Hochbegabt in der IT: Plötzlich Besserwisser

Irgendwann im Leben stellen sich vermutlich die meisten Menschen eine sehr grundlegende Frage: Was hätte aus mir werden können, wenn ...? Besonders frustrierend dürfte das Durchkauen womöglich verpasster Gelegenheiten sein, wenn es nicht nur an eigenen Entscheidungen liegt, sondern weil verborgenes Potenzial übersehen und nicht gefördert wurde.
Rund zwei Prozent der Bevölkerung sind hochbegabt. Zu diesem exklusiven Kreis darf sich zählen, wer einen Intelligenzquotienten von mindestens 130 hat. Unter ihnen sind auch sogenannte Späterkannte: Hochbegabte, deren Talente nicht schon zu Schul- und Jugendzeiten oder im jungen Erwachsenenleben entdeckt wurden, sondern nachdem grundlegende Entscheidungen des Lebens bereits getroffen sind.
Bao Le ist einer von ihnen. Weil er sich an seinem Arbeitsplatz zu wenig ausgelastet fühlte, nahm er kurz vor der Pandemie nebenbei ein Informatikstudium auf. In den Wochen vor der Abschlussarbeit habe ihn ein Dozent zur Seite genommen. "Er hatte die Vermutung, dass ich hochbegabt sein könnte," erinnert sich Bao Le. "Ich habe gleich gesagt, dass ich mir das nicht vorstellen kann."
"Ich habe mich gewundert, warum ich vor allen anderen fertig war"
Ein halbes Jahr später machte er trotzdem den IQ-Test beim Hochbegabten-Verein Mensa in Deutschland - und der bestätigte die Vermutung des Dozenten. Da war Bao Le dreißig Jahre alt.
Anzeichen für seine Hochbegabung habe es schon früher gegeben, erzählt er. Als er sich 2009 bei seinem heutigen Arbeitgeber für eine Ausbildung als Mechatroniker bewarb, schlug das Unternehmen vor, er könne stattdessen als Fachinformatiker einsteigen. "Im Bewerbungsprozess gab es mehrere Tests. Ich habe mich gewundert, warum ich vor allen anderen fertig war. Wahrscheinlich ist es da aufgefallen." Auf eine mögliche Hochbegabung hat ihn damals aber niemand hingewiesen.
Niemand kam auf die Idee, dass er schlicht unterfordert war
Als das Ergebnis seines Mensa-Tests feststand, habe er erst ungläubig reagiert, später sei er erleichtert gewesen: "Im Nachhinein haben viele Sachen aus der Vergangenheit einen Sinn ergeben," sagt Bao Le.
Zu Schulzeiten habe er im Unterricht manchmal geschlafen und nach Aufforderung des Lehrers trotzdem sofort die Aufgaben an der Tafel lösen können. "Es hieß immer: 'Er hat Potenzial, wenn er sich nur mehr anstrengen würde'" , erinnert sich Bao Le. Niemand sei auf die Idee gekommen, dass er schlicht unterfordert war.
Weil manche Verhaltensweisen von hochbegabten Kindern, darunter mangelnde Impulskontrolle, hoher Bewegungsdrang und viel Energie, den Symptomen der Aufmerksamkeitsstörung ADHS gleichen, ist die Unterscheidung schwierig.
Fehldiagnosen sind auch heute noch verbreitet. Manchmal überschneidet sich sogar beides. Wird Hochbegabung nicht erkannt und gefördert, können psychische Beeinträchtigungen drohen.
Toll für "aufgeschlossene Arbeitgeber"
In großen Unternehmen sickert derweil die Erkenntnis durch, dass Hochbegabte eine Bereicherung darstellen können. Die Deutsche Bahn etwa hat Hochbegabung in ihre Diversity-Strategie eingebunden. "Für aufgeschlossene Arbeitgeber ist es toll, Hochbegabte im Unternehmen zu haben," sagt Sybille Beyer, Sprecherin von Mensa in Deutschland und selbst eine Späterkannte. "Sie bringen neue Sichtweisen ein, arbeiten schnell und gründlich und haben einen extrem hohen Anspruch an sich, sind sehr selbstkritisch."
Weil Hochbegabte oft ein großes Bedürfnis nach Individualismus hätten und Teamarbeit als anstrengend empfänden, sei die IT-Branche für sie vielleicht ganz gut geeignet, glaubt Sybille Beyer. "Es geht darum, eine Aufgabe zu lösen und es ist dir überlassen, wie du es anstellst. Eigenverantwortliches Arbeiten kommt Hochbegabten sehr entgegen." Außerdem sei es in der Branche völlig normal, ein bisschen nerdy zu sein.
Als ITler in einem großen Unternehmen fühlt sich Bao Le entsprechend gut aufgehoben. Trotzdem teilt er nach mittlerweile fünfzehn Jahren im gleichen Betrieb die Erfahrungen von vielen Hochbegabten: "Die Prozesse beginnen schnell, mich zu unterfordern."
Hochbegabte haben Sorge, als elitär zu gelten
Seine Aufgaben seien häufig zügig gelöst gewesen und hätten sich wiederholt. "Die Anfragen, die andere stellen, erscheinen mir oft trivial." Bao Le arbeitet im Mobile Device Management, dort wissen die Kolleginnen und Kollegen von seiner Hochbegabung - in anderen Abteilungen sei er früher nicht so offen damit umgegangen
Viele Hochbegabte gingen mit ihrer Besonderheit nicht hausieren, sagt Sybille Beyer. "Sie haben Sorge, dass sie als elitär gelten oder mit der Erwartungshaltung konfrontiert sind, alles zu wissen." Dabei seien alle Hochbegabten verschieden und hätten unterschiedliche Fähigkeiten. Sybille Beyer plädiert für einen offenen Umgang im Beruf: "Die Kollegen können dann einfach besser einschätzen, warum jemand ein bisschen anders tickt."
Eine Erfahrung, die Bao Le allzu gut kennt. "Die soziale Interaktion fällt mir manchmal schwer, da will ich mich verbessern," sagt er. Wenn es ihm um die Sache gehe, das rasche Fortkommen bei einem Problem, könnten freundliche Umgangsformen schon mal in den Hintergrund treten. "Das kann andere schnell vor den Kopf stoßen."
Deshalb arbeite er nicht im direkten Kundensupport. "Das machen die Kollegen, ich kümmere mich um den technischen Bereich. Es ist bekannt, dass ich da etwas spezieller bin."
Das Erkennen seiner Hochbegabung habe ihm geholfen, die Leistungen der Kolleginnen und Kollegen einordnen zu können. Es sei oft frustrierend gewesen, wenn sie Lösungsansätze nicht ähnlich oder langsamer bewerteten. "Es klingt zwar abgehoben, aber es hilft, dass ich weiß, dass ich logischer denken kann als 98 Prozent der Bevölkerung und Dinge schneller verarbeite."
Mitunter kann das Auftreten von Hochbegabten im Betrieb besserwisserisch wirken - besonders, wenn die Kolleginnen und Kollegen nicht eingeweiht sind. "Dann kann schnell der Eindruck entstehen, man wolle am Stuhl der Vorgesetzten sägen, weil man Kompetenzen hat, die auf der Sachbearbeiter-Ebene vielleicht gar nicht gefragt sind," sagt Sybille Beyer aus eigener Erfahrung.
"Sie wollen ihre Ideen einbringen und bei der Umsetzung in Ruhe gelassen werden"
Studien zeigen dagegen, dass es Hochbegabte nicht selbstverständlich auf höhere Positionen anlegen, sondern andere Prioritäten setzen. "Viele wollen gestalten, ihre Ideen einbringen und bei der Umsetzung gerne in Ruhe gelassen werden." Das gilt so ähnlich auch für Bao Le. Sich zurückzulehnen, sei für ihn keine Option, "ich will gefordert werden." Gestalterischer Freiraum und ein offenes Ohr für Ideen seien ihm wichtig.
Seine Idealvorstellung kann er sofort abrufen: "Vorgesetzte sollten Vertrauen in hochbegabte Mitarbeiter legen, ihnen Kontrolle übertragen und einfach fragen: 'Was brauchst du dafür?'"



