Hochwasser-Katastrophe: Wie Menschen mit Alarmen umgehen

Nach der Hochwasserkatastrophe wird über Warnungen diskutiert. Aber werden die Warnungen von den Betroffenen überhaupt verstanden und beachtet?

Artikel veröffentlicht am , / dpa
Ein Warnschild
Ein Warnschild (Bild: ndemello/Pixabay)

Wenn in Kriegsgebieten die Sirenen heulen, suchen die Menschen Schutz in Bunkern. Wenn in Deutschland Sirenen heulen, gehen die meisten wohl eher von einem Testlauf aus. Der Vergleich mag weit hergeholt klingen. Doch mehrfach wurden die Bilder von Trümmern und Kratern, welche die Hochwasserfluten der vergangenen Tage hinterlassen haben, mit Überresten nach einem Krieg assoziiert.

Inhalt:
  1. Hochwasser-Katastrophe: Wie Menschen mit Alarmen umgehen
  2. Panik ist auch keine Lösung

Warum aber haben wohl die wenigsten mit einer Flutkatastrophe gerechnet, als die Warn-Apps in der vergangenen Woche auf den Smartphones surrten und Starkregen ankündigten. Warum gehen Leute noch eine Runde joggen, wenn Meteorologen vor Gewittern warnen? Frei nach dem Motto: Der Kelch wird schon an mir vorübergehen.

Aus Sicht von Ortwin Renn, Experte für Umwelt- und Risikosoziologie, liegt das vor allem daran, dass Deutschland bisher weitgehend gut davongekommen ist, wenn es um Naturgefahren geht. Zwar bleiben Sachschäden, selten aber geht es um so viele Menschenleben. "Wir haben eine lange Erfahrung damit, dass es glimpflich ausgeht", sagt der Direktor am Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam. Selbst hochwassererprobte Menschen gingen oft davon aus, bei einer Warnung reiche es, Sandsäcke vor die Türen zu legen.

Natur wird eher nicht als Gefahr wahrgenommen

Zudem würden Deutsche auch in Umfragen eher technische Gefahren nennen, vor denen sie sich fürchten. "Natur kommt eher als Park mit Enten und Schwänen daher", sagt Renn. "Nicht als Naturkraft mit Gewalten." In Italien etwa hätten die Menschen angesichts von Erdbeben ein anderes Verhältnis dazu. Renn vergleicht das mit der Coronapandemie: "Alle anderen Epidemien der vergangenen Jahrzehnte sind an uns vorbeigegangen." Anfangs hätten viele Corona unterschätzt. "Dann haben sie gemerkt: Wir sind doch verwundbar."

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Nun diskutiert die Politik über den Bevölkerungsschutz in Deutschland und darüber, ob früher und präziser gewarnt werden kann. Sehr genau vorhersagen lassen sich örtliche Starkregenereignisse aber nicht. "Selbst mit der besten Meteorologie nicht", betont Renn. "Eine etwas realistischere Einschätzung über Plötzlichkeit und Gewalt von Unwettern muss stärker ins Bewusstsein dringen."

Risikokompetenz und verständliche Warnungen per Cell Broadcast

Risikokompetenz nennt Gerd Gigerenzer das. Der Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz an der Universität Potsdam hat sich unter anderem der Frage gewidmet, warum wir fürchten, von einem Hai gefressen zu werden - aber keinen Gedanken daran verschwenden, dass wir auf dem Weg zum Strand bei einem Autounfall sterben könnten. Teils hänge es mit "biologischem Lernen" zusammen, teils mit "sozialem Lernen", schreibt er in seinem Buch "Risiko".

Als Beispiel führt Gigerenzer die Angst mancher Menschen vor Schlangen und Spinnen an, obwohl die wenigsten hierzulande giftig sind. "Müssten wir durch persönliche Erfahrung lernen, ob von einem Tier eine tödliche Gefahr ausgeht, hätten wir eine höchst begrenzte Lebenserwartung", schreibt er. "Das Angstobjekt ist genetisch 'vorbereitet', doch um die Angst zu aktivieren, bedarf es eines sozialen Impulses."

Wichtig ist aus Sicht von Gigerenzer, Risiken gut einschätzen zu können - selbst wenn nicht alle Fakten auf dem Tisch liegen. Als erstes nennt er in seinem Buch ausgerechnet Wetterberichte und dass viele nicht wüssten, wie sie Regenwahrscheinlichkeiten korrekt interpretieren müssten. Teils hätten Experten nie gelernt, Wahrscheinlichkeiten richtig zu erklären. Teils mangele es aber auch an der nötigen Ausbildung in den Schulen, moniert Gigerenzer.

Ähnlich argumentiert Bildungsforscher Benedikt Heuckmann, der an der Uni Hannover zu Risikowahrnehmung und Risikokompetenz bei Gesundheits- und Umweltthemen arbeitet. Wünschenswert wäre aus seiner Sicht, dass schon in Schulen ein kompetenter Umgang mit Risiken gelehrt würde - sowohl bezogen auf Umweltereignisse wie Naturkatastrophen als auch im Gesundheitsbereich wie bei Corona. Dabei sollte es auch darum gehen, Risikokommunikation wie Warnmeldungen angemessen einzuschätzen.

Diese müssen obendrein verständlich sein und die Menschen erreichen. Manuel Atug, Teil der AG-Kritis und des Chaos Computer Clubs (CCC), kritisiert die Nachrichten auf Twitter: "Mit kryptischen Meldungen wie '200l/qm' oder 'Pegel von 7,3 Meter für den Fluss Tüdelü' ohne Kontext kann die Warnung auch nicht die Zielgruppe adressieren." Zudem würden derzeit nur die App-Nutzer erreicht, aber nicht alle Betroffenen, insbesondere ältere Menschen. Es brauche wieder Sirenen und dringend einen Cell Broadcast, also Warn-SMS, die direkt an die in einem Gebiet eingebuchten Mobiltelefone gesendet werden.

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Panik ist auch keine Lösung 
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Vollstrecker 22. Jul 2021

25 Liter in der Stunde? Du meinst wahrscheinlich 25 Kubikmeter in der Stunde.

Mandri 21. Jul 2021

Die Ansage (zumindest des DWD) war, dass es zu heftigen Überschwemmungen und Erdrutschen...

captain_spaulding 21. Jul 2021

Das Problem sind die unspezifischen Warnungen der Apps oder des Wetterdienstes. "Regen...

captain_spaulding 21. Jul 2021

Die meisten Warn-Probleme gibt es eigentlich gar nicht wenn man genug Information...



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