvoller, weil einfach realer, sind die Dokumentationen, so etwa das brandneue Web of Make Believe(öffnet im neuen Fenster) bei Netflix, das in mehreren Folgen zeigt, wie die Gefahr aus dem virtuellen Raum in die echte Welt überschwappen kann – mit einem Hacker, der SWAT-Teams zum Haus Unschuldiger schickt, oder einem Mord, der ungelöst zu zahlreichen Verschwörungstheorien führt, die das Leben eines Mannes zur Hölle machen. Die sechs Folgen wurden von Dokumentationsprofi Brian Knappenberger inszeniert und von Ron Howard produziert.

Das verbindende Element aller hier gezeigten Geschichten ist die Desinformation, die über das Netz verbreitet wird, und wie klassische Medien sich da nicht nur einspannen lassen, sondern das Ganze aus Quotengeilheit auch befeuern – so etwa im Fall des Mordes an Seth Rich(öffnet im neuen Fenster) , der von Fox News aufgegriffen wurde, und das mit einer Berichterstattung, die das Fundament einer weitreichenden Verschwörungstheorie bildet.

Auch sehenswert ist The Internet's Own Boy(öffnet im neuen Fenster) : Die Geschichte des Aaron Swartz (2014), eines Programmierers, der sich das Leben genommen hat. Oder We Live in Public (öffnet im neuen Fenster) (2009), das zum 40-jährigen Bestehen des Internets erschien und anhand vom Internetpionier Josh Harris zeigt, wie sich die Welt verändert hat – wie Menschen immer mehr von sich preisgeben und das aus freien Stücken. So geht es auch um ein Experiment, bei dem er sechs Monate 24 Stunden am Tag unter Beobachtung stand, was zu einem mentalen Kollaps führte – der Preis, den er bezahlte, um öffentlich zu leben.

Catfish(öffnet im neuen Fenster) (2010) ist eine Dokumentation darüber, wie ein Mann eine Frau über das Internet kennenlernt. Beide unterhalten sich gut, sie findet aber immer wieder Ausreden, um Treffen zu verhindern, weil sich dann herausstellt, dass sie die ganze Zeit ein falsches Profil benutzt hat. Aber das merkt er erst nach Monaten und nach mehr als 1.000 Messages, in denen beide über Gott und die Welt gesprochen haben. Unter Catfishing versteht man heutzutage, wenn jemand sich im Internet als eine andere Person ausgibt. Der Begriff ist einer Fischerei-Methodik entliehen, bei der der Kabeljau, wenn er lebend von Asien nach Nordamerika gebracht wird, zusammen mit Welsen im Tank ist. Ohne die Welse wird der Kabeljau inaktiv und das Fleisch leidet darunter – mit den Welsen im Tank bleiben die Fische jedoch aktiv.

Aber es muss ja nicht immer nur schlecht sein. Letztlich hat das Internet uns allen wohl mehr Gutes als Schlechtes gebracht, so auch die wunderbare Dokumentation Life in a Day (öffnet im neuen Fenster) (2010), die fragt: Wo wart ihr am 24. Juli 2010? Während ihr darüber noch nachdenkt, könnt ihr den Film ja gucken und sehen, was Hunderte andere Menschen getan haben, denn die Doku wurde aus mehr als 4.500 Stunden Material zusammengestellt, das Menschen an jenem Tag bei Youtube hochgeladen haben.


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