Hör-Spiele: Games ohne Grafik
Wo ist der verdammte Aufzug? Wir stehen im Jahr 2047 in einem vermutlich riesigen Hotel unterhalb der Meeresoberfläche. Um uns herum hören wir Schritte und das leise Gespräch des Rezeptionisten mit einem Gast. Wir hören auch das leise "Pling", mit dem der Aufzug immer wieder seine Ankunft signalisiert. Nur sehen tun wir ihn nicht, denn in dem Hör-Spiel Blowback – Die Suche müssen wir den Lift auf unserem iPhone auch ohne Grafik irgendwie finden.
Blowback ist ein sogenanntes Audiogame, also ein Spiel, in dem wir in eine Welt eintauchen, die fast vollständig aus akustischen Signalen besteht. Es richtet sich natürlich besonders an Spieler mit Sehbehinderung, ist aber auch für Menschen mit nicht eingeschränkter Sehkraft eine spannende Erfahrung.
Audiogames gibt es schon länger, aber derzeit erlebt das Genre eine kleine Renaissance. In den 70er Jahren gab es einen einfachen Trick, um die damals beliebten Text-Adventures mit Text-to-Speech-Vorlesesystemen an die Bedürfnisse von Sehbehinderten anzupassen. Eine grafische Benutzeroberfläche gab es noch nicht, so dass es einfach war, seine Eingaben per Tastatur vorzunehmen.
Mit dem kommerziellen Siegeszug der Videospiele hatten die Games ohne Grafik dann aber rasch kaum noch Chancen in einer Branche, die stets auf der Suche nach dem nächsten Blockbuster ist. Immerhin: Firmen wie Sega und Nintendo haben – meist als Gameplay-Experiment – immer wieder kleinere Audiogames produziert, sie allerdings meist nur in Japan veröffentlicht.
In den westlichen Märkten hat das 2013 vom französischen Entwicklerstudio Playground Publishing für iOS produzierte Horror-Audiogame Papa Sangre dem Genre neuen Aufwind verliehen. Für die 2014 veröffentlichte Fortsetzung Papa Sangre 2(öffnet im neuen Fenster) konnte das Team nach positiven Wertungen für Teil 1 und offenbar guten Verkaufszahlen sogar den bekannten Schauspieler Sean Bean (Game of Thrones) als Hauptsprecher verpflichten.
Dieser Aufschwung hat wohl seinen Teil dazu beigetragen, dass es inzwischen gar nicht so wenige Fans von Hör-Spielen gibt: Das ebenfalls aus Frankreich stammende Entwicklerstudio Dowino(öffnet im neuen Fenster) konnte 2014 für das Projekt A Blind Legend über eine Crowdfunding-Plattform immerhin fast 45.000 Euro von der Community(öffnet im neuen Fenster) sammeln.
Viele der neueren, auf Deutsch erhältlichen Audiogames wie eben Blowback – Die Suche orientieren sich locker an Papa Sangre. Trotzdem: Auf wirklich weit verbreitete Standards können sie nicht setzen, sondern müssen experimentieren. "Ganz am Anfang stand die Frage: Wie bekomme ich es hin, auf so einem kleinen Telefon oder Tablet eine akustische Welt zu bauen, durch die man sich bewegen und in der man Geräusche um sich herum verorten kann", sagt Florian Conrad, einer der Programmierer von Blowback.
App setzt die Handlung fort
Der Titel ist eine besonders aufwendige Produktion von Deutschlandradio Kultur mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Das liegt auch daran, dass Blowback ein klassisches Hörspiel für das Radio ist. Die Handlung spielt im Jahr 2047, die Trinkwasserreserven auf der Erde gehen zur Neige. Eine Geophysikerin, die sich damit beschäftigt, verschwindet – und dann auch ein Agent, der nach ihr sucht.
Nach dem gut einstündigen Hörspiel setzt die gleichnamige Audiogame-App die Handlung interaktiv fort: Dann muss der Spieler in der Rolle einer Journalistin etwa den Lift im Unterwasserhotel finden, um weiterzukommen. Dazu muss er den Aufzug orten und dann mit einfachen Drehbewegungen auf dem Touchpad seine Richtung so ändern, dass das "Pling" direkt vor ihm ertönt.
Mit einem wechselseitigen Antippen des Bildschirms links und rechts läuft er dann auf das Geräusch zu. Grafik spielt dabei keine Rolle – auf dem Display sind lediglich einfache Symbole wie ein Richtungskreuz zu sehen, ohne die man aber auch gut auskommt.
Das Spiel klingt einfach, ist aber durchaus herausfordernd. Der Unterhaltungswert entsteht auch aus dem Lösen der Aufgaben. Noch wichtiger aber sind die atmosphärisch sehr dichte Geräuschkulisse, die Raum für Entdeckungen und die Fantasie lässt, sowie die exzellente Tonqualität und die sehr guten Sprecher. Auf der offiziellen Seite zu Blowback(öffnet im neuen Fenster) gibt es alle benötigten Infos zur Ausstrahlung (26. Januar 2015 um 21:30 Uhr) und der noch für Januar 2015 geplanten Veröffentlichung der App für iOS und später für Android.
Auf ein etwas anderes Konzept setzt der WDR mit seinem interaktiven Verschwörungsthriller "39". Darin erwacht die Hauptfigur mit einer Kugel im Kopf im Krankenhaus und muss herausfinden, wer warum geschossen hat. Hörbuch und App erzählen letztlich die gleiche Handlung, in der App kann man aber "neue Ebenen der Geschichte erschließen und weitere Puzzleteile zusammenfügen", wie die Macher auf ihrer Seite(öffnet im neuen Fenster) schreiben. Das Hörbuch ist ab dem 2. Februar 2015 um 23:05 Uhr auf WDR 3 Open zu hören.
Die App gibt es voraussichtlich noch im Januar 2015 kostenlos für iOS und Android. Sie setzt stärker als Blowback auch auf grafische Elemente. So muss der Spieler etwa durch das Wischen auf dem Touchscreen verborgene Objekte am Rand finden – Spieler sollten also keine allzu starke Sehbeeinträchtigung haben.
Auch "39" zeigt typische Stärken eines guten Audiogames: tollen Sound, der beim Anspielen sogar noch räumlicher klang als im per Kunstkopfsystem aufgenommenen Blowback, und viel Atmosphäre. Beide Titel zeigen, dass auch Games ohne oder mit wenig Grafik richtig viel Spaß machen können – sogar ohne einstürzende Wolkenkratzer.
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